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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-04 · Heft 9 (4.3.1910) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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die dem Fortbildungswesen für die erwachsene Jugend System, Richtung und Ziel zu geben vermag". Noch ein anderer moderner Gedanke tritt — wie eine Biographin der' verehrten Frau, Agnes Gosche, in der Zeitschrift „Die Frau" November 1904, S. 97—102 sagt — Henriette Goldschmidt bestimmend aus ' den Forderungen Fröbets heraus: „Der Gedanke der Zusammengehörigkeit der einzelnen Gesellschaftsklassen, der verschiedenen Stände, der verschiedenen Alters stufen; der humane Gedanke, für die Kinder der Armen zu sorgen, ist so verschmolzen mit der Frödelschen Erziehungslehre, daß er ja meist den Impuls zur Verwirklichung wenigstens eines Teiles seiner Lehre gegeben hat." Zur lebenskräftigen Ausgestaltung dieser Gedanken gehörte ihre Begründung eines Kindergärtnerinnenheims und eines Lyzeums für Damen. Diese planmäßigen Gründungen stellen ihre Lebensaufgabe dar und bezeichnen am deutlichsten ihr Ziel: „Vom Kindergarten zur Frauenhochschule." Die Greisin, der ein gütiges Geschick einen gesunden Körper und einen lebhaften Geist bis in ihr hohes Alter gewährt, hatte das Glück,.im Februar dieses Jahres Vorträge unter dem eben angegebenen Titel in Magdeburg und Leipzig halten -zu können. „Diese Idee," so schreibt mir die verehrte Frau, „hat mich vom Beginn meiner Arbeit am Fröbelschen Erziehungswerke an beschäftigt, Und ich habe sie zum Teil in unserem Lyzeum verwirklicht, allerdings wegen Mangel au Mitteln und Verständnis sehr zum Teil. Null erhalte ich von einem Gönner und Freund zunächst das Haus mit Garten, das geeignet ist, der Hochschule den nötigen Raum zu geben." So sieht die würdige Hohepriestern: edler Gedanken ihr Lebenswerk gekrönt. Ich kann mir nicht versagen, auchhier ihre Worte anzuführen: „Wiewohl ueine Vergangenheit dafür spricht, daß Ideale keine Utopien -lud, so hatte ich doch lange - die Hoffnung nicht, daß das Ideal sich verwirklichen würde.": Es ist rührend, diesen apostolischen Eifer einer alten Frau auzusehen; ihre Frische und Tatkraft sind bewundernswert. Möge ihr ein heiterer Lebensabend beschieden sein, um die Früchte ihres Wirkens zu genießen! Frau Henriette Goldschmidt hat bei ihren auf das allgemeine Wohl gerichteten Bestrebungen nie die Jüdin verleugnet. Als Gattin eines Rabbiners, eines der trefflichsten Redner, die eine jüdische Kanzel geziert haben, betätigte sie das, was sie im Elternhause gelernt; in den langen Jahren ihrer Witwenschaft blieb sie dem Glauben treu, dem sie entstammte. Sie ist eine Zierde der Gemeinschaft, der sie angehört. Meinem Vater war sie eine innig ergebene Freundin. Ich betrachte es als Lebensglück, der Vortrefflichen Frau schon in meiner Jugend näher getreten zu sein und mich ihrer Teilnahme bis heute zu erfreuen. Lu d.w i g G e i g er. .... ' Michelsnsklos Orophetengkltslten, besonders in ihrem Verhältnis?um biblischen Vorbilde betrachtet. Von S. Aschner. it Sibyllen- und Prophetendarstellungen - trat die italienische Kunst im Zeitalter der Gotik auf die Weltbühne, sich mit ihnen sofort ankündigend als eine Kunst, die auf das Geistige, das Denkerische gerichtet ist, die von innen heraus das Menschenwesen erfaßt und von der Seele zu dem Körper, vom Inhalt zu seiner organischen Form vorschreiten möchte. Mit den Sibyllen- und Prophetengestalten Michelangelos erreichte sie dieses Ziel. Intensivstes geistiges Schauen und Schaffen sind hier typisch und allgemein gültig dargestellt; unkörperliches, tief garendes geistiges Leben hat hier seinen Körper empfangen: Geist und Leib geben sich in wunderbarer Identität. Giovanni Pisanos Sibyllen und Propheten an seiner Kanzel zu St. Andrea von Pistojä, 1301, galten von jeher als kräftiger Auftakt 311 Michelangelos Durchführung dieses Themas. Geistigkeittiefsinnige Beseeltheit, die sich ihrer Körper so bemächtigt hat, daß diese zum willenlos gefügigen Werkzeug der Seele geworden find, so sind schon von dem Gotiker die Sehergestalten angeschaut worden. Daß Dantes den Propheten gewissermaßen kongeniale Phantasie von ihren Gesichten tief erschüttert wurde, wird sich aus unserer, folgenden Betrachtung näher ergeben. Der Prophetenchor des Fra Angelico im Dom von Orvieto ist weniger wegen seiner recht unintereffanten Figuren beachtenswert als vielmehr darum, weil die Schrifttafeln in ihren Händen hebräische Worte aufweisen. Man hat die Schrifttafelntexte bei Untersuchungen über das Studium des Hebräischen in Italien, das seit dem 15. Jahrhundert zusehends wuchs, bisher wenig gewürdigt, und doch lehrt nichts so eindringlich wie sie die Popularität dieses Studiums. Von Fra Angelico welch eine schier unüberbrückbare Kluft zu den Propheten der Sixtinischen Decke, die wirklich das sind, was sie vorstellen sollen, die sich so unvergeßlich einprägen, daß man sich die Propheten der Bibel gar nicht mehr, anders vorstellen könnte! Schwer, in sich zusammengesunken, sinnt Jeremias über die Verödung seines Landes. Mit ihm trauern die beiden Genien ihm zur Seite. „Mein Herz in mir ist krank," (Jeremias Kap. 8 W 18) spricht diese Gestalt, deren Augen vor sich in Nichtsin die trostlose Nacht starren, aus der kein Stern leuchten will. Wie lange noch, und Tränenströme werden aus diesen in tiefen, verschütteten Höhlen versteckten Augeu hervorbrechen! Dieser Mann ist heimatlos und vereinsamt im tiefsten Maße. Er hat , l) Auch Bürckhardt, „Kultur der Renaissance in Italien", 10. Auflage, besorgt von L. Geiger, 1908,1. S. 214 f., S. 368 f., beachtet die Schrifttafeln nicht. Frau Vr. Henriette Gol-schmidt.

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