Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Sie neigte den Kopf in tiefem Schmerz. War es ihre Schuld? Hatte sie nicht genug zu verzeihen gewußt,'-nicht genügend entschuldigt, nicht vollständig genug sich selbst vergessen?' Ein energisches Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Ein Herr trat ein, ein sich schnell bewegender Mann mit dürchgcarbeitetem Gesicht, klaren Augen und festem Schritt, Man sah es ihm an, daß das Leben ihn unaufhörlich von Pflicht zu Pflicht trieb, daß es für ihn keinen Aufenthalt, kein müßiges Träumen, keine Selbstbespiegelung gab. Frau Luise ging ihm entgegen, und als sie mit ihren leichten, gleitenden Schritten und ihrer mädchenhaften Gestalt auf ihn zukam, dachte der Arzt, daß es doch auch in unserer schnellebigen aufreibenden Zeit, welche so viel Menschen materiell verbraucht, welche die einzelnen aufsäugt, wie der heiße Stein die Tropfen, noch Frauen gibt, die ihre Jugend bis in spätere Jahre hinein zu bewahren wissen. Er beugte, sich flüchtig über die ihm dargereichte Hand und sagte mit einem Blick auf die Umgebung: „Gnädige Frau müssen schon gestatten, daß ich gehetzter Plebejer in Ihren Wolkentempel eindringe. Ich möchte gern, daß Sie ein wenig' zu uns armen Sterblichen niedersteigen. Ich habe heute den Zustand des Herrn Gemahls durchaus nicht, befriedigend gefunden. Ich glaube, er bedarf dringend Ihrer ganzen Aufmerksamkeit und Pflege." „Der meinen?" fragte Frau Luise erstaunt und. lud den Arzt zum Niedersitzen ein. „Ich fürchte, die wäre meinem Gatten nicht besonders genehm. Er liebt, sich gehen zu lassen und gehen gelassen zu werden. Die Schwester, welche ihn pflegt, ist bewährt. Sein Diener ist gut geschult, und die Köchin hat einen Kursus für Krankenkost durchgenommen. Auch sie ist eine zuverlässige und geschulte Person, auf die ich mich seit Jahren verlassen habe. Ich würde dabei nur im Wege sein." Der Arzt sah an Frau Luise vorüber zum Fenster hinaus, als wolle er seine Augen an dem Grün des Rasens ausruhen lassen. In Wirklichkeit kämpfte er eine zornige Anwandlung nieder, und darüber versank er in - ein unhöflich langes Schweigen. Er kam seit zehn Jahren ins Haus, und Frau Luise hatte Hochachtung vor . ihm. Aber diese schweigsame Pause war etwas. Ungewöhnliches bei dem Manne, der stets in großer Hast nur das Notwendige sprach. »Jetzt möchte ich Ihre. Gedanken kennen, Doktor," suchte sie zu scherzen. „Ich fürchte, sie sind nicht ganz harmloser. Natur." Er wendete ihr langsam sein Gesicht zu, und sie bemerkte zu-n erstenmal, wieviel tiefe schmerzliche Erfahrung darin verzeichnet stand.. ... „Ich dachte an einen meiner Kranken, der ähnlich leidet ‘ - Ihr Mann, gnädige Frau, an einen armen Proletarier, ■ kaum das Notwendigste besitzt. Er hat eine Frau und; junge Kinder. Die Frau muß jetzt die Familie ernähren. "lfhörlich rasselt neben dem Krankenlager die Nähmaschine. . doch, wenn ich in jene niedere Stube trete, dann herrscht ' n die nötige Sauberkeit. Nichts mangelt dem Kranken, in Augenblicken, in denen die Maschine still steht, finden ' ' stände der Gatten sich in innigem Drucke. Sie feiern ein. liebevolles Scheiden." Der Arzt brach ab und schaute wieder an der Frau Vor-, 'u. ' zum Fenster hinaus. Eine Wolke des Unmuts zog durch die Seele Frau ' ns. Sie liebte keine versteckten Ermahnungen— keine Geschichten mit einer greifbaren Moral. Wenn man etwas von ihr wollte, sollte man es .ihr frei und offen sagen, und frei und offen wollte sie antworten. Mit einer kleinen, stolzen Bewegung warf-sie den Kopf in den Nacken zurück. „Ich weiß, was Sie sagen wollen, Doktor, aber der Vergleich hinkt. Sie haben ganz recht: diese Proletarier sind glückliche Menschen. Alle Arbeit, alle Not des Lebens haben sie in ' Liebe und Geduld miteinander getragen — nun wollen sie auch in Liebe und Treue voneinander scheiden: Das ist ein schönes und großes Gefühl, düs ich ganz gut verstehe. Ja, das Glück, das darin liegt, hat etwas so Rührendes und Schmerzliches, daß es mir das Herz zerbrechen könnte. Allein . mit nur hat es nichts, ganz und - gar nichts zu tun. Mein Gatte ist ein Lebemann nnd reich, wir haben keinerlei Not. miteinander gelitten. Er hat sich stets glänzend ohne mich, unterhalten. Wenn, er tiefe Gefühle, hatte, so hat er sie mir niemals gezeigt. Unsere Ehe wurde aus Berechnung geschlossen und verlies, wie solche Ehen.verlaufen. Wenn mein Gatte mich verlangt, werde ich. zu. ihm gehen; außerdem würde es nur eine Zudringlichkeit sein, für die keinerlei Grund vorliegt." „Keinerlei Grund — wenn es. sich um einen Sterbenden handelt?" Frau Luise zuckte nicht zusammen, und doch traf, das Wort sie in. tiefster Seele. Es legte sich wie ein dunkler Flor aus alle sie umgebende Schönheit. Sterben? Vom Lichte der Welt scheiden, von all den tausend Interessen des Tages? Auslöschen-für immer — nie mehr sehen und gesehen werden? Mit allen Schmerzen und Sünden des Lebens belastet hinübergehen zu denn ewigen Kenner der Wahrheit, den: unerbittlichen Richter? * Jetzt war es an ihr zu schweigen. Und endlich sagte sie: „Aber — als Sie neulich Ihre . Diagnose stellten, Doktor, da meinten Sie, mit -diesem Leiden könne man sehr wohl alt werden." „Ich habe meine Ansichten ändern müssen nach der heutigen Untersuchung, gnädige Frau. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wie ein überlästiger Prediger erschien. Aber ich bin nie dahin gekommen, daß. die Menschen, ^Mit denen ich lange verkehrte, mich ganz kalt ließen. Auch Sie glaube ich ein wenig zu kennen. Nach zehn Jahren — ein wenig; das ist bescheiden ausgedrückt, nicht wahr? Viel ist es ja auch nicht, denn Sie haben längst verlernt, sich zu geben, wie Sie sind. In Ihnen ist ein Strom latenter Güte und Aufopferungsfähigkeit. Sie täten mir leid, wenn dieser Strom erst ins Fließen käme, nachdem zwischen Ihnen und dem Gefährten Ihres Lebens die Tore sich für immer geschlossen haben. Ihre Reue würde unermeßlich, unerträglich sein." Wieder küßte er ihre kalte Hand. Dann ging er. „Ihre Reue würde unermeßlich, unerträglich sein." Sie schloß die Augen unter. der Wucht dieser Worte. Niemals hatte jemand mit solchem persönlichen Ernst und Verständnis , zu ihr gesprochen; niemals, hatte jemand sie so in der Tiefe zu packen verstanden, so scharf vor ihr selbst die Konsequenzen ihres Tuns und Wesens gezogen,- wie dieser Seelenkenner und unbewußt so gütige Freund. Seine Worte durchrüttelten sie wie das Erklingen des Schofars. Hatte ihre eigene Selbstsucht den Strom der Liebe in ihr verschüttet? Hatte sie lebenslang vergessen, daß Lieben ein stetes, Geben ohne Zurückverlangen ist? Hatte sie stets nur . täuschen wollen, und war sie deshalb so grausam verküxzt worden--am besten Glücke des Lebens?