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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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Bl; p H! I II ] | ■vJU» -— ii'4 leben, eine dumpfe Gärung bemerkbar.. Sie alle beginnen den ungeheuren Betrug zu ahnen, dessen Opfer sie geworden, während die Führer sich durch Aemterkumulierung und allerlei einträgliche Geschäfte auf öffentliche Kosten bereicherten. Dazu kommt, daß die klerikalen Drahtzieher die Einlösung ihres Wechsels: die Erhöhung der Macht der Kirche fordern. In dem Maße, als aus der christlich-sozial-antisemitischen Vermummung sich der reine Klerikalismus und Feudalismus herausschält, vollzieht sich langsam aber stetig in den gebildeten und freisinnigen christlichen Kreisen eine Klärung der politischen Begriffe, die durch den Antisemitismus verwirrt worden sind. Man erkennt und versteht wieder, daß an den Uebeln des Staates und Gesellschaft noch ganz andere Mächte als die Juden Schuld tragen. Es mag noch lange dauern, bis diese Erkenntnis eine allgemeine wird, und in der christlichsozialen Presse wie in den christlich-sozialen Versammlungen wird noch lauge gegen die Juden geschossen werden. Aber dies Feuer trägt schon den Charakter eines Rückzugsgefechtes. Der spezifische christlich-soziale Antisemitismus hat der wirtschaftlichen Existenz der Juden minder wehegetan als ihrem Ehrgefühle. Darin unterscheidet er sich von dem Rassenantisemitismus, der in den Sudetenländern und in Galizien noch üppig fortwuchert und den wir in einem dritten Artikel näher beleuchten wollen. Lin neues Luch über Ariel Urolts und die Meuedierung seines „Exemplar" Von Dr. Ernst Sam uel-Nuest. er Historie ist unser zukunftstrunkenes Zeitalter im allgemeinen abgeneigt. Die große methodische Versenkung in die auf jedem Gebiet heut schärfer als je Präzisierbaren Aufgaben und Forderungen, die gewaltige Lockung, die allein in der immer reicheren Anwendung und Fruchtbarmachung der erst im vorigen Jahrhundert neuentdeckten Kräfte und Verhältnisse des Universums liegt, läßt den Blick aus der heißen Schmiedewerkstatt des Jetzt fast seltener schon zu der kühlgewordenen Esse von Einst hinüberschweifeu. Unwillkürlich hat man heut die Empfindung, als sei für unser Geschlecht aus dem Vergangenen nicht mehr soviel zu holen, wie'dies entsprechend etwa noch für die Früheren gewesen sein mag — weil sich die Prinzipien und Fundamente selbst, nicht bloß einige Aeste und Ableger, in kurzen Zeiträumen zu sehr gewandelt haben. Noch das späte Mittelalter mochte instinktiv ahnen, warum es plötzlich mehr als anderthalb Jahrtausende zurück auf den echten Plato und den unverfälschten Aristoteles' greifen mußte — hatte sich doch bisher nur stets ein trübender Nebel vor beide gelagert und vielleicht nur darum ihre Ueberwindung, alles Uebersiehinauskommen so schwierig gemacht, das dann tatsächlich so rasch eintreten sollte. Aber schon mancher unter uns lebende Naturforscher mag heute fast erstaunt von seinen Experimenten aufblicken, wenn wir ihm sagen, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft sei bereits vor 200 Jahren von Leibnitz als philosophische Maxime geltend gemacht worden; doch — so dürfte er uns dann nach kurzem Besinnen entgegnen — das sei wesenlos für ihn, nicht um die deduktive Erfassung eines allgemein existierenden Verhältnisses, sondern um den zahlenmäßig bestimmten, immergültigen Ausdruck und Nachweis eines Gesetzes handle sich's ja nur für ihn, und der sei doch erst von Robert Mayer erbracht worden. Nur bei einem einzigen, in der Tat doch längst schon der Geschichte ungehörigen Wort und Wert zuckt es auch den meisten sonst bedingungslos ihrer Zeit ergebenen noch immer aufrührerisch-aktuell durch den Sinn — Freidenker! Freidenken! Der Liberale (er hat sich den Namen doch, selbst von der „Freiheit" geliehen) öffnet sogleich, beide Arme, um den allerdings erst vermuteten Helden — und sicher auch Dulder, Verkannten, Märtyrer! — schützend ohne weiteres in die eigene lebendige Gemeinschaft zu nehmen, und erkennt er in dem Begrüßten nun auch einen Läugstgewesenen, Halbverschollenen, das mildert keineswegs seine Begeisterung, als werde sich's gerade zeigen, daß das Freidenkerische keine bloß vorübergehende, temporäre Bedeutung haben könne; der Orthodoxe aber schleudert dem erst angekündigten Begriff genau so unmittelbar erregt schon alle Flüche entgegen, als gelte es jedenfalls ein noch dem hellsten gegenwärtigen Tage gefährlich werdendes Gift schleunigst zu bannen. Und' doch handelt es sich bei der neuen, lateinischen und deutschen Ausgabe von Uriel Acostas Lxempiar Umnsnae Vitae^) — dies sei sogleich für alle diejenigen, auf welche eine Ankündigung als „Leben und Bekenntnis eines Freidenkers vor 300 Jahren" etwa irreführend wirken könnte, bemerkt — um eine allenfalls rein historisch geltend zu machende Wertung und Eingliederung, die jedoch zu dem geistigen Leben und den Erkenntnissen unserer Zeit nicht die geringste innere Beziehung mehr haben darf. Hätte der Herausgeber in seiner den Umfang des eigentlichen „Exemplar" wohl dreimal überbietenden Einleitung vor allem eine letzte und wichtigste Lösung aus den tragischen Gewissensskrupeln und dem wahrlich auch von keinem denkenden Juden jemals kleingewerteten Glaubenskampf Acostas angedeutet, wie sie zugleich aber auch aus der Sackgasse des Deismus — in die sich diese grundehrliche Natur doch offenbar schon ebenso tödlich wie in die der starrsten Orthodoxie verstrickt hatte! — führen könnte, statt daß er unsere heutige viel tiefer gewordene und andersgeartete Religiosität so in einem Zuge einfach zu Resultaten des Freidenkertums und der Aufklärung in Beziehung bringt, und damit einseitig und parteiisch alles Recht aus der Humanitätsfrage leitet (die dem theoretischen Streit hier Kämpfenden noch ganz fremd gegenübersteht) so wäre diese ein zweifellos wertvolles und jederzeit höchst interessantes äoeumerN humain vor Vergessen und Untergang schützende Neuedierung und Übersetzung sogar aufs freudigste zu begrüßen. Jetzt ist leider zu befürchten, daß nach solcher nicht bloß historisch — wie wohl ursprünglich beabsichtigt —, sondern absolut betonten Ueberlegenheit Acostas, noch dazu im Namen des, wie gesagt, meistens bloß faszinierenden, kritisch noch immer viel zu wenig besehenen und klargenrachten Freidenkerbegriffs, die wahren und hauptsächlichsten Inhalte, Werte und Vorzüge dieser Urkunde allen nicht genügend Eigenkräftigen und Urteilsfähigen leicht ver-. rückt und in künstlichem Licht erscheinen werden. Dies scheint nun wirklich nachgerade Acostas Schicksal im Leben wie in der Geschichte zu sein: verkannt zu werden, hier wie da, von Freund und Feind — und nun das Merkwürdigste und Unerklärlichste bei der Sache —: man begreift nicht recht, weshalb! Sprechen wir nicht mehr von Gutzkow; hätte er nur mit seinem törichten Liebeshelden Uriel ein halbwegs erträgliches Theaterstück, aus seinem rührsam-breitspurigen. Psychologisch hölzernen „Sadduzäer von Amsterdam" eine irgendwie lesbare Novelle zustande gebracht — ihm sollte als Dichter das weiteste Recht, die Tatsachen wie immer zu gestalten, eingeräumt y Uriel Acosta. Von Alfred Klaar. Berlin 1909. Druck und Verlag von Georg Reimer.

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