Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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Eifersüchtiger, die ungetreue Geliebte tötet. Die anderen alle aber sind vollkommen treu. Da ist der einfältig gutmütige riesenhafte Neger Ebedmelek, der wilde Haudegen Schephatjh der besonnene Schlachtenlenker Jonatan, der edle Friedensmann Achikam, der doch, als es die Not befiehlt, unter der zusammenstürzenden Mauer zu sterben weiß, der leidenschaftliche Knabe Namer, die trotz ihres Berufes herzensadlige Abigail und noch manche andere Gestalt. Und Treue ist auch das Edelste an den Menschen des vordersten Planes, in mancher Hinsicht an Zidkija selber, durchaus an Johanan und Tamar, schließlich auch an Jirmija, der einem Amte, das ihn tötet, Treue hält... Es ist im höchsten Grade zu bewundern, wie Trampe diese selbe Eigenschaft immer wieder zu variieren weiß, ohne sich zu wiederholen. Da erweist er sich eben als Menschenschilderer. ' Noch auf einem anderen Gebiet zeigt er sich als Meister der Kunst, sehr Aehnliches breit darzustellen, ohne der ermüdenden Einförmigkeit zu verfallen. Es gelingt ihm, dem Leser die langdäuernden Kämpfe bis zum Falle Jerusalems ausführlich zu beschreiben, und obwohl er, dem Tatsächlichen folgend, nur ein schreckliches, aus Blut, Pest und Hunger gebildetes Elend, das bald keiner Steigerung mehr fähig ist, vor den entsetzten AUgen des Lesers ausbreiten kann, so läßt er dessen Aufmerksamkeit doch keinen Augenblick erschlaffen. Dieses Wunder scheint er mir durch Sachlichkeit zu vollbringen. Er übertreibt das Scheußliche nicht, er spart auch alle subjektiven Worte des Tadels Und Entsetzens. Es war eben eine harte Zeit, scheint er zu sagen, und die Leute, die sich gegenseitig schändeten, marterten, die Köpfe herunterhieben, pfählten usw., wären deshalb nicht schlechter als die Kriegführenden der Gegenwart, die, milderen Zeitsitten gemäß, sich damit begnügen, durch Granatsplitter die gegnerischen Leiber aufzureißen und hernach zu flicken versuchen, was etwa noch zu flicken ist. So schildert denn Trampe auch den Babylonier nicht als Unhold, umkleidet vielmehr das Haupt des Großkönigs mit einem wahrhaft fürstlichen und genialen Glanze, stellt auch den babylonischen Feldherrn als einen ganzen Mann hin. Und diese ruhige Sachlichkeit, wie gesagt' ermöglicht es ihm, den Gang der schauerlichen Kümpfe Phase sür Phase interessant zu machen. Hätte er sich, statt ruhig zu schildern, an Worten übernommen, so wäre beim Leser sehr rasch Uebermüdung eingetreten. Daß er die Gefahr dieses Sichüberschreiens vermied, ist um so mehr anzuerkennen, als der biblische Klang seiner Sprache leicht dahin führen konnte. Nach dem Falle Jerusalems und dem tragischen Ende Zidkijas hätte ich gern das ganze Buch rasch beendet gesehen. Um die Zähigkeit des wiederauflebenden Volkes anzudeuten, brauchte Trampe nicht viele Worte zu machen. Aber leider konnte er sich von Tamar, Johanan und Jsmael nicht kurzerhand trennen und erzählt : noch Abenteuer über Abenteuer. Das wirkt ein wenig erkältend nach der Tragödie. Aber dann zum Schluß hebt sich der Dichter doch noch einmal zur Höhe. Freilich hat er's leicht; er braucht nur den Worten der Bibel zu folgen. Auf den Trümmern der Stadt ertönt das Klagelied des Propheten: Wie soll ich Dich trösten, Jerusalem? Was Dir vergleichen? Wer hat gelitten wie Du, Jungfrau, Tochter Zions? Deine Wunde ist weit wie der Ozean — Wer kann Dich heilen? Drei Forderungen stellte ich am Eingang dieser Studie für den historischen Roman auf: er solle Menschen zeichnensolle die Atmosphäre der geschilderten Zeit malen -und 'doch einen Hauch der Gegenwart hineinleiten. Ich glaube,- Ernst Trampe hat diese schwierige Aufgabe völlig gelöst. Was verschlägt es da groß, daß dieses epische Erstlingswerk auch einige Fehler aufweist? Ein Dichter muß vom Himmel gefallen sein, ein Meister allmählich werden. Der Dichter ist da, vielleicht kommt die Meisterschaft hinterdrein. Srirkk aus M??a. II. twä 20 zumeist ältere Männer, wenig fremde darunter, und 50 bis 60 Frauen waren in der kleinen Synagoge zur Andacht versammelt. Als mein Freund dem „Chamas" mit Dreispitz und Silberkette, er heißt Jsaac Bussidan, meinen Beruf ins Ohr flüsterte, eilte der zum Rabbiner und überbrachte mir sofort dessen freundliche Einladung, an seiner Seite oben Platz zu nehmen. Und als der Gottesdienst zu Ende war, eilte alles zum Rabbiner, um ihm einen guten Sabbat zu wünschen. Auch mein Freund kam. Draußen erzählte er mir als Kuriosum, der „Chamas" sei zu ihm gekommen und habe ihn direkt aufgefordert, er möge dem Rabbiner einen guten Sabbat wünschen gehen. „Ist das nicht sonderbar?" „Nein, verehrter Freund, sonderbar ist das nicht, sondern patriarchalisch, erhebend, nachahmenswert. Hier herrscht eben das richtige Gefühl dafür, daß der Mittelpunkt der Gemeinde der Rabbiner fein soll. Ich gehöre, glauben Sie mir, nicht zu den streitbaren Kirchendienern, aber doch halte ich das von so vielen gern praktizierte Beiseiteschieben des Rabbiners für eine dem Wesen des Judentums angetane Kränkung. Und merkwürdig, gerade jene, die das Judentum ausschließlich als Konfession gelten lassen wollen, betrachten die Gemeindeverwaltung als den Mittelpunkt und den Rabbiner als das besoldete oberste, aber doch untergeordnete Organ derselben. Ist das nicht ein Widerspruch? In der Konfession müßte doch Kern- und Mittelpunkt der Rabbiner sein, ist dem nicht so?" „Sie haben ganz recht, mein lieber Herr Doktor, sind aber an diesen Zuständen bei uns und bei Ihnen in Oesterreich nicht viellsach die Rabbiner selbst schuld?... Doch wozu sollen wir darüber streiten. Wie hat Ihnen der Gottesdienst gefallen?" „Ohne die Orgel mit dem alten, ehrwürdigen, schlichten Gemeindegesang, wie ihn die sefardifchen Gemeinden erhalten haben, sehr gut; Orgel, und Mädchenchor paffen da, wie die Faust aufs Auge. Eigentümlich, wie die Sucht nach Modernisierung des Gottesdienstes die Leute in die Irre führt. Moderner Gottesdienst und alter Ritus können niemals eine künstlerische Harmonie geben. Wo die ganze Gemeinde den „Lecho daudi" fingt, wirkt die Orgel nur störend." — Der Nussapb-Gottesdienst bewies uns das am besten. Ein Gottesdienst von ganz unmöglicher Ausdehnung. Er dauerte von 8V2 bis nach 11 Uhr, bet Schacharilh und Mussaph anschließend verrichtet würden. Er würde aber fast bis 12 Uhr gedauert haben, wenn so aus der Thora vorgelesen und so vorgebetet würde, wie es bei uns geschieht. Die Zungengeläufigkeit der Nizzaer Chasamim ist staunenswert, verblüffend. Um den ganzen „Stoff" zu bewältigen — die verschiedenen Maskir, die hier allsabbatlich abgehalten werden, rauben allein eine gute halbe Stunde — wird der Thora-Abschnitt mit dem sefardifchen, an sich sehr monotonen Trop nicht gelesen.