Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahren von derselben Universität, nachdem' er in den Prüfungen in der höheren Mathematik als allererster hervorgekommen war. Was diese akademischen Auszeichnungen noch interessanter macht, ist der.Umstand, daß der Besitzer derselben vor etwa zwanzig Jahren mit seinem mittellosen Vater als russischer Emigrant in London ankam und damals nur ein gebrochenes Jüdisch-Deutsch sprechen konnte., Er wurde dann von seinem armen, hausierenden. Vater, in die hiesige jüdische Freischule geschickt, wo sein angeborenes Talent für Mathematik sich nach und nach mehr entwickelte, so daß er durch die Erlangung von Stipendien in die Lage versetzt wurde, seiner weiteren Studien halber nach Cambridge überzusiedeln. Brodtskis wiederholte akademische Auszeichnungen wurden von verschiedenen hiesigen Tagesblättern höchst lobend erwähnt, die , dabei über das englisch-jüdische Talent für die Wissenschaft und die schönen Künste überhaupt manche schmeichelhafte Bemerkungen machten. Die hiesige jüdische reformierte Gemeinde, die vor etwa 50- Jahren ins Leben gerufen wurde, und die seitdem keine Veränderungen im bestehenden Ritual ihrer Synagoge vorgenommen, hat vor kurzem beschlossen, einige weitere Modifikationen darin einzusühren. Erstlich wird späterhin der Morgengottesdienst am Sabbat erst um 11 Uhr beginnen und ungefähr ein und eine halbe Stunde dauern, worin ein großer Teil. der Gebete in englischer Sprache rezitiert werden soll. Eine zweite beabsichtigte Veränderung wird darin bestehen, daß Männer und Frauen in der Synagoge beisammen sitzen werden. Es ist interessant zu bemerken, daß letztere von einer beträchtlichen Anzahl von Glaubensgenossen häufig besucht wird, die aus Rußland und Polen hier eingewandert sind, und die augenscheinlich einen Gottesdienst mit gemischtem Chor und Orgel recht anziehend finden. Wahrlich, les extremes se touchent. Eine Abzweigung der fraglichen reformierten Gemeinde hat sich vor einigen Jahren unter dem Namen „Religions- Union" hier gebildet, deren Gründer der bekannte Gelehrte C. Montefiore ist. Diese „Union" ist äußerst radikal und hat verhältnismäßig nur wenig Mitglieder; trotzdem haben die Leiter derselben beschlossen, eine Synagoge zu bauen, die ihren Zwecken entsprechen soll. Jedenfalls ist ihr Eifer, das Judentum in geläuterter Weise aufrecht zu erhalten, höchst lobenswert. Ein aus Amerika nach hier berufener jüdischer Prediger wird den Gottesdienst leiten. Kürzlich ist hier ein Buch erschienen, dessen Inhalt wohl einige Episoden aus dem Mittelalter bespricht und doch für den modernen Juden einiges Interesse hat. Es ist dies eine englische Uebersetzung einer alten und doch ewig jungen Satire, die im Jahre 1516 in Deutschland unter dem Titel „Epistolae Obscurorum Virorum“ (Briefe der Dunkelmänner) erschienen ist. Der Autor dieser Uebersetzung, Mr. F. G. Stokes, fügt derselben eine ausführliche Einleitung hinzu, worin er auf das wilde Tun und Treiben und die geheimen Liebesaffären dieser frömmelnden Dunkelmänner hinweist. Diese Hypokriten waren es aber, an deren Spitze der berüchtigte getaufte Jude Johann Pfefferkorn stand, die den damaligen deutschen Kaiser veranlassen wollten, daß er ihnen gestatte, einen großen Teil der alten rabbinischen Literatur zu vernichten, weil ihr Inhalt, wie sie behaupteten, anstößig wäre. Diese wunderlichen Leute erinnern lebhaft an gewisse moderne Antisemiten, die, obschon sie selber keineswegs als Tugendhelden angesehen werden können, den Juden alles Schlechte in die Schuhe schieben. ^UlliLegor? mrss. Der Sieg der Liebe. * Novellette von Regina Neißer. I. ’ ID^s war. ein sehr großes, luftiges Zimmer. Hohe, breite Fenster gingen nach dem. Garten. Dichter Efeu von innen, leichtes Rosengerank von außen ersetzten die Gardinen. Kein Gegenstand, der Einrichtung war bedeutungslos oder banal; ein jeder zeigte, daß die Besitzerin zu den verstehenden, nicht zu den ausübenden Künstlerseelen gehöre: Ihre Verhältnisse legten ihr keinerlei Fesseln an, sie konnte ihr Leben gestalten, wie sie wollte. Ihr Dasein war daher seit Jahren nur noch ein Kultus der Schönheit; dies bekundeten die altitalienischen Möbel aus der Renaissance-Zeit, die rings umherstehenden Bronze- und Marmorstatuetten, die wertvollen Bilder alter Meister an den Wänden.. Sie saß am Fenster. Im goldenen Lichte des Sommernachmittags sah man die seine Linie ihres Profils wie in einen zarten Duft gehüllt. Das reiche, weiche, leicht ergraute Haar schmiegte sich in vollen Wellen um die klare Stirn. Aber in dem Antlitze, das über, das Buch in ihrem Schoße sich neigte, lag etwas eigentümlich Fremdes und Fernes. Und doch hatte sie soeben weiche und schmeichelnde Verse gelesen. Die Frau hob ihre versonnenen Augen auf und blickte um sich, als komme sie aus einer anderen Welt: aus der Welt, in der man noch an das Glück der Liebe glaubt. Das war früher auch ihre Welt gewesen — eine Traumwelt, die versunken war vor der grellen Wirklichkeit. . Was liebt man? Man liebt das Geld, die Macht, den Besitz, den Ruhm, die Stellung und die Schönheit; man liebt überall mit der Liebe der Begierde, nirgends, mit der des Herzens. Das ist es, was für die edelsten und besten Frauen unserer, Tage das Leben so schal und nichtig macht, daß die Liebe, die Verständnis, Mitleid und Güte sucht, aus der Welt geschieden. ist und nur noch im Himmel, da und dort in einem verborgenen Winkel und in den Büchern der Poeten lebt. Das veranlaßt uns schließlich zu einer innerlichen Weltflucht, jener Weltflucht, die aus Müdigkeit, Gleichgültigkeit und innerer Abgeschlossenheit besteht, die uns zwingt, uns Interessen zu schaffen, welche außer uns liegen, damit wir unsere innerliche Leere vergessen. So dachte Frau Luise und sah hinaus in den Garten und hinweg über den kurzgeschorenen Rasenplatz, auf dessen grüner Fläche leuchtende, blumenübersäete Rosenbüsche standen. Ringsum Schönheit, reine, tadellose Schönheit. Aber das genügt dem Menschenherzen nicht; sein Hunger ist von einer weit tieferen und höheren Art. Eine große Sehnsucht, die lange geschwiegen hatte, regte sich in der Seele der einsamen Frau: die gewaltige, unauslöschliche Sehnsucht, die an unserem ganzen Wesen rüttelt, sich zu betätigen in Liebe, und die alles andere, was das Leben etwa außerdem noch bietet und gibt, als schal und nichtig bezeichnet. Früher, in der Jugend, war diese Sehnsucht das Grundelement ihres Charakters gewesen. Ein wahrer Strom von Güte hatte von ihrem Herzen den Menschen zugestrebt. Er war versiegt, versandet, vertrocknet im Sonnenbrand, in dürrer Luft, in steiniger Gegend.