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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-04 · Heft 9 (4.3.1910) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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die mannigfachen. Abenteuer nachzuerzählen, die Johanan bis zur Vereinigung mit Tämar (und leider noch ein Weilchen darüber hinaus) mehr oder minder sieghaft besteht, kann nicht düi Aufgabe dieser Skizze sein. Ich nannte das Ringen um Tc-mar den novellistischen Faden der Dichtung; nun also tritt sozusagen vor den Nypellenhelden die Hauptgestalt des Romans, d r König von Juda. Und wie Johanan von hier an im Luche selber nur einen untergeordneten Platz einnimmt, teils als Beobachtender, teils als das Werkzeug höherer Befehle — er wird der Liebling, der Diener und Schildträger seines Fürsten — so konzentriert sich auch das Interesse des Lesers auf den Herrscher; das trotz aller Blutströme idyllische Geschick eines liebenden Paares fesselt weniger als die Tragödie des Königs. Gäbe es in Trampes Werk nur kostümierte Puppen, und König Zidkija wäre der.einzige Mensch, den er zu gestalten wußte, so würde diese einzige Tat .hinreichen, das ganze Buch zur Bedeutung zu erheben und die völlige und starke Dichterkrast des Kulturhistorikers und Erzählers zu beweisen. König Zidkija ist ein Held und ein. schwacher Mensch; er hat schwere Schuld auf sich geladen, und ist doch höchst liebenswert. Ein doppeltes Verschulden bedrückt, den Unglücklichen und raubt ihm seine Sicherheit in den Entscheidungsstunden. Einmal: er steht nicht fest zum Glauben seiner Väter. Sein Vertrauen zu diesem Jahve, der das aüserwählte Volk in immer größeres Leid hineindrängt, ist sehr gering geworden. Vielleicht sind die Götter, zu denen das siegreiche Babel betet, viel mächtiger; vielleicht liegt alle Gewalt bei Melek, dem man freilich mit scheußlichen Menschenopfern dienen muß. Nur ungern vertreibt er aus Andrängen der Jahvepriester die Diener der anderen Himmlischen und rettet sie wenigstens vor der fanatischen Blutgier der Orthodoxen; in einer Höhle feines eigenen Parkes duldet er den Molochanbeter und läßt sich im Irrsinn völliger Verzweiflung schließlich ein Menschenopfer ablisten; .dem Verkehr mit Zauberern und Totenbeschwörern ist. er nicht abgeneigt. Doch diese Verschuldung berichtet der Dichter nur als ein historisches Faktum, das allzubegreiflich scheint, um etwa als unverzeihlich empfunden zu werden. Nicht deshalb begreiflich, weil der König keineswegs der einzige derartige Sünder in der Stadt des Herrn ist, weil Jirmija, der Prophet, mit größtem Recht auf die Abtrünnigkeit vieler Tausender in Jerusalem Hinweisen kann. Sondern allein deshalb, weil sich bei . dem ganzen Volke, wie es Trampe zeichnet — und er wird wohl die düstere Zeit nicht allzu düster geschildert haben — weil sich dort nirgends und an; wenigsten ' bei den rechtgläubig fanatischen Priestern ein vecehrungswü.rdiger Jahve findet. Ihr Gott steht aus einer niedrigen Stufe, er ist nicht mächtiger als etwa ein südimuenischer Lokalheiliger, und man dient ihm mit ebensovielem Aberglauben wie diesem. Deshalb verhalten sich auch die e r sten Leute in Trampes Jerusalem zum mindesten gegen den -"'stellen Priesterjahve einigermaßen indifferent. Nein, aller '' -chdruck liegt einzig auf Zidkijas anderer Verschuldung, die n spät (vielleicht zu spät) erfährt. Er hat sich die Herrschaft :.-'derrechtlich angeeignet; nach dem Tode seines Vorgängers er dem Großkönig Nebukadnezar den doppelten Tribut coten, falls er die Kröne erhalte und der rechtmäßige Erbe - die Gefangenschaft geführt werde, und Nebukadnezar ist -f den Handel eingegangen. Was nutzt es, daß Zidkija ' -dem mit größter Milde und Güte regiert, daß er die Armen ^-ues Volkes zu schonen sucht, wo. immer die Möglichkeit Schonung sich bietet, daß er qualvoll mit allen Leidenden >'U-er leidet? Der fürchterliche Tribut an den Großkönig muß angebracht werden, und'wieder und wieder wälzen die Reichen alle Last auf die Armen. Wie soll der König diesem Unwesen steuern, da er ja doch im letzten Grunde selber Schuld trägt an der Aussaugung des Volkes? Indem Trampe mit voller Kraft diese soziale Not und Schuld' darstellte, indem, er dies irdische Element weit über das religiös-himmlische hinaushob, brachte er eben den modernen Hauch in die antike Atmosphäre, verschaffte er seinen Menschen die Anteilnahme des modernen Lesers, die dem bloßen „Für und wider Jahve" vielleicht versagt geblieben wäre, zumal ja eben der Jahve, wie er damals von den meisten verstanden wurde, den anderen zeitgenössischen Göttern nicht sehr unähnlich war. Und wiederum verfälschte dieser modern-soziale Hauch keineswegs die biblisch historische Atmosphäre, denn der Prophet Jeremia, dessen Taten und Reden mit äußerster Genauigkeit übernommen wurden, wendet sich ja aufs leidenschaftlichste gegen die Bedrückung der Armen und Knechte, nur daß bei ihm natürlich diese Sünde an zweiter Stelle hinter der Götzendienerei steht, während Trampes Jirmija fast mehr einem Anwalt der Armen als einem Anwalt Gottes gleicht. Der Leser steht von Anfang an unter dem Eindruck, daß Zidkija ein Verlorener ist. Den einzigen Ausweg, den es für ihn gibt, und den Jirmija als Gottesbefehl anrät: bedingungslos vor den Großkönig zu treten: „Nimm meine Krone, ich kann, den Tribut nicht mehr aufbringen" — dieser einzige Rettungsweg ist dem Unglücklichen durch sein Ehr- und Herrschergefühl verrammelt. Aber den Tribut weiter zu zahlen, ohne das eigentliche Volk gänzlich zu vernichten, vermag er auch nicht; den reichen Adel zu höherer Beisteuer zu zwingen, geht ebenfalls über seine Kraft, und alle bewaffnete Auflehnung wider Nebukadnezzar ist sinnlos. Dennoch wählt er als ein Mann diesen sinnlosen Mord seiner selbst und seines Volkes. Und merkwürdig: Volk und Adel, in soviele Parteien sie sonst gespalten sind, stimmen in dieser Entscheidung dem Könige jubelnd zu, ja zwingen sie ihm. fast auf. Der weise Greis, der neben Jirmija gegen die Empörung redet, wird von allen angefeindet und fast tätlich angegriffen. So beginnt denn ein jahrelanger heldenhafter und verzweiflungsvoller Kampf. Das bitterste Los in diesem Unternehmen trifft den König; denn er fast ganz allein gibt sich niemals über den Ausgang des ungleichen Ringens einer Täuschung hin. Wohl versucht er's, dem Zuge seiner Zeit folgend, mit der und jener Gottheit, aber im Innersten kennt doch auch er schon den Napoleonischen Satz, daß der Gott des Sieges der Gott der stärksten Bataillone ist. Und wirklich, nur die unendliche Ueberzahl an Mannschaft, die Fülle an Kriegsgerät verleiht den Babyloniern den schließlichen, mit ungeheuren Opfern erkauften Sieg. Denn das Volk von. Juda mag von hundert sittlichen Schäden zerfressen sein: an Kriegstüchtigkeit, an Liebe zur Heimat und an Treue, vor allem an Treue, fehlt es ihm nicht. Ich möchte Ernst Trampe den Dichter der Treue nennen. Er ist unerschöpflich in der Zeichnung verschiedenartiger, aber durch ihre Treue verwandter Charaktere. Der einzige ganz treulose Verräter in diesem Buche ist Jsmael. Die Söldner, die, des Hungerlebens überdrüssig, sich schließlich durch den Prinzen zum Verrat bestimmen lassen, geben dem König zum mindesten deutlich genug zu verstehen, daß er auf sie nicht mehr zu rechnen habe. Ja, einer unter ihnen stirbt doch lieber für seinen Herrn, als daß er mit den Wölfen heulte. Und Schebnas geplanter Verrat ist nur aus Treue zu erklären. Der frühere Waffenträger des Königs sieht sich durch Johanan in der alten Gunst seines Fürsten verkürzt — nur in der Gunst, nicht in Rang und Lohn! — und will Zidkija töten, wie ein

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