Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-04 · Heft 9 (4.3.1910) · p. Seite 105

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228917--66295-3278424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

105 sondern heruntergehudelt. Dabei werden nicht acht, sondern zehn und elf Personen zur Thora gerufen. Nicht minder schnell betet der Chasan. Da der stillen Andacht hier sehr wenig Spielraum gelassen wird, bet Chasan fast alle Gebete von Anfang bis zu Ende taut vorsagt, die Gemeinde nur leise mitbetet, haspelt er die Unmasse von Gebeten mit unglaublicher Schnelligkeit ab, um nur „bald" fertig zu werden. Und doch verließen wir erhoben den Gottesdienst. Das „Einheben" hat es uns angetan. Die Damen vom „Chor" haben gefehlt, der Orgelspieler war auch nicht da; die Gemeinde allein, jung und alt, sang den 24. Psalm. Der die Hagbaa hatte, trug die Thorarolle voran, ihm folgte der Rabbiner, diesem schlossen sich bie Chasamim an, denen die Gemeindeältesten folgten. Der Zug bewegte sich langsam und würdevoll um den ^.Imemor herum durch die ganze Synagoge, während die gesamte Gemeinde den Jubelpsalm ungemein andachtsvoll sang. Beim letzten Vers öffnete der „Odamas" die Lade, einen in langer Ovalform gehaltenen großen Jnnenraum, und die Thorarolle, wurde auf ihren Platz gestellt. . . Draußen brannte die herrliche Südsonne, aber keiner von uns bedauerte den Verlust von zwei so teuren plein midi* Stunden. „Sehen Sie, Herr Rabbiner," sagte mein Freund, „das war ein schöner Gottesdienst. Ich will deshalb an unserem Gottesdienste nicht mäkeln, unsere Gesänge und unsere Orgel erquicken mein Herz. Ich ärgere mich nur, wenn jeden Augenblick bald der, bald jener kommt und an unseren Gebeten herumzwackt. Wir kommen nicht zur Ruhe. Kaum ist eine Gebetsordnung eingebürgert, möchte man sie wieder Umstürzen, wiederum kürzen, ändern. Das ist ungesund und eine Versündigung an dem religiösen Sinn des Volkes. Wenn wir schon draußen im Leben alles preisgegeben, in der Familie und im Gotteshaufe soll der konservative Kern unseres religiösen Lebens gepflegt und erhalten bleiben, sonst geht alles drunter und drüber . . . Auf Wiedersehen, lieber Herr Doktor, ich muß dem Sabbat zu Ehren zum Raseur. Nehmen Sie es mir nicht übel." . . . Kopfschüttelnd ging ich weiter. Einem tiefen, aber hoffentlich auch vielverheißenden Wandel geht das freie Judentum entgegen: Draußen im Leben fällt das Trennende, Isolierende, um im Gotteshause und in der Familie um so kräftigere Wurzeln zu schlagen. Der Rabbiner von Nizza, Mr. Bauer, ein gebürtiger Elsässer, den ich einige Tage daraus besuchte, bestätigte vollauf meine Vermutung über sein Verhältnis zur Gemeinde. Seine Gemeinde zählt 150 zahlende Mitglieder und etwa 20 Arme, die keinerlei Steuer entrichten. Er nimmt an jeder Sitzung der Verwaltung teil, und. nichts geschieht, ohne daß sein Rat erbeten würde. Auf meine Frage, ob die Aufhebung der Gemeindebeamtenbesoldung durch den Staat von schädlicher Wirkung gewesen sei, meinte er, in Nizza seien keine nachteiligen Folgen zu spüren. Als die Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen wurde, ging er persönlich zu allen Gemeindemitgliedern, und alle erklärten sich bereit, die höhere Steuer freiwillig zu entrichten; auch gegen die Entrichtung ines kleinen Schulgeldes für den Religionsunterricht sträubte 'ich kein einziges Mitglied. Schwieriger lägen die Verhältnisse ^ur in den kleineren Gemeinden und in Paris, wo immer nit Defizit gearbeitet werde. Auch bezüglich der konf.essionellumanitären Institutionen seiner Gemeinde sprach sich Nr. Bauer ungemein lobend aus. In Frankreich sind ien faisance und culte voneinander ganz getrennt: die Wohltätigkeit hat nichts mit der Gemeindeverwaltung zu tun. Wohl sind die führenden Elemente da und dort recht häufig dieselben, aber die Gemeinde als solche übt keinerlei Liebeswerke aus. Das ist in Frankreich gesetzlich; bei uns sollte diese Trennung aus freier Entschließung durchgeführt werden, sie wäre in vieler Hinsicht segensreich. Die gesetzlichen Kultussteuern, über die jeder klagt, könnten geringer werden; die Beiträge für humanitäre Anstalten, denen sich keiner verschließt, und die durch ihre Selbständigkeit einen weit größeren Kreis Mitwirkender umspannen könnten, würden reichlicher fließen. Mr. Bauer lobte auch das Familienleben seine Gemeinde, was angesichts des allgemeinen sittlichen Tiefstandes an der französischen Riviera nicht hoch genug anzuschlagen ist. Zweifellos ein Erfolg der Religiosität und der Liebe zur Tradition, von denen die hiesige Judenschaft noch erfüllt ist. Wenn auch am Sabbat alle Geschäfte geöffnet sind, und die Juden im gesellschaftlichen Verkehr die Speisegesetze nicht beobachten, wird doch in den meisten Familien noch koscher Hans geführt, und Knaben wie Mädchen werden schon mit dem sechsten oder siebenten Lebensjahre zum Chasau geschickt, der ihnen die Gemeindegesänge beibringt. Es ist auch eine Freude zuzuhören, wie an manchem Freitagabend kleine Jungen die Psalmen tadellos mitsingen. Selbst viele Kinder von Mischehen werden jüdisch erzogen und die Knaben dieser Ehen in den Bund Abrahams ausgenommen. So ist mir die Judengemeinde von Nizza ein erfreulicher Beweis dafür, daß wir keine Ursache haben, die wachsende. Gleichberechtigung zu fürchten und ihre volle Durchführung als die Auflösung des Judentums anzusehen. Nur muß ein Prinzip zum kräftigen Durchbruch gelangen und sich in der gesamtenJudenheit festsetzen: Aushebung aller Schranken nach außen, pietätvoller Sinn in der Familie und im Gottes Hause. l)r. Z. Lriek aus London. Von Dr. Chotzner. in hiesiger junger und talentvoller Glaubensgenosse, Mr. Herbert Samuel, ist jüngst zum Minister des englischen Postwesens und ein anderer Glaubensgenosse zum Assistenten desselben von der englischen Regierung ernannt worden. Letzterer, Sir Mathew Nathan mit Namen, hat während einiger Jahre den Posten eines Gouverneurs der englischen Kolonie Natal, im Süden von Afrika, bekleidet; seine Dienste daselbst sind offiziell häufig anerkannt wurden. Bedenkt man nun, daß in einem Weltreiche, wie England, wo bekanntlich die Sonne niemals untergeht, das Postwesen von äußerst großer Wichtigkeit ist, so wird man sicherlich die von der englischen Regierung erfolgte Wahl von zwei Juden zum fraglichen wichtigen Amte als hohes Kompliment ansehen, das sie augenscheinlich dem jüdischen Talent in offizieller Weise gezollt hat. Nicht minder schmeichelhaft für das jüdische Talent in England ist die akademische Auszeichnung, die jüngst von der Cambridger Universität einem ihrer Studenten, Selig Brodtski mit Namen, für seine gediegenen wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Gebiete der Optik und der Astronomie zugeteilt wurde. Die fragliche Auszeichnung bestand aus einem wertvollen Stipendium für drei Jahre, das dem Empfänger desselben die Möglichkeit verschaffen soll, seine bisherigen Studien mit weiterem Erfolg sortsetzen zu können. Ein gleiches Stipendium erhielt Brodtski vor ungefähr zwei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.