Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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115 werden. Daß von jeher den Judenfeinden jeder Sorte das Exemplar" bequemste Handhabe bot, um gegen uns vorligehen, daß es zum Schlag- und Stichwort wurde, grade uns als Träger des schlimmsten Fanatismus zu verdammen, sollte doch eigentlich auch nicht im Sinne des aus den letzten Seiten praktische Liebe verkündenden Dulders sein; daß aber auch indische Historiker nicht selten so getan haben und noch immer o tun, als gelte es wirklich, hier eine Schmach zu zudecken und aus gewissen herben Nötigungen von außen zu erklären, ttatt kühl und unerschütterlich auch den letzten Schleier hinwegarreißen, ja, freudig die Gelegenheit zu ergreifen — wem verdanken wir denn die unbeschönigendsten und die Gegenwart! inzig vor der Vergangenheit sittlich reinigenden Darstellungen und Aufdeckungen der christlichen Religionsgeschichte, die Geschichte aller Glaubenskriege, Inquisitionen, Hexenprozesse? nicht christlichen Denkern, Dichtern, Historikern? — um an einem himmelschreienden Unrecht die Gefahren auch unserer Religionsübung für alle Zeit recht kraß und eindringlich zu erweisen, sobald sie dazu gelangt, nichtiges Beiwerk und. Formelkram über den göttlichen Kern zu stellen, der Orthodoxie im Formalen den Vorzug vor der Entwicklungsfähigkeit des Realen zu geben —: wer möchte, wer dürfte es leugnen? Nun führt uns leider aus all den Schiefheiten und Verfahrenheiten des Problems auch die Klaarsche Acoftaschrift keineswegs heraus; zwar könnte man mit der ersten ursprünglichen Intention des Verfassers, Acostas geisteswissenschaftliche Zusammenhänge mit den eben auftauchenden Bestrebungen darzutun, Philosophie und offenbarte Religion — wir leben im Zeitalter eines Hugo Grotius und Descartes! — noch strenger als je bisher zu trennen,^ vollkommen einverstanden sein, wenn nicht den nach den wenigen völlig unsystematisch hingeworfenen Sätzen des „Exemplar" äußerst roh noch in der Schale steckenden Keimen einer Naturreligion dann schließlich ein Gewicht und eine Bedeutung zugemessen würde, die gar noch.über die in Lessing. Herder und Rousseau sich selbst endgültig beschließende Aufklärung hinweg die Fäden bis zu Kant und der Ethik des 19. Jahrhunderts hin strecken sollte! Natürlich — wenn dieser Ethik eben nicht Kant, sondern rückschrittlich genug wieder Strauß, Renan, Delitzsch die Bannerträger heißen! Wenn darwinistische Ausleseprinzipien wieder das Gut und Böse in einer „ethischen Entwicklung" bestimmen, deren „Höhepunkte wenigstens Acosta doch schon vorgeschwebt haben!" Zu Kant — gerade zu Kant, das sieht leider Klaar gar nicht, fehlt die geringste begründete Beziehung, dieser „geistige Radikalismus auf ausgesprochen ethischer Grundlage" wäre nach Kant jedem nur starrlinig beharrenden, ehrlichen Fanatiker (auch orthodox-kirchlicher Observanz) genau so zuzuerkennen, d. h. hier dämmert noch nicht das kleinste Licht für den Unterschied eines Handelns aus bloßer Opportunität und streng ewiggültiger Legalität, für den einzig sittlichen Imperativ. Ja, diese ganze Acostasche Beweisführung seiner guten Sache läßt unschwer erkennen, daß er wie alle Deisten und Aufklärer — und wahrlich! hier soll für seine Zeit kein Vorwurf erhoben werden! — nur eine einzige sittliche Weltordnung gemäß dem menschlichen Glückseligkeitstrieb, aus jenem etwas höheren Opportunitätsmotiv also, erblicken kann; da ist ihm, wie allen Freidenkern, Religion eine abgekartete Sache der Mächtigen, eine Besitzergreifung der Herrschsüchtigen, gleichzeitig aber ist ihm in jedem Menschen ’) Einen schüchternen Versuch dazu machte bekanntlich schon jene letzte Scholastik, welche das hölzerne Eisen der „doppelten Wahrheiten" erfunden hatte. die Grundnatur eine gute, Vernunft kommt und sagt jedem bald, was er — „vernünftigerweise" begehren, was er lassen müsse usw. Wir befinden uns vollständig innerhalb jenes Programmes (das aber zur Zeit der Niederschrift des Aeostaschen Testaments (1640) zumal in Holland bereits große Verbreitung gesunden hatte!), welches Herbert v. Cherbury, der Begründer des Deismus, 1624 in seinem berühmten Werk „Ueber die Wahrheit" >) zum erstenmal deutlicher ausgeprägt hatte; aber man vergleiche nur einmal seine obersten fünf Thesen, welche er den „Inhalt der natürlichen Religion" nennt, mit den schwachen Ansätzen zu systematischer Sammlung von Vernunftgeboten bei Acosta! Von Herbert bis zu den englischen, gewissermaßen typischen Freidenkern und Deisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts?) welche denn auch in ganz vorzüglich richtigem Gefühl gerade 1740 das „Exemplar" unter dem damals (!) natürlich sehr bedeutungsvollen Titel „The remarkable Life of Uriel Acosta an eminent Freeth inker“ neu Herausgaben, fehlte nun eigentlich gar kein irgend wichtigeres oder keimträchtiges Binde- und Mittelglied der Epoche mehr; ganz umsonst da, die märtyrerdurstigen Augen an den Riesengestalten eines Giordano Bruno, eines Galilei, wie an Parallelen emporgleiten zu lassen — es fehlt bei Acosta nur leider das wichtigste, der zeugungskräftige, bis i n die jüngste Gegenwart eben lebendig fortwirkende Gedanke! Rückt man diese Seite des Schriftchens vor allem in den Vordergrund (und das tut der Herausgeber), so müssen wir ganz entschieden bestreiten, daß diese „Hinterlassenschaft eines merkwürdigen Lebens" noch „fruchtbar zu machen" sei, daß „die Entwicklung, die sich da vor uns aufrollt, stark in aufwühlende Fragen der Gegenwart hinübergreife." Nie dürfen wir vergessen, daß der „Freidenker" Gottlob in unseren Tagen ein geschichtlicher und historisch überwundener Wert geworden ist, daß das „Freidenken" seine seltsame Bezeichnung hauptsächlich im Protest zu einem leider dereinst sehr fühlbaren äußeren Zwange des Denkens (kaum versteht man es heute mehr — aber fanatische Witterung drang damals bis ins Heiligtum der Familie, ja bis ins Geheimnis der Brust!) gesunden hat. Nicht frei denken ist heute die Losung — die innere Gesetzmäßigkeit des Denkens kennt gar keine Freiheit, welche höchstens „Verschwommenheit" heißest würde — sondern gerade gebunden, kausal, logisch, exakt, im Kantischen Sinne, der keinen Kompromiß zwischen Ethik imb Nützlichkeit kennt! Wie wäre es auch sonst zu verstehen? Bei „Freidenken" denkt heute noch ein jeder wie selbstverständlich an damit verbundene Konsequenzen des Materialismus, Atheismus, resigniertester Skepsis . . ., ein schönes Freidenten! Aber das wäre natürlich gleichgültig, ob schön oder unschön, wenn es nur — logisch wäre. Aber Logik, die sich mit solchen Unklarheiten, und nichts weiter, noch wie mit beweisbaren Erkenntnissen brüsten würde!? Auch so Acosta: sein erstes „Freidenken" besteht darin, daß er 1624 in einer besonderen Schrift die Unsterblichkeit der Seele leugnet. Selbstverständlich gebe ich ohne weiteres zu, daß seine Gegner, die orthodoxen Amsterdamer Juden von damals eine von Fetischismus auch nicht allzuweit entfernte „Erkenntnis" in diesem Punkte gehabt haben dürsten; aber — bezeichnend bleibt es trotzdem: der „Freidenker" leugnet einfach, und das ist sein „freieres" Denken. Nicht der geringste y Genalier: Ueber die Wahrheit und ihren Unterschied von der Offenbarung, dem Wahrscheinlichen. Möglichen und Falschen. Den Toland, Collins> Tindal, Thomas Morgan usw.