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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 Die Unterrichtskotymission deS Abgeordnetenhauses verhandelte m einer ihrer letzten ^Sitzungen über eine Petition des katholischen Frauenbundes zu Köln aus Zulassung von Frauen zu Mitgliedern der Schulkommission. Nach eingehender Erörterung wurde unter Bezugnahme auf die Verhandlungen bei Erlaß des Schulunter' Haltungsgesetzes einstimmig beschlossen, dem Plenum vorzuschlugen, diese Petition der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Es wurde insbesondere darauf hingewiesen, daß Ministerialdirektor Schwartzkopff selbst in den Kommissionsberatungen beim Schnlunterhaltungsgesetz den Eintritt von Frauen in die Schulkommission als zulässig' erachtet hat. E Dir Iudrnfrsge in Oesterreich? Bon Siegfried Fleischer. II. Die LhrMich--So?jslen. ir haben gesehen, mit welcher Virtuosität und Zweckbewußtheit die klerikale Partei sich der von den Deutschnationalen angezettelten antisemitischen Propaganda bemächtigte. Der Percy Heißsporn dieser klerikalen Partei war damals ein junger Zögling des Kalksburger Jesuitenkonviktes, den die steierischen Bauern ins Parlament entsendet hatten. Biegsamer Gestalt und schmiegsamen Geistes, glatt im Gehaben und glätter noch im Denken, dabei von nicht gewöhnlicher, über das Mittelmaß seiner aristokratischen Genossen weit hinausreichender sozialpolitischer und historischer Bildung, erregte Prinz Alois Liechtenstein sofort nach seinem Eintritte in die Volksvertretung die Aufmerksamkeit der politischen Welt. Er gedachte, die liberalen Wälle im Sturm zu nehmen und ritt gegen sie mit einem Anträge auf Herabsetzung der achtjährigen Schulpflicht an. Der Frontalangriff wurde abgeschlagen, und eine Flut von Spott und Hohn ergoß sich über den unbedachten Prinzen. Der aber merkte wohl, daß man sich nicht am stärksten Eckturme den Kopf einrennen dürfe, sondern fleißig Minen graben und den schwächsten Punkt unterwühlen müsse. In aller Stille und Heimlichkeit hatten ihm zwei erfahrene Männer vorgearbeitet: der Jesuitenpater Abel und der Chefredakteur des klerikalen „Vaterland", Baron Vogelfang. Sie hatten der Wiener Bevölkerung an den Puls gefühlt, und erkannt, daß der wirtschaftliche Gegensatz zwischen dem liberalen Großbürgertum und dem demokratischen Kleinbürgertum nur ein populäres Schlagwort brauche, um - M einem unheilbaren Risse erweitert zu werden. Abel und Vogelfang zeigten dem Prinzen Liechtenstein die Blößen des Gegners und er begriff sofort. Es wurde ihm klar, daß das große, freiheitliche Wien niemals von den Hartberger Bauern, sondern nur durch die Wiener selbst besiegt werden könne. Schon hatte das von Schönerer ausgegebene, von den Klerikalen aufgegriffene Schlagwort: „Der Jud" begonnen, seine zersetzende Wirkung zu üben. Die demokratische Partei, die aus Handwerkern, kleinen Beamten und kärglich besoldeten Lehrern bestand, war zerfallen. Um den Idealisten Dr. Kronawetter war nur ein kleines Häuflein Getreuer zurückgeblieben, die große Maffe war den Lockrufen der Ehrgeizlinge Dr. Lueger und Dr. Geßmann gefolgt, die seit langem schon mit den klerikalen Generalstäblern heimlich sich verständigt und ein üppiges Gewerberettungsprogramm ausgearbeitet hatten. Der Pakt war geschlossen, ohne daß die offizielle Leitung der demokratischen Partei davon Kenntnis erlangt hatte. Seine Grundformel lautete ungefähr: Ihr, die demokratischen Führer, betört durch eine Fülle materieller Versprechungen die klein- J) Siehe Nr. 1 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". bürgerlichen Masten und stumpft hierdurch ihr politisches Gewissen, ihren Sinn für die freiheitlichen Errungenschaften der deutsch-liberalen Partei ab; wir, die klerikal-feudale Partei, leihen Cr ch dafür unseren starken Arm und heben Euch zu Macht und Einfluß, zu Würden und Ehrenämtern, zu Reichtum und Genuß empor. Ein solcher Pakt war nur aus Wiener Boden möglich, dessen Bevölkerung eine ganz eigenartige Struktur zeigt. Die großen nationalen Kämpfe, die in Böhmen und Mähren ausgefochten wurden, hatten diese Bevölkerung im Grunde ihres Wesens kühl gelassen. An diesem Kreuzungspunkte von West nach Ost, von Süd nach Nord haben die verschiedensten Rassen und Nationen sich vermischt, Deutsche und Tschechen, Magyaren und Kroaten, Italiener und Franzosen. Das Wiener Blut ist nicht national, sondern international, und wenn auch die spezifische „Gemütlichkeit" der einstigen Phäakenstadt längst zur Legende geworden ist, so behauptete in diesem eigenartigen Milieu die Magensrage doch immer noch den Vorrang vor Fragen des Gewissens und der Gesinnung. Und das Verhängnis wollte es, daß just im kritischen Momente aus diesem Milieu ein Mann herauswuchs, der als der typischeste Vertreter aller guten und schlechten Eigenschaften des Wienertums bezeichnet werden kann: Dr. Karl Lueger. Den „schönen Karl" haben ihn die Damen der Hocharistokratie und die Kerzelweiber aus dem niederen Volke genannt, und dieser Maffentribut weiblicher Bewunderung hat zu der ungeheuren Popularität des derzeitigen „Herrn von Wien" vielleicht das meiste beigetragen. Seine hervorragenden geistigen Fähigkeiten sollen durch diese Hervorhebung der physischen Vorzüge nicht verringert werden. Dr. Lueger hat aus Büchern nicht viel gelernt, aber die Menschen hat er eindringlich studiert und ihre Schwächen weiß er gründlich auszunutzen.. Hinter der bestrickenden Liebenswürdigkeit, mit der er auch dem Aermsten und Niedrigsten entgegenkommt, verbirgt sich der eiserne Wille, auf Kosten der anderen nur sich selbst und seinen eigenen Zwecken zu dienen. Er hat jenen bissigen Wiener Witz, der sich hinter einer anmutigen Wendung versteckt, den Feind aber tätlich verwundet. Er ist gutmütig und hilfreich, wenn seine Kreise nicht gestört werden, rücksichtslos bis zur Grausamkeit, wenn es sein Interesse erfordert. Dabei frei von allen politischen Skrupeln und Zweifeln, unbeengt von der Schwäche einer festen Ueberzeugung, wandlungsfähig wie Proteus, in > allen Farben schillernd wie das Chamäleon. — Nichts charakterisiert ihn besser als sein eigener Ausspruch: „Besser feig als dumm!" und auf ihn paßt der Refrain eines bekannten Wiener Volksliedes: „Und a bisserl a Liab' und a bisserl a Treu und a bisserl a Falschheit is allweil dabei." Mit feinem Spürsinn hatten die Klerikalen in diesem Manne das geeignete Werkzeug erkannt, die christliche Wiener Bevölkerung durch lockende materielle Vorspiegelungen einerseits und durch die Judenhetze anderseits ihrer freiheitlichen Vergangenheit abtrünnig zu machen und in das Lager der kirchlich-feudalen Reaktion hinüberzuziehen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Dr. Karl Lueger die treibende Kraft dieser Reaktion sei. Sie hat sich seiner nur bedient, um die Massen zu täuschen und eine Volkstümlichkeit zu gewinnen, welche der hochgeborene, dem Volke wesensfremde Prinz Liechtenstein aus eigener Kraft nie zu erringen vermocht hätte. Die Triebkraft war und ist der „schwarze Prinz", oder genauer gesprochen, der hinter ihm stehende Jesuitenorden. Nachdem der erwähnte Pakt geschloffen war, säumte Prinz Liechtenstein keinen Augenblick, die volle Konsequenz aus demselben zu ziehen. Mit

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