Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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ist dieses Aufblühen der jüdischen Gemeinde Athens auch auf die Toleranz der Regierung den Juden gegenüber zurückzuführen. Obwohl in den von Juden besuchten griechischen Schulen der Religionsunterricht nur für christliche Schüler obligatorisch ist, und die jüdischen Schüler vom Religionsunterricht ohne weiteres dispensiert sind, hat das Parlament seine Unterstützung für die von der jüdischen Gemeinde noch besonders unterhaltene jüdische Schule bereitwilligst zugesagt. Las. Interesse für die hebräische Sprache wird überhaupt in jeder. Hinsicht von unserer Regierung gefördert. So steht auch der Unterrichtsminister sehr sympathisch dem neu einzurichtenden Lehrstuhl für Hebräisch an der Universität Athen gegenüber. Professor Diomedos Kyriakos hat nämlich auf. das Bedürfnis für diesen neuen. Lehrzweig beim Minister nachdrücklich hingewiesen und als Lehrer den bedeutenden Hebraisten Herrn Professor Pan dyotopo ul os, empfohlen. Nur dieser judenfreundlichen Gesinnung der griechischen Behörden ist es zu verdanken,- daß sich auch in anderen Städten des Landes aus kleinen Anfängen stattliche Gemeinden entwickelt haben; erwähnt seien nur: Korfu, Volo, Zante und Larissa. , Ärrszlarrd. J. L. Petersburg, 25. Februar. Der wichtigste Verhandlungsgegenstand seit Beginn der neuen Durnasession ist der Gesetzentwurf über die.Gerichtsresorm. Dabei suchen die rechtsstehenden Abgeordneten mit aller Gewalt Judendebattkn hervorzurufen, wenn dafür auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt. Der erwähnte Gesetzentwurf enthält keinerlei Bestimmung bezüglich der Juden. Das wäre auch, vom Standpunkt der Regierung und der Mehrheits- Parteien in der Duma ganz überflüssig — da Juden sowieso, auch ohne ausdrückliche Einschränkung, von den judenreinen Semstwos zu Richtern nicht gewählt werden. Die „echten Russen" wollen sich aber damit allein, nicht begnügen und verlangen eine besondere gesetzliche Bestimmung über die Nichtzulassung von Juden zu Richterstellen. Bei der Vertretung dieser Forderung erging sich der Verbändler Markow in Beleidigung des Vizepräsidenten Fürsten W o l k o n s k y — eines. Gesinnungsgenossen von ihm — und der gesamten Duma, die aus „Schabbesgojim" bestünde, wofür Markow für 15 Sitzungeu von der Duma ausgeschlossen wurde. Zugleich beschloß die Duma, über den echt-russischen Antrag nicht mehr zu verhandeln. Trotzdem, kamen in einer der darauffolgenden Sitzungen, am 7. Februar, die Verbändler Samislowsky und Limo schkin aus denselben Standpunkt zurück und schimpften dabei auf die Juden in maßloser Weise, . Ter erstere nahm besonders daran Anstoß, daß jüdische Richter rechtgläubige Zeugen zu beeiden haben würden, was ihm ganz ungeheuerlich erscheine. Der jüdische Abgeordnete Friedmann erwiderte darauf, daß die Eidesleistung rechtgläubiger Zeugen in Rußland durch .einen. Geistlichen und nicht durch den Richter erfolge. Als aber Friedmann, auf die Ausfälle Samislowskys und Timoschkins näher eingehen wollte, wurde er vom Präsidenten Chomiakow daran gehindert. — Die Bildungskommission der Duma beriet die Gesetzesvorlage über nichtrussische Schulen, wonach es in Kreisen, deren nichtrussische Einwohnerschaft über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung beträgt, gestattet sein soll, den Schulunterricht in der Sprache der betreffenden Einwohnermehrheit abzuhalten. Dabei stellte sich die Kommission auf den Standpunkt, daß die jüdische Sprache nicht als eine staatlich anerkannte gelten könne und deshalb für den Schulunterricht nicht zuzulassen sei. — Vom 18. bis 20. Februar fanden hier Beratungen von führenden Persönlichkeiten der. russischen Judenheit statt. Im Vordergrund der Erörterungen stand die von den jüdischen Duma-Abgeordneten ausgearbeitete Gesetzesvorlage') wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Weitere Verhandlungspunkte bildeten die Sabbatruhe, in Verbindung mit dem Gesetzesprojekt bezüglich des Ruhetages für Angestellte, und die Rabbinerfrage, im Zusammenhang mit derRabbinerkoyferenz. Betreffs der letztgenannten Frage wurde der Beschluß gefaßt, eine Enquete folgenden Inhalts abzufassen: Soll das gegenwärtig herrschende System der Trennung von Kultus, und Krönrabbiner beibehalten werden? Wenn ja — welcher Bildungszensus soll dann von den Rabbinern verlangt werden? Wie ist die Ausstellung von Rabbinerdiplomen zu regeln? Welche allgemein gültigen Bestimmungen sind für die Wahlen und die Gehälter der Rabbiner sestzusetzen? Diese ^Rundfrage soll an alle kompetenten jüdisDn *'■' Persönlichkeiten im Reiche versandt und in der jüdischen; Presse' publiziert werden. Die Erwiderungen sollen dann der im nächsten Monat stattfindenden Beratung zugrunde, gelegt werden. Bis dahin sollen auch in allen größeren jüdischen Gemeinden die Wahlen für die allgemeine russisch-jüdische. Organisation vorgenommen werden, als deren Hauptaufgabe die einheitliche und planmäßige Regelung aller innerjüdischen Fragen gedacht ist. Von Sah und jfern. — Von den Stiftungen, die im letzten Vierteljahre die kaiserliche Genehmigung fanden, sind noch folgende spezifisch jüdische zu erwähnen: Zuwendung des verstorbenen Bankiers Max Levin im Betrage von 20 000 Mark für die jüdische Gemeinde; Zuwendung der Witwe Klara Oliven geb. Büchholz im Betrage von 12000 Mark für die jüdische Gemeinde zur Begründung einer Zimmerstiftung für die Altersversorgungsanstalt in der Exerzierstraße. — An der philosophischen Fakultät der Berliner Universität promovierte Frau Judith Geisel geb.' Salomon aus Berlin zum Dr. phil. Ihre Dissertation behandelt das. Thema: Die Darstellung des Dichters in der Poesie Goethes und der Romantik. — Der Jüdische Turnverein „Bar Kochba" ist bei der Herausgabe der dritten Auflage des Jüdischen Vereinsliederbuches und bittet um Zusendung weiterer geeigneter Lieder in deutscher und hebräischer Sprache sowie Noten an das Bureau der Jüdischen Turnerfchaft (Alexanderstr. 39). — Nach langem qualvollen Leiden ist am 18. v M. Herr Justizrat Max Appelbaum im 48. Lebensjahre verschieden. — Das italienische Kanonenboot „Aretusa" ist von Hodeida mit den Leichnamen Bezonis und Dr. Burchardts in Massaua angekommen, wo die Leichen vorläufig beigesetzt werden sollen. — Der Verein Poale Zedek in Hohensalza feierte kürzlich das Fest seines 70jährigen Bestehens. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Koh n. — Die Stadtverordnetenversammlung in Dortmund hat aus den Sparkassenüberschüssen für zwei jüdische Schwesternvereine einen Jahresbeitrag von je 250 Mark bewilligt, wobei die aufopfernde und kostenlose Tätigkeit der jüdischen Pflegerinnen bei Kranken ohne Unterschied des Standes und der Konfession rühmend hervorgehoben wurde. — Herr Hotelier Julius Braunschweig in Homburg v. d. Höhe ist als Mitglied des Magistrats auf sechs Jahre gewählt worden. — Bewerbungen um Spenden für das Jahr 1910 aus der Hermann undJettchen Müllerschen Allgemeinen Wohltätigkeitsstistung in München sind bis spätestens Montag, den 28. M ärz d. I. bei der dortigen Kultusverwaltung einzureichen. — Kaiser Franz Joseph hat dem. Mitherausgeber der „Korrespondenz Wilhelm" in Wien, Richard Wilhelm, das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. — Wie man uns aus Budapest mitteilt, veranstaltet ein aus den hervorragendsten Persönlichkeiten der orthodoxen Judenschaft Ungarns gebildetes Komitee im Mail. I. eine jüdischeGesellschaftsreise nach Palästina. Die Gesellschaft wird vornehmlich Jaffa- Jerusalem—Hebron—Chaisa—Liberias—Safed—Meron und die Jüdischen Kolonien besuchen. Die religiöse Leitung hat Seine Hochwürden der Budapester orthodoxe Oberrabbiner Kop pel-Reich (Budapest VI, Mohrengasse 7) übernommen. In Ungarn gibt sich schon jetzt für diese Reise ein lebhaftes Interesse kund. — In Ungvar fand man während des Baues eines Kellers drei Meter tief unter der Gassenfläche Grabsteine mit hebräischen Aufschriften. Die zur Prüfung der Steine bestellte Kommission konstatierte, daß der Fund aus dem 16. Jahrhunderte stamme. — Äus Karlsbad berichtet man uns, daß sämtliche Vereine Karlsbads die Judey ausgeschlossen haben und ihnen zu ihren Unterhaltungen keinen Zutritt gewähren» Als vor mehreren Jahren im Egerlande der Antisemitismus auftrat, wollte sich Karlsbads Judenschast dagegen wehren. Doch übte das liberale Stadtverordnetenkollegium einen Drück auf sie aus, zu schweigen, obwohl sie Gefahr liefen, wirtschaftlich ruiniert zu werden. Die Folge hiervon ist die gesellschaftliche Trennung zwischen Juden und Christen. — Dem in Krakau begründeten jüdischen Museum hat die dortige Universität eine Gesetzesrolle zum Geschenk gemacht, die um.1300 für die