Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Beziehung zur vollen Befriedigung der Mitglieder auszuführen, die Mitgliederzahl wieder wesentlich gestiegen ist. Sie betrug Ende 1908, 242, wovon im Berichtsjahre durch Verzug oder Tod 13 ausschieden. Zu den verbliebenen 229 sind 21 hinzugetreten, so daß es Ende Dezember 1909 — 250 Mitglieder waren. Der Kassenbestand vom Jahre 19Ö8 betrug 2302.24 Mark, die Einnahmen mit diesem Betrage 7097.04 Mü'rf. Dem stand eine. Gesammtaüsgabe von 4625.26 gegenüber, so daß ein Baarbestand von 2471.78 Mark verbleibt. Das Vermögen des Vereins beträgt 20 471.78 Mark. *** Schroda, 28. Februar. Wegen Verbreitung falscher Gerüchte und Beleidigung hatten sich am Mittwoch den 23. d. M. vier hiesige christliche Bürgervor dem Schöffengericht zu verantworten. Der Verhandlung lag folgender Tatbestand zugrunde. Am zweiten jüdischen Osterfeste, dem 7. April v. I. kehrte der Kaufmann M. von hier, ein friedlicher und geachteter alter Herr, vom Abendgottesdienst aus der Synagoge in seine zur ebenen Erde belegene Wohnung zurück. An seinem Hause angelangt, dessen Fenster selbst für kleine Kinder erreichbar sind, und festlich erleuchtet waren, sah er, wie ein halbwüchsiger christlicher Knabe sich an denselben etwas zu schaffen machte, Da der alte Herr von den Pöbeleien der christlichen Jugend schon des öfteren zu leiden hatte, packte er den kleinen Missetäter am Kragen und fragte ihn, was er wohl an seinem Fenster zu suchen habe. Schuldbewußt und zugleich erschrocken erhob der Kleine ein Zetergeschrei und lockte so einige Passanten herbei. Der Vater des Knaben, der Mitangeklagte und noch drei andere Bürger konstruierten flugs, da es gerade jüdische Osterfeiertage waren, und der Zeitpunkt sehr günstig, einen sogenannten Ritualmord bezw. die Absicht zu einem solchen, und verkündigten in allen Straßen und allen Kneipen: Der Jude M. wollte den Knaben zu seinem Passahfeste abschlachten. Als diese frivolen und böswilligen Ausstreuungen dem M. zu Ohren kamen, erhob er Klage gegen die Verleumder erst beim Schiedsmann, dann beim Schöffengerichte. In der oben genannten Schöffensitzung ist nun die Anlegenheit' zum Austrage gekommen, nachdem durch einwandssreie Zeugen der wahre Sachverhalt geklärt worden ist, und sind zwei der Verleumder mit je 100 Mark Strafe, an deren Stelle im Unvermögensfalle je 20 Tage Haft tritt, belegt worden. Der Dritte mußte, da der Privatkläger diesem gegenüber die Klage versäumt hätte — inzwischen ist Verjährung eingetreten — freigesprochen werden. Dem vierten Angeklagten konnte ein Vergehen nicht nachgewiesen werden. — Breslau, 25. Februar. Während die Frage über das Schicksal unserer Industrieschule, wie wir in voriger Nummer mitgeteilt haben, noch immer der Entscheidung harrt, da der Magistrat der Stadt an seiner Forderung des Rechtes der Zwangseinschulung sämtlicher jüdischer Schüler in diese Schule festhält, falls sie auf den städtischen Etat übernommen werden soll, hat derselbe Magistrat jetzt '"den Beitrag, den er der Industrieschule bisher gewährte, von 3000 Mark aus 4000 Mark erhöht und zwar mit der Begründung, daß die notwendige allgemeine Aufbesserung der Lehrergehälter diese Erhöhung des städtischen Zuschusses erfordere. Bei der Gelegenheit ist es wohl von Interesse zu erfahren, daß die Eesamtaufwendung der Kommune Breslau für jüdisches Schulwesen nach dem vorliegenden Stadthaushaltplane 20 240 Mark beträgtfreilich einschließlich des Zuschusses für die Erteilung jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Schulen. - Besonders hervor« gehoben sei, daß der Magistrat, unabhängig vom oben angegebenen Betrage beschlossen hat, auch dem Vorstande der „Vereinigung jüdischer jrauen" für seine Kleinkinderschulen eine städtische Subs .ention in Höhe von 150 Mark zu gewähren. V Schwerin i. M., 25. Februar. Die Beerdigung des Landesrabbiner Dr. Fabian Feilchenseld, die vergangenen Sonntag von der Synagoge aus stattfand, gestaltete sich zu einer des edlen Toten würdigen Kundgebung der Trauer und Verehrung. Als Vertreter des Kultus-Ministeriums waren die Herren Geheimer Medizinalrat Dr. Mühlenbruch, Oberamtsrichter Behncke und Stadtschulrat Scheven anwesend. Von auswärtigen Rabbinern bemerkten wir die.Herren Dr. Carleb ach-Lübeck, Dr. Löwenthal- Hamburg, Dr/ RoseNäk-Bremen, Dr. Galliner-Charlottenburg usw. Mit sämtlichen Mitgliedern hatten sich die Vorsteher und die Neligionslehrer aller Gemeinden des Landes, die auswärtigen Mitglieder des Oberrats und zahlreiche christliche Notabilitäten unserer Stadt eingesunden. Als erster Redner gab namens des Vorstandes unserer Gemeinde Herr Moritz Bonheim der tiefen Trauernder unauslöschlichen Dankbarkeit und dem Gelöbnis treuen Gedenkens ergreifenden Ausdruck. Sodann betrat der Schwiegersohn Herr Rabbiner Dr. Freund-Hannover die Kanzel, um in eindrucksvoller Rede ein Lebensbild des Entschlafenen zu entwerfen und darzulegen, was er für seine Familie, seine Gemeinden und die Gesamtjudenheit gewesen. Kein Auge blieb tränenleer, als hierauf die sterblichen Reste aus den geweihten Räumen, getragen wurden, die länger als ein Menschenalter den Mittelpunkt seiner geistlichen Wirksamkeit gebildet haben. In der Friedhofshalle widmete als Dolmetsch der Empfindungen der Gemeinde Herr Rabbiner Dr. Löwenthal- Hamburg dem Entschlafenen in geistvollen, formvollendeten Darlegungen herzliche Worte des Nachrufs. Herr Rabbiner Dr. Galliner-Charlottenburg gab dem Danke der ehemaligen Schüler warmen Ausdruck. Herr Rabbiner Dr. Rosenak-Bremen entbot den Abschiedsgruß der Kollegen, Herr Dr. Rieger-Hamburg den des weiteren Familienkreises, und nachdem dann noch Herr Religionslehrer Vers im eigenen Namen und als Wortführer seiner Berussgenossen, den Tribut unvergänglicher Dankbarkeit dargebracht, wurde dem Schoße der Erde übergeben, was an Landesrabbiner Dr.Feilchenfeld sterblich war. Sein Name wird in unserer Gemeinde fortleben. ---Cassel, 1. Marz. Am hiesigen israelitischen Lehrerseminar fand am 26. Februar und den vorhergehenden Tagen die Entlassungsprüfun g statt. Herr Provinzialschulrat Leist führte den Vorsitz bei der Prüfung. Sämtliche fünf Prüflinge: Kaiser-Mardorf, Katzenstein-Jesberg, Stern-Jesberg, Strauß-Herschütz, Weinberg- Frankfurt a. M. bestanden. Das Thema der schriftlichen Prüfung in Religion lautete: „Lebensbild Hillels", das in Geschichte: „Licht- und Schattenseiten des heiligen Römischen Kaisertums deutscher Nation", in Deutsch: „Brutus Schuld und Sühne:" R. Stuttgart, 25. Februar. Es war eine eindrucksvolle Feier, die das Stuttgarter Kirchenvo'rsteheramt ihrem nunmehr in den Ruhestand tretenden Vorsänger und Religionslehrer E. Gundelfinger am letzten Samstag veranstaltete. Die berufensten und würdigsten Vertreter der Gemeinde, Angehörige, ehemalige Schüler und Kollegen hatten sich um den Gefeierten versammelt, der nach 46 jähriger Tätigkeit in ein und derselben Gemeinde, aus dem ihm so liebgewesenen Amte n^n scheidet. Herr Kirchenrat Dr. Krön er begrüßte die Erschienenen in herzlichen Worten und verlas die künstlerisch ausgestattete Adresse, welche die dankbare Gemeinde dem pflichtgetreuen Beamten gewidmet hat. Die anerkennenden Worte, die sein Wirken von dieser berufenen Seite erfahren durfte, gestalteten sich zu einem ehrenden Zeugnis für den Scheidenden. Mit herzlichen Glückwünschen namens der Königl. Israelitischen Oberkirchenbehörde und des Stuttgarter Kirchenvorsteheramtes überreichte ihm Herr Kirchenrat eine reiche Ehrengabe sowie die Prachtausgabe der Doreschen Bibel, worauf noch verschiedene andere Herren an den aus seinem Amte Scheidenden ehrende Ansprachen richteten. Gerührt dankte der Gefeierte allen, die ihm diesen Abend bereitet haben und erzählte' den Anwesenden interessante Details aus seinem Lebensgange. Die Kollegen und Mitglieder des Synagogenchors unter Leitung des Kantors Tennenbaum verschönten die Feier durch gemeinsame Gesänge und durch Solovorträge. Zum Schluß feierte Kirchenrat Tr. Kroner in einer feinsinnigen Rede den echt jüdischen Geist, der in unserer Gemeinde, dem frühesten Sitz jüdischer Bürger in Deutschland — trotz aller Anzweiflung — noch heute herrscht und bei jeder passenden Gelegenheit zum kräftigen Ausdruck kommt. Griechenland. Z. Athen, 19: Februar. Vor etwa 30 Jahren lebten im ärmsten Viertel Athens, in der Nähe des Theseus-Tempels vereinzelte arme Juden. Aus diesem unscheinbaren Häuflein hat sich im Laufe der Zeit eine angesehene Gemeinde entwickelt. Doch nicht nur die Zähl der Juden in Athen hat zugenommen, sondern auch ihre materielle und soziale Lage hat sich bedeutend gehoben. Sie leben mit ihren christlichen Nachbarn in gutem Einvernehmen und haben sich zu opferwilligen und angesehenen Bürgern herangebildet. Nicht zum geringsten