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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 Länder durchreiste, übrigens einige Jahrzehnte später in ziemlich kläglicher Weise endigte. Das ist die einzige Stelle, in der der Dichter von seinem Plane spricht, einen Juden in seinem Roman auftreten zu lasten. In der bisher bekannten späteren Fassung hat er die Absicht nicht ausgeführt. Wohl aber wäre es denkbar, daß damals 1782, der Idee die Ausführung folgte. Denn Goethe gehörte zu den Dichtern, die zwar vieles liegen ließen, manches nicht recht weiter brachten, wenn sieauch häufiger von seiner Inangriffnahme redeten, anderseits aber auch zu denen, die imstande waren, eine rasch hingeworsene Idee schnellstens auszuführen. Es wäre daher gar nicht undenkbar, daß sich in jener ersten Fassung des Romans Wilhelm Meister Ansätze zu einer Charakteristik des oder der Juden, vielleicht gar ausführliche Schilderungen fänden. Wäre dies der Fall, so bedeutete die Auffindung der Handschrift auch für die Juden einen großen kulturgeschichtlichen Gewinn. Aber wenn auch diese Hoffnung fehlschlagen sollte, so dürfen auch wir uns an dieser Bereicherung unserer Literatur herzlich erfreuen. L. G. Drr Sirg der Lirbr. Novellette von Regina Reißer. II. T2^ei* Kranke lag in einem schweren Halbschlummer. Die >4^ fieberhaften Träume der Mitternacht hatten ihn weit über Raum und Zeit hinweggetragen zu längst Verstorbenen, die er in seiner Jugend geliebt hatte, und die seine Liebe innig erwiderten. Namen, die seine Lippen seit Jahrzehnten nicht genannt, flüsterte er vor sich hin oder rief sie laut mit dem Ausdrucke des Verlangens und des Heimwehs. Schon schienen die Bande der Gegenwart gelockert; schon fand seine wandernde, suchende Seele zu denen sich zurück, mit denen er wahrhaft gelebt, nicht nur verkehrt hatte. Frau Luise saß still auf dem Stuhle, den sonst die Schwester inne hatte. Sie lauschte diesen abgebrochenen, sehnsüchtigen Tönen, und verstand was sie klagten. Und sie begriff: es gibt keine Seele, und sei sie auch die weltlichste und äußerlichste, die verdorbenste und kälteste, die sich nicht im Grunde nach der reinen Liebe und Güte, die in Gott ihren letzten Urspung hat, sehnt als nach ihrem wahren und einzigen Heimatlande. Im schwachen Lichte der Krankenlampe hingen ihre Blicke suchend und forschend an dem müden und abgemagerten Antlitz, das so bleich in den Kissen lag, dessen Augen tief in ihre Höhlen zurückgesunken waren. Die Begierden, das Lächeln, der Spott, die kühle Oberflächlichkeit, mit denen das Leben dieses Gesicht gezeichnet hatten, waren nicht mehr zu finden. Der von Natur edle Schnitt kam zur Geltung, die Traurigkeit des schweren Leidens, fast schon die Majestät des nahenden Todes und mit ihnen die Ursprünglichkeit des Menschen, wie sie der Schöpfer gewollt hatte. Und ein tiefes Mitleid ergriff sie mit diesem sterbenden Menschen, der mit weicher Stimme nach den Geliebten seiner Jugend rief. Leise, leise stahlen ihre Finger sich in die zuckende, fieberheiße Hand, und es schien, als teile sich die Liebe, die Güte, das Verständnis, die in dieser Berührung lagen, den aufgeregten Nerven des Kranken mit. Ein stilles, schönes Lächeln ging über sein Gesicht, und wie ein befriedigtes Kind fragte er: „Ach, Mutter, liebe Mutter, bist du es?" Da rannen Tränen über das Gesicht der Frau, und mit seliger Gewißheit fühlte sie, daß sie da war, wo Gott sie wollte, wo ihr Platz war, wo sie innner hätte sein müssen. Und der Kranke schlief lächelnd weiter, mit ihren Fingern in seiner Hand. Groß traf sein Auge das ihre, als er am Morgen erwachte. So mild, so weich, so einfach war ihm dieses schöne, und doch oft so herbe und hochmütige Gesicht noch nie erschienen. Und dennoch war das erste, das er zu ihr sprach, eine konventionelle Phrase: „Aber Luise ich bitte Dich! Du ermüdest Dich unnötig. Wo ist die Schwester?" Wie hätte er auch wissen können, daß sie aus Liebe und um Liebe gekommen war. Niemals, ach niemals war zwischen ihnen die zarte Brücke geschlagen worden, auf der die Liebe wandert. Aber die Frau war entschlossen, den Weg zu finden. „Ich kam, weil ich kommen mußte. Mein Platz ist bei Dir. Der Arzt sagte mir, daß Du Dich schlechter fühltest, daß Du leidest. Es machte mich glücklich, daß Du geschlafen hast." Er sah sie etwas skeptisch, etwas mißtrauisch an. „Na, macht Dich das glücklich? Ich will Dir etwas sagen, liebe Luise; Sentimentalität war nie zwischen uns, und ich fürchte. Du kennst meine Gewohnheiten nicht. Die Schwester hat sich so gut in mich eingelebt. Es wäre mir lästig, wenn ich Dich um alle möglichen Dinge bitten müßte — ich würde es kaum wagen. Wirklich, dafür bist Du gar nicht gemacht." Seine Worte taten ihr wehe, fast wäre sie trotzig und erkältet aufgestanden. Aber sie tat es nicht. „Heute nacht hast Du stark gefiebert," sagte sie. „Du riefst nach Deiner Mutter, da legte ich ineine Hand in Deine, und Du wurdest ruhig und schliefst ein. Das brachte mich auf die Idee, daß ich wohl doch etwas mehr für Dich tun könnte als die Schwester und die bezahlten Hände." Ihre Stimme auch klang ihm neu. Er richtete sich auf einem Arm in seinen Kissen auf und sah sie so scharf an, wie es seinen durch die Krankheit getrübten Augen möglich war. „Der Doktor hat Dir wohl gesagt, daß ich sterben muß? Was? Du befindest Dich offenbar in einem mir fremden Stadium der Rührung!" „Der Doktor hat mir gesagt, daß Du sehr krank seiest und meiner bedürfest." Ihre Stimme klang plötzlich schwach — die überwachte Nacht machte sich geltend. Sie brach in Tränen aus und fügte hinzu: „Ich hasse es, zudringlich zu sein! Wenn ich Dir lästig bin, will ich gehen." Eine große Mutlosigkeit hatte sie plötzlich erfaßt. lXtib doch raffte sie sich noch einmal zusammen. „Ich meinte nur, da ich doch Deine Frau bin und mich dieses Namens nicht unwürdig gezeigt habe, wäre ich gern in diesen schweren Stunden bei Dir, um Dir meine Liebe zu zeigen." „Deine Liebe . . ." Leise, leise, wie ein großes Erstaunen kam es in sein Gesicht. Liebe! Welch ein fernliegender kindlicher Begriff! „Es ist sehr gütig von Dir!" wollte er sagen, aber er verschluckte das Wort. Er fühlte, daß sie in tiefem Ernste gesprochen hatte, und suchte nach einer Antwort, die sie nicht kränken sollte. „Ich werde glücklich sein, wenn Du bleibst," erwiderte er schließlich, und dann kam eine Ermüdung und ein Krampf. Halb bewußtlos wunderte er sich noch, daß sie so genau wußte.

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