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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 metaphysische Drang, wie er noch in jedem wahren Denker und Philosophen gesteckt hat, uns aus dieser tödlichen Verlegenheit des Daseins irgendeinen höheren Ausweg zu weisen, nicht der geringste Skrupel, ein logisch-geistiges Gebilde wie das „Ich" von Würmern mitzernagen zu lassen. Aber wenn wir doch selbst nicht aufhören, dem Worte „Freidenker" eine aktuell mindestens immer noch faszinierende Kraft zuzuschreiben (mag diese nun leiten, wo immer hin), oder wenn wir an Lessing denken, in dessen Zuge doch nun Acosta erscheinen könnte (natürlich nehmen wir auch die Lessingschen eigentlichen Gedanken von der Unzeitgemäßheit nicht aus): warum sträuben wir uns auch da noch, die, wenn auch nur unklar ein Ethisches fördernde Kraft der „Exemplar"-Gedanken anzuerkennen? Weil wir glauben, daß hiermit die ganze Bedeutung dieses Testaments gar nicht ausgedrückt wird, der Schwerpunkt seiner richtigen Wertung und Schätzung sich völlig verschoben hat. Das Exemplar Humanae Yilae ist wirklich ein Dokument menschlichen Lebens, wie es von unmittelbar erschütternder Wirkung vielleicht nur den großen Trauerspielen der Dichtung an die Seite zu setzen ist, wie diese spricht es nicht von dem armen einzelnen empirischen Leben, sondern symbolisch ans dem großen, reinigenden Gewitter der Katastrophe, welches zugleich die Katharsis, die sittliche Läuterung ist. Wer da glauben kann, dieser Uriel habe im höchsten Affekt, da er schon zu sterben beschlossen hat, noch eine sorgfältig-überlegte, logischlückenlose Philosophie hingeschrieben und hinschreiben wollen, der versteht wohl nicht diese zitternde, von brennenden Tränen zuweilen ganz erstickte Sprache, die immer wieder von Ausrufen der Empörung: 0 co6ci, O,ihr Blinden! malae bestia — ihr wilden Tiere, wie übermannt zu werden scheint. Nein,' der Affekt hat hier Acosta nicht plötzlich zum Philosophen machen können, wohl aber zu einem großen, großen Dichter, dessen Wahrheit nicht in den einzelnen Worten,' sondern in der alles durchdringenden Idee zu suchen ist, zum Dramatiker, der nach Hebbels Ausspruch immer „dialektisch" ist. Und wie zur Bestätigung dieses einzigen Sinnes, so werden wir selbst zuletzt, erst wir,i) lediglich zu Zeugen und Richtern dieses Nechtsfalls vom „Exemplar" ausgerufen (charakteristisch: für Acosta selbst war das Leben eben keine gelöste Frage, überhaupt nichts Verständliches, darum wollte er nur suchen, es abzuschildern, wie es ist!) — nun, wie lautet denn heute unsere Entscheidung? Bemitleidenswert Acosta — zweifellos! Aber dreimal bejammernswerter eine ganze Gemeinde, die in der finstersten Nacht des Wahns, der Orthodoxie und des Fanatismus — während die göttliche Wahrheit des Bibelworts neben ihnen! — dahinlebt, vom Schicksal mit goldenen Palästen bedacht am Ritual sich abächzt und abquält, während sie auf einen anderen sich auch Abächzenden und Abringenden Steine wirft! Daraus werden hoffentlich auch die Orthodoxen unserer Tage (ach! wie lange hoffen wir!) ihre Lehre ziehen; und schon darum begrüßen wir dennoch und trotz allem diese neueste Ausgabe des „Exemplar", das ja jeder lesen kann, wie es ihm behagt, mit Freude und mit Genugtuung. Das Andenken des Gerechten soll nicht vergessen sein — wer wagt es unter uns Heutigen noch, Acosta dies Schriftwort zu mißgönnen? i) Acosta mitfe es fühlen: in einer solchen Verwundung, solchem Harm der Seele — da ist man noch nicht Richter, da ist man Partei! Dir rrltr Geltalt von Goethes „Wilhelm Weilter". ür alleliterarisch gebildeten Leser dieses Blattes, nicht nur für die Fachleute, muß die Nachricht von Interesse sein, die seit einigen Tagen durch alle Blätter geht, daß nämlich in Zürich in einem Privatnachlaß die erste Gestalt des. berühmten Romans Goethes entdeckt worden ist. Wir kennen dies bedeutsame Werk nur in der Form, in der es der Dichter in den Jahren 1795—97 veröffentlicht hat; man wußte aber längst, daß eine ursprüngliche Fassung in den Jahren 1777—82 ausgearbeitet worden ist. Sie führte den Titel „Wilhelm Meisters theatralische Sendung", war in sechs Bücher geteilt, die etwa den jetzigen ersten vier entsprechen. Diese ursprüngliche Fassung hatte man 1886 bei der Eröffnung des Weimarischen Schiller- und Goethe-Archivs zu finden gehofft, sah sich aber in seinen Erwartungen enttäuscht. Nun nach 130 Jahren ist das Werk in der Hinterlassenschaft der Frau Barbara (Baebe) Schultheß gefunden worden, die seit 1775 mit Goethe befreundet war und wie so viele ihm nahestehende Personen seiner Frühzeit, die fragmentarischen oder vollendeten Werke vor ihrer^Drucklegung zur Lektüre und zur Weiterverbreitung unter Freunden empfing. Nicht etwa das Original, sondern eine Abschrift, von der man genau weiß, daß sie in Zürich zwischen 1783 und 1785 angefertigt worden, ist entdeckt worden. Die Bedeutung dieses Fundes ist sehr groß, denn man wird voraussichtlich durch die jetzt zum Vorschein gekommene Handschrift nicht nur über Goethes Liebe zum Theater, und über seine Beziehungen zu Schauspielern und Bühnenkünstlern neue Ausschlüsse erhalten, sondern auch, da die schon bekannte Fassung vielfache Ergänzungen zur Autobiographie,, namentlich zur Jugendgeschichte des Dichters enthält, wichtige Beiträge für seine Entwicklung, namentlich in der Zeit seiner Kindheit- Aus den wenigen Notizen, die bisher zur allgemeinen Kenntnis gelangt sind, geht hervor, daß diese neue Fassung des wichtigen Romans auch Dichtungen unseres großen Poeten enthalten wird, die man bisher verloren wähnte: einzelne Schäferspiele der Leipziger Zeit, die man kaum dem Namen nach kannte, sodann Szenen aus Belsazar, dem Trauerspiel, über das die Briefe des Leipziger Studenten nur geringe Kunde enthielten, die nach mehr begierig machten. Schon das Letztere erregt das spezielle Interesse unseres Leserkreises, denn von welcher Wichtigkeit müßte es für das Thema „Goethe und die Juden" sein, zu erfahren, in welcher Weise Goethe diesen im Buche Daniel erwähnten König von Babylon behandelte, ob und wie er dem Propheten und seiner Wirksamkeit eine ausführlichere Darstellung widmete. - Vielleicht aber gibt uns unser Fund noch etwas mehr. In der Literatur über Goethe und speziell der über Wilhelm Meister wird die folgende Stelle eines Briefes Goethes an Charlotte v. Stein vom 28. Oktober 1782 nicht genügend beachtet. Sie lautet: „Meiner Lieben einen guten Morgen zu sagen, hat mich allerlei, zuletzt der Jude Ephraim abgehalten. Bon ihm zu erzählen wird mir ein Spaß sein, bald habe ich das Bedeutende der Judenheit zusammen und habe große Lust, in meinem Roman auch einen Juden anzübringen. —" Der Roman, von dem hier gesprochen wird, ist eben die ältere Gestalt von Milhelm Meister, die jetzt zutage getreten ist. Der Jude Ephraim ist gewiß der sogenannte Geheimrat Ephraim, ein Sohn des bekannten Münzunternehmers Friedrich des Großen, ein Mann,, der zur Zeit, da er Goethe in Weimar seinen Besuch abstattete, als ein diplomatischer Agent die

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