Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228917--66292-3278421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-—- 102 < keine Nächsten,, teine. Brüder mehr, Sie haben ihn verraten. (Kap. III Er hat kein Volk'; denn es ist vor seinen Augen zertrümmerte worden. Er hat über auch keine Bande, die ihn mit der Menschheit verknüpfen: Die .Nationen taumeln und rasen wie „Trunkene"/(Kap. 25.) Die großen orientalischen Eroberernationen Assur, Babel, Aegypten zerfleischen sich gegenseitig in unaufhörlichem Morden. Die Welt ist aus den Angeln! Und so spricht es aus ihm (Kap^ 20, V. .14) : „Verflucht der Tag, an dem ich geboren ward!" (V. 18): „Wozu ging ich hervor aus dem Schoß?" Ein unerhörter Kontrast zu diesem Manne hoffnungsloser Trauer ist Ezechiel.?.) Der sitzt da wie_ein Mann, der selbst von starkem Leben erfüllt ist, der aber auch ins Leben seiner Zeit eingreifen muß, der nicht schweigen kann noch darf. Dieser Ezechiel Angelos redet wirklich zu einem Volke „harter Stirn und verstockten Herzens". Und auf ihn trifft zu (Kap. 12, V. 8): „Siehe, ich mache Dein Angesicht hart ihrem Angesicht gegenüber und Deine Stirn hart ihrer Stirn gegenüber. Dem Felsen gleich mache ich Deine Stirn." Der Gott dieses. Mannes zürnt: „Es hat ein Ende!" (Kap. 7.) „Untergangs kömmt!" Mit Erdbeben, Donner,Sturm und Feuerflammen, seinen Lieblingsausdrücken, schreckt er seine Zuhörer, und ein Sturm-geht dabei durch den vor Erregung an allen Gliedern bebenden Körper/ um den der Mantel im Wehen flattert. Der Genius zu seiner Rechten deutet nach oben, wo wir uns unter Gewitter das Traumgesicht (Kap. 1) Ezechiels, die mystisch erhabene Quelle seiner Offenbarungen, sich entfaltend vorstellen müssen. Diese Ezechielsche Vision mit ihren drei Tieren, die dann in der Offenbarung Johannis (Kap. 4) zu den Evangelistensymbolen herhalten mußten, wurde schon von Dante, Pürgatorio XXIX., kritisch Philologisch gewürdigt und befruchtete auch poetisch seine Phantasie: Im feierlichen Triumphaufzuge erscheint ihm nämlich hoch auf dem schon von Ezechiel angedeuteten Wagen Beatrice, und in späteren Gesängen wird diese Ezechielisch-Danteske Vision fortgebildet zu einem großartigen Symbol der Papst- und Kirchengeschichte. 1510 malte dann Raffael seine Vision des Ezechiels, deren Ausführung dem Giulio Romano zuzuschreiben ist. Von Angelos Joel können wir nichts rühmen. Die Bibel gab nichts Charakteristisches her, und Joel gehört auch zu den früheren, noch befangenen Gestalten der Decke. Dasselbe gilt von dem Zacharias. Die zwei Paare von Putti, die das Gesims stützen, drücken Freude aus und werfen Licht auf den heiteren, vertrauend hoffnungsvollen Geist der Prophetie dieses Mannes, der die Rückkehr seines Volkes in die Heimat unter Josüa und Serubabel erlebte. Dagegen ist der Jesajas wieder eine von Angelos ewigen Leistungen. Das Bild, das sich der Meister von diesem Propheten machte, ist allerdings kaum noch historisch treu/ Von dem Deutero-Jesajas, der unter Kyros lebte, hatte er natürlich noch keine Ahnung. Ferner galt Jesajas schonbei Dante, Paradiso XXV;, als der typische Prophet Christi/ und wenn der Genius, der bei Angelo dem Seher plötzlich erscheint, so daß dieser erstaunt und scharf auflauschend seinen Köpf, der eben noch nachdenklich - auf seiner aufgestützten Linken ruhte, jäh nach rechts herumwirft, mit ausgestrecktem Arm ins Ferne weish wohin dann anders, als auf den kommenden Friedensmessias, unter dem man sich natürlich den Gekreuzigten gedacht hat. Das eigentlich Seherische ist in dieser Gestalt unvergleichlich großartig verkörpert. Unter den Sibyllen ist die Delphica, die Wölfflin, y Bart und Kopfbinde stellte Angelo dar nach Ezechiel (Kap. 24). „Klassische Kunst", S/59 bis 60, trefflich analysiert hat; das geeignete Pendant. Auch sie ist von ihrer Vision wie von einem Blitzschlag überraschend getroffen. Raffaels Jesaias, um 1512, Fresko in S. Agostino, Rom, ist, wie schon Vasari bezeugt, unter dem unmittelbaren Eindruck Angelos entstanden. Diese Figur besagt jedoch geistig gegenüber Angelo wenig. . Dieser Jesaias mit seinem ausgesprochen^ jüdischen Typus ist ein Ausfluß humanistischen Historismus. Er hat eine griechische und eine hebräische Jnschrifttasel. Letztere, mit nicht ganz korrektem Texte von Jesaias XXVI, 2—3, bezieht/sich. auf die Gläubigen, die in die Kirche eintreten: „Oeffnet die Pforte, daß einziehe ein Volk der Gerechtigkeit, bewahrend die Treue" usw. Auch hier ist Jesaias wie etwa Johannes ein Vordeuter und Herold Christi. Raffaels vier Sibyllen von 1514, natürlich auch von Angelo beeinflußt, enttäuschen ebenfalls durch ihren geringen geistigen Inhalt. > Angelos D aniel ist ein vergleichender, notierender Historiker mit offenen, genialen, noch jugendlich scharfen Gefichtszügey. Das Buch, das er vor sich hat und für seine eigene Schrift benutzt, sind-gewiß die Prophetien des Jeremias?) Schon bei Dante, Purgatorio XXII., ist Daniel der typische Gelehrte, der aus Liebe zu seiner Wissenschaft fastet, nach Daniel 1,17. Dieses Propheten Konstruktion der Weltgeschichte, an der sich schone Josephus, ^miguitat. üb. X, eap. 10, deutend. versucht hat, .wurde ja für die mittelalterliche Kirche vorbildlich. Wir beschließen unsere Betrachtung mit Angelos-Jona, der zuletzt und mit höchster Kühnheit hingestellten Prophetenfigur/die nach Wölfflins Wort „mit kolossaler Bewegung alle tektonischen Schranken einreißt". Als. Attribute erhielt er den Walfisch und den Kikajon. Die eine ruhige Gestalt, ihm; zur Linken, scheint die ruhende Stadtgöttin Niniweh zu sein. Die andere, mit dem vom Sturme wie ein Segel aufgebauschten Mantel, ' vielleicht - ist sie der Windgott, der das nach Tärsis flüchtende Schiff in den Grund zu senken droht, vielleicht auch, und das ist wahrscheinlicher, der glühende verdorrende Hauch, der den Kikajon zum Welken bringt. Dies alles aber. gerät: in Vergessenheit, wenn wir die stürmisch zurückgebeugte Gestalt des Jona selbst betrachten, dem man es glaubt, daß er gewaltig erregt mit seinem Gott'zu hadern wagt. Das ist der Mann, der seiner großen Mission sich nur widerwillig ergibt und doch ergibt, der prometheische Mann des Trotzes gegen Schicksal und Gottheit. „Wie? Darum kam ich zuvor, nach Tarsis zu fliehen, daß du Niniweh trotz meiner Strafreden erhältst und rettest?" scheint er auszurufen. - Denn er erfaßt Gott als den unbarmherzig ausrottendew Geist der Rache und des Todes. Und wie wird er im Innersten enttäuscht und überrascht fein, wenn ihm die Botschaft wird:/ „Mir sollte nicht-leid sein um Niniweh, die große Stadt, in der mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht unterscheiden zwischen der Rechten und der Linken, dazu vieles Vieh?" Lin bidülchrs Lpos. Von Victor Klemperer-Oranienburg. , II. an steht erst auf Seite 60, als Johanan in verzweifelter Lage die Besinnung verliert. Und da das Buch, wie gesagt, mehr als 800 Seiten besitzt, - und da man in Johanan bereits den Helden erkannt hat, so kann man seiner Rettung gewiß sein. Das Wie dieser Rettung und *) Vgl. Daniel Kap.' 9. V. 2 und 24 nach Jeremias Kap. 29, V. 10.