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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 113 (sequence 5)
Language
German
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113 raschem Entschlüsse warf er seinen steirischen Bauern das Mandat hin und stellte seine Bewerbung in einem der volkreichsten Wiener Wahlbezirke auf. Ehe noch die liberale Partei sich von ihrer Verblüffung über diese kühne Herausforderung erholen konnte, war der Bezirk schon von einem Heere schwarzer Agitatoren überflutet. Dem klerikalen Führer stellte sich der urwüchsigste Redner Wiens, der selber tief im Kleinbürgertum wurzelte, Dr. Kronawetter, entgegen. Es war ein gigantischer Kampf, der den Blick der ganzen Welt auf sich zog. In beiden Lagern wußte man genau, daß es um die politische Zukunft Wiens und damit des ganzen Reiches ging, und von beiden Seiten wurden die gewaltigsten Anstrengungen gemacht, den Gegner niederzuzwingen. Erst im zweiten Wahlgange triumphierte Prinz Liechtenstein. Den Ausschlag gaben die deutschnationalen Antisemiten, die in unsinniger Verblendung dem Todfeinde des deutschen Volkstums, dem geborenen und geschworenen Hasser aller bürgerlichen Institutionen ihre Stimme zuwendeten. Hier zeigte sich zum erstenmal, wie sehr der Antisemitismus die Begriffe verschoben, die politischen und sozialen Gegensätze verwischt und die Köpfe verwirrt hatte. Und diese unselige Wirkung der Judenhetze hat sich seither in einem Maße gesteigert, daß der deutschfreiheitliche Abgeordnete Dr. Lecher vor kurzem mit Recht ausrufen konnte, das Unglück der Deutschen in Oesterreich sei der von ihnen selbst propagierte Antisemitismus. Ter Sieg des Prinzen Liechtenstein war der Anfang vom Ende der liberalen Partei in der Reichshauptstadt. Eine wilde Zeit begann. Durch fliegende Kolonnen, die mit Ochsenknüppeln bewehrt waren, wurde jede liberale Versammlung gesprengt. Die Liberalen wurden der Korruption und des Aemterschachers beschuldigt, gegen die Juden Raub und Plünderung. Mord und Todschlag gepredigt. Dr. Lueger stellte ihnen die Wahl, gehängt oder geköpft zu werden, der Mechaniker Schneider verlangte ein Schußgeld auf sie und reizte die schlimmsten Instinkte, indem er die Märchen von Kindermord und Brunnenvergiftung wieder hervorholte. An der Seite Luegers zog der prinzliche Demagog von einer Vorstadtspelunke zur andern und predigte den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott gegen Juden und Judenknechte. Und Gevatter Schneider und Schuster drängten sich, mit ihren schwieligen Fäusten die feingliedrigen Finger eines wirklichen Prinzen zu drücken, der aus seiner unnahbaren Höhe zum Volke herabgestiegen war, während die ehrsamen Ehehälften sich den Vortritt streitig machten, um vom „schönen Karl" einen Seitenblick zu erhaschen. Die Frauen voran! Ein christliches Amazonenkorps wurde geschaffen, das fanatisch die Männer in den Kampf trieb. Jede Aeußerung freiheitlicher Weltanschauung wurde für jüdisch, jeder Versuch,' dem weltlichen Machtanspruch der Kirche entgegenzutreten, für einen Angriff auf das Christentum erklärt. Mit wüstem Schimpfen wurde allen gebildeten Elementen die Betätigung am öffentlichen Leben verleidet, Roheit, Unbildung und Gewalttätigkeit waren die beste und absolut sichere Empfehlung zur Erlangung der bürgerlichen Ehrenstellen. Aus solchem Schlamme stieg die christlich-soziale Partei höher und höher. Sie eroberte die meisten Sitze in der Wiener Stadtvertretung und im Landtage und besetzte fast alle Wiener Mandate für den Reichsrat. Mittlerweile war ihr Generalstab eifrig beflissen, die noch schwankenden Fundamente des Gebäudes zu festigen. Man hatte den Wählern das Blaue vom Himmel versprochen: Jedem Handwerker ein eigenes Haus wie zur guten alten Zunstzeit, den Beamten und Lehrern doppelten Gehalt und reichlichen Urlaub,. den Kleinkaufleuten die Vernichtung der verhaßten jüdischen Konkurrenz und unbegrenzten Kredit. Man mußte doch einen Anlauf nehmen, wenigstens so tun, als ob es der Partei mit der Erfüllung dieser Versprechungen ernst wäre. So ging man denn an die Reform der Gewerbegesetzgebung. Man schuf Zwangsgenossenschaften nach dem Muster der mittelalterlichen Zünfte, und man forderte von jedem Handwerksmeister einen Befähigungsnachweis, der aberlediglich in dem Nachweise der gesetzlich vorgeschriebenen Lehrzeit bestand. Unsere großen Wiener Kinder glaubten wirklich, daß mit diesen beiden Einrichtungen ein neues goldesies Zeitalter für das Kleingewerbe angebrochen sei. Woher sollten sie auch wissen, daß mit solchem Firlefanz dem Siegeszuge der Maschine kein Ziel gesetzt werden könne, daß die Gesetze der Weltwirtschaft mit der Entwicklung der modernen Technik andere geworden waren? Das hatte man den braven Wiener Spießbürgern verschwiegen und die ganze Schuld an ihrer zunehmenden Verarmung auf die bösen Juden geschoben. Jetzt zeigte es sich, wie viel die liberale Partei zur Zeit ihrer Macht an Belehrung und Unterweisung der Bevölkerung außerhalb der Volksschule versäumt hatte. Auch die späteren gewerblichen Reformgesetze, wie das Verbot des Detailreisens, der Ausverkäufe und Wanderlager waren eitles Geflunker. Der wirtschaftliche Verkehr suchte sich neue Formen, und wo man ihm sein Bett verschüttete, grub er sich dicht daneben ein neues, durch das er unaufhaltsam weiterflutete. Wohl schlachtete man dem hungrigen antisemitiichen Pöbel ein Häuflein Juden — die Aermsten und Wehrlosesten:' die jüdischen Hausierer, die jüdischen Eckensteher, die jüdischen Trambahnbediensteten. Aber so wenig die christlich-soziale Partei im Grunde ihres Wesens eine antisemitische Partei war, denn, der Antisemitismus war ihr nicht Selbstzweck wie den Rassedeutschen, sondern nur das Mittel, die Bevölkerung den Plänen der Klerikalen gefügig zu machenso wenig ließ sie sich abhalten, bei sogenannt jüdischen Banken Darlehen aufzunehmen, mit jüdischen Großindustriellen Millionengeschäfte zu machen und die Korruption nur dort zu bekämpfen, wo sie nicht selbst Nutzen aus ihr zog. Ein einziges Mal gab sie sich den Anschein, als wollte sie den Juden wirklich ans Leben gehen. Sie forderte die Ausdehnung des Befähigungsnachweises auch auf die Handelsgewerbe. Da die Mehrzahl der Juden vom Handel lebt und die Handelsfreiheit eine Grundbedingung ihres Daseins bildet, wäre die Verwirklichung dieser Absicht ein Stoß ins Herz der österreichischen Judenschaft, freilich auch des gesamten österreichischen Kommerzes gewesen. Der Plan scheiterte an der Einsicht der Regierung, welche den kaufmännischen Befähigungsnachweis zu einem Bildungsnachweise umwandelte. Gegenwärtig steht die christlich-soziale Partei aus der Höhe ihrer Erfolge, und auch an ihr bewahrheitet sich der Satz, daß der ungestörte Besitz der Macht zuletzt immer zürn Mißbrauche der Macht führt. In dem Bestreben, über das Weichbild Wiens hinauszugreifen und eine Reichspartei zu werden, hat sie die Bauern mit ebenso unerfüllbaren Verheißungen gefüttert wie seinerzeit die städtischen Kleinbürger. Und nun werden die Keime des Zerfalles sichtbar. Der Gegensatz zwischen städtischen und ländlichen Interessen ist unüberbrückbar, und da einerseits das Kleingewerbe trotz alledem und alledem noch immer nicht „gerettet" ist, anderseits durch die Nachgiebigkeit der Regierung gegenüber den maßlosen Forderungen der Agrarier die Teuerung der unentbehrlichsten Lebensmittel in den Städten zu unerträglicher Höhe angewachsen ist, macht sich bereits unter den Kerntruppen der Partei, den Handwerkern, aber auch unter den Beamten, Lehrern und all" denen, die von fixen Bezügen

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