Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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118 was zu tun war. Die rechten Tropfen, das Aetherfläschchen, die warmen Tücher auf der Herzgegend, die frische Lust durch das geöffnete Fenster, die geräuschlose Art — lauter Wohltaten. „Alle rechten Frauen sind Mütter," sagte er noch zu sich, und dann schwanden seine Sinne, Aber noch im Versinken fühlte er, wie ihre Hand sich um die seine schloß, als wolle sie ihn halten. Und das war ein süßes, .trostvolles Gefühl, als müsse er nicht ganz allein ins Dunkel .hinaus. Mit diesem Gefühl wachte er auf. — Wieder saß sie neben ihm, mit dem einfachen, gütigen Gesicht, das sie früher nicht gehabt hatte, mit der neuen mütterlichen Besorgnis in den Augen, die etwas Beruhigendes, Heimatliches hatten. Und schon wehrte er sich nicht mehr gegen sie. „Du hast so liebe Äugen, Luise." Sie stand aus und legte ihren Kopf nahe neben den seinen auf das Kissen. „Ich bin Dein Weib, ich gehöre zu Dir," flüsterte sie, „ich würde für Dich sterben, wenn ich könnte." Es war, wie wenn ein Strom von Leben durch seine Adern ränne; in all' seiner grenzenlosen Schwäche ergriff ihn ein Gefühl von Glück. „Warum habe ich Dich nicht früher kennen dürfen?" Sie schmiegte ihre Wange noch näher an die seine. „Es ist noch nicht zu spät! Nimm mich jetzt noch au Dein Herz. Laß uns beide fühlen, wie sehr wir zu einander gehören." „Mein Weib, mein alles!" Glückliche letzte Tage waren es, die sie verlebten. Ihre Finger umschlossen noch seine in Todesstarre erkaltende Hand, ihre bebenden Lippen flüsterten das uralte, hochheilige Bekenntnis Israels, das da ausrichtet die Gebeugten, tröstet die Trauernden: „Sch’ma jisroel, adonai elohenu adonai echod!“ als sein Geist sich zu Gott emporschwang. Ihre Liebe nahm er mit sich in die Ewigkeit; die seine blieb ihr als leuchtende Erinnerung für den Rest ihrer eigenen Tage. Literarische Mitteilungen. Bereschit Rabba mit kritischem Apparate und Kommentare von I. Theodor, Rabbiner in Blrjanowo. Lieferung 111—V. Berlin 1906—1909 (Selbstverlag des Verfassers). In rascherer Folge als früher - schreitet Theodors vortreffliche Edition des Midrasch Bereschit rabba fort, die letzten Jahre haben drei neue Lieferungen gebracht und damit das Werk bis zur Mitte gefördert. Der Herausgeber ist unermüdlich tätig, die Hilfsmittel zur Feststellung des Textes zu vermehren und jede mögliche Sorgfalt für Gewinnung guter Lesarten aufzubieten. So benutzt er seit Kap. XIX (S.- 169) eine Handschrift der Kgl. Landesbibliothek in Stuttgart; im neuesten Heft von Kap. XXXV (S. 328) ab eine yemenitische Handschrift von Elkan N. Adler in London; von S. 309 bis 315 sind auch Varianten aus Genisä-Fragmenten der Bodleiana herangezogen, die nicht jünger als das Ende des XI. Jahrhunderts sind. Die Lesarten der Kodizes und der alten Drucke sind im kritischen Apparat nach wie vor mit jener Vollständigkeit und Genauigkeit verzeichnet, die in diesem Blatte schon früher gerühmt wurden. Der Kommentar bringt in erster Reihe Parallelen aus dem Talmud oder dem Midraschim und bietet daneben kurze sprachliche und sachliche Erläuterungen, hebt naturgemäß auch die Vorzüge der neuen Lesarten hervor. Ter hohe Wert einer kritischen Textausgabe braucht für .den Kundigen nicht besonders hervorgehoben zu werden. Würden wir nichts weiter erhalten als die ursprünglichen Formen der. Namen von Personen und Oertlichkeiten, als eine korrekte Schreibung der vielen entstellten Fremdworte, so wäre das schon ein unschätzbarer Gewinn, aber die Handschriften bieten darüber hinaus einen grammatisch und syntaktisch richtigen Text gegenüber der Verwilderung in den Ausgaben, bieten Vollständigkeit in Bibelzitaten, erleichtern die Auffindung des Zusammenhanges, der Begründung der Auslegung. Einige -Beispiele sollen das erläutern. Für Fremdworte. Von Sem und Japhet heißt es, daß der eine den,Gelehrtenmantel verliehen erhielt, der andere den Philosophennmntel. Das.letzte Wort lautet in den Ausgaben wird bei Levy IV,. 13 a p:>lla oder pallium wiedergegeben, was zum Lautbestand wenig Paßt; Theodors beste Handschrift liest paenulä (Kap. XXXVI, 6. S. 339) Kurz darauf (das. 7, S. 341) wird Hams Verhalten tadelnd verglichen mit „einem, der seine Münze im Haufe des Königs aufschlägt" (Levh III. 52). Die Ausgaben lesen ‘"pfO/ die Handschriften 1^28 S. 319 (Kap.XXXIV,Ä) heißt ypvn ITTD HiO; das letzte Wort fehlt in den Ausgaben und demnach in den Wörterbüchern, es bedeutet nach Jmm. Löws Erklärung vassoio Schüssel und ist eine Glosse.zu dem unmittelbar folgenden DIpDH- Für die Orthographie der Namen ist besonders Kap. XXXVII (S. 343-350). die Völkertasel, für geographische Bezeichnungen Kap. XXXIII, 308 ff. lehrreich. Namen von Agadisten erscheinen fast in jedem Kapitel korrekter als in den Ausgaben. Ebenso steht es mit dem Wortlaut. Man vergleiche z. B. die Erzählungen über R. Jehuda ha Rast im Kap. XXXIII (S. 305 ff) mit den Ausgaben des Bereschit rabba und des Talmud jer. und wird überall die weit reinere Sprachform in Theodors Ausgabe erkennen. Solche Nachweise ließen sich beliebig vermehren, die Abschreiber, auch viele Drücker, haben mit dem Text willkürlich geschaltet, h.iben fortgelasscn, haben Glossen und Erklärungen in den Text gebracht. Man vergleiche z. B. Kap. 1X1,, 15 zu Gen. 12,7 (S. 379) sowie die gleich darauf folgende Stelle, wo die Ausgaben mehrmals und verwechseln (S. 380). In Kap. XL, 3 (S. 382) haben die Ausgaben eine ganze Agada gestrichen und kurz aus eine andere Stelle verwiesen. Wo man näher zusieht, ergeben sich die Vorzüge der Ausgabe Theodors leicht. Es bleibt zu wünschen, daß dem Werke die Gunst eines großen Leserkreises zuteil wird, damit der Verfasser, in die Lage kommt, sein für die Wissenschaft so wichtiges Werk rasch zu Ende zu führen. I. El bogen-Berlin. * Rosenthal, Ludwig A. Dr. lieber den Zusammenhang der Mischna, ein Beitrag zu ihrer Entstehungsgeschichte. Erster Teit: Die Sadduzäerkämpfe und die Mischnasammlungen vor dem Auftreten Hillels. Zweite stark vermehrte und verbesserte Auflage, Straßburg 1910. Karl I. Trübner. Dem langatmigen Titel entsprechend ist auch der Jnhalt d.es Buches, in dem der Leser sich nur mit großer Mühe zurechtfindet. Wir stimmen dem Verfasser bei, wenn er im Vorwort bemerkt: „Je unbekannter das gesamte talmudische Fach geworden ist, je fernliegender unserer Denkart und unserem Wissen die Gegenstände sind, die es erfüllen, desto notwendiger ist ihm eine Behandlung, in welcher es den Kindern der Neuzeit wieder lebendig'werden kann." Allein wir bezweifeln, ob das uns vorliegende Buch, dem ein literarischer Wert nicht abzusprechen ist, sich auch eignet, „das unbekannt gewordene talmudische Fach den Kindern der Neuzeit" lebendig zu gestalten. Das Buch verrät große Belesenheit des Verfassers; sein ernstes Streben nach Erforschung der schwierigen Materie gewährt auch, allerdings nur dem fachkundigen Leser, einen Einblick in den Werdegang der Mischna, aber es enthält nur wenig Neues, und das Wenige beruht mehr auf gewagten Hypothesen als auf wissenschaftlichen Ergebnissen. ' — Die'§§ 52 bis 57 des Buches sollen nach den Worten des Verfassers bekunden, wie weit seine Darstellungen sich von der Ansicht Geigers unterscheiden, wonach die Pharisäer nach dem Falle des Tempels und der völligen. Zurückdrängung der Sadduzäer es für nötig gefunden,'die ältere Halacha in sadduzäerfeindlichem Sinne völlig umzuwandeln. Nun wir wollen und dürfen dem Verfasser das Recht, anderer Meinung zu sein, nicht absprechen. Allein die Geigersche Ansicht, ist nicht.ohne weiteres zurückzuweisen; sie findet selbst in den vom Verfasser angeführten Stellen die den Streit zwischen den Pharisäern und Sadduzäern streifen, unumstößliche Begründung. Ich verweise hierbei noch' besonders auf das Kapitel 5 des Buches, in dem der Verfasser die gegen»