Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228917--66290-3278419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
100 essanlen Verlaus. Mr. Jacob H. Schiff sagte a., Amerika, brauche die jüdischen Immigranten, die mit ihrem Idealismus und Gewerbefleiß dem amerikanischen Volke großen Nutzen bringen. An dem. Aufschwung New Yorks zur größten Handelsstadt Amerikas hätten die eingewanderten russischen Juden einen wesentlichen Anteil. Es sei jedoch erwünscht, daß die Einwanderer sich nicht nur in den überfüllten Großstädten konzentrieren, sondern sich namentlich auch in dem ihnen gute Aussichten bietenden Staate Texas niederlassen. Darauf ergriff der in .der Versammlung anwesende Emigrationskommissar Williams, der wegen seines strengen Regiments auf Ellis Island der Schrecken der Emigranten ist. das Wort zu folgenden Ausführungen: „Es gibt in Amerikg hinsichtlich der. Emigration zwei Parteien, die eine verlangt, daß alle hereingelassen werden, und die andere, daß alle - zürückgewiesen werden. Ich gehöre zu keiner der beiden Parteien. Der mir nachgesagte Antisemitismus ist eine unzutreffende Behauptung. Man vergißt immer, daß ich Beamter bin, der nur den Auftrag der Regierung und die strenge Handhabung der Einwall derüirgsge setze auszuführen hat. Diese Gesetze sind aber in vielen wichtigen Punkten unklar, und daraus entstehen die Schwierigkeiten. Mit den Vertretern der jüdischen Organisationen auf Ellis Island habe ich die besten Erfahrungen gemacht, wenn ich auch oft gezwungen bin, ihre Wünsche unberücksichtigt zu lassen." Auf diese schwächliche und gewundene Erklärung erwiderte der Richter Leon Sanders in eindrucksvoller Weise: „Mögen Sie, Mr. Williams, in Ihrem schweren Amte stets folgendes bedenken: Wenn Emigranten anderer Völker zurückgeschickt werden, so haben sie eine Heimat, in welche sie zurückkehren können; die jüdischen Emigranten aus dem europäischen Osten sind aber heimatlos, und wenn sie'zurückgeschickt werden, müssen s'e ruhelos umherirren und zugrunde gehen." '' - 'Der bekannte jüdische Volksredner Mosliansky bemerkte bezüglich des von Williams eingesührten „Muskelexamens": „Es gibt Menschen mit starken Muskeln» die ihre Kraft dazu gebrauchen, ihren Mitmenschen die Gurgel dnrchzuschneiden, und es gibt muskulös schwächere Menschen, die eine neue Welt errichten." Zum Schluß meint Mr. Williams, er wäre den Ausführungen der Redner mit Interesse gefolgt Und werde die hier gewonnenen Eindrücke Und geäußerten Ansichten bei seiner Tätigkeit würdigen. * - Zum Schluß mag nachstehender Artikel des .,B. B.-C." folgen: Die Rothschilds im englischen Parlamente. In vier verschiedenen Linien blühen gegenwärtig die Nachkonnnen von Mayer Ayselm Rothschild, der es vom kleinen Geldwechsler bis zum reichen Bankherrn in Frankfurt a. M. brachte und den Grund zu der Weltmacht des Hauses Rothschild legte. In vier verschiedenen Linien — die sich nach ihren Wohnsitzen die Wiener, die Londoner, die Frankfurter und die Pariser Linie nennen. Alle besitzen seit dem 21. Oktober 1816 den österreichischen Adel und seit dem 29. September 1822 den österreichischen Freiherrnstand. Das Haupt der Londoner Linie abev, Nathaniel.Mayer Freiherr v. Rothschild, kann sich Lord Roth- Mild nennen; er ist Peer von England und sitzt als solcher im Oberhaufe. Er zählt, nebenbei bemerkt, zu den entschiedensten Gegnern des zurzeit am Ruder.befindlichen liberalen Kabinetts Asquith. Während ver letzten Session war die Familie Rothschild auch im Ünterhvuse vertreten, und zwar durch Mr. Lionel Walter de Rothschild, den ältesten Sohn von Lord- Rothschild. Aber sei es, daß Mr. Lionel-Walter de Rothschild kein Vergnügen an der Beschäftigung mit der Politik empfand, sei es, daß?, er keine Aussicht hatte, wiedergewählt zu'werden — jedenfalls ließ er sich bei den Neuwahlen, die.England in so starke Aufregung versetzten, nicht als Kandidat äufftelleM Dennoch fehlt der Name Rothschild auch diesmal nicht unter den 670 Parlamentsmitgliedern. Ein Neffe von Lord Rothschild, Mr. - Lionel Nathan de Rothschild, ist an die Stelle seines Vetters getreten. Er ist eines der jüngsten Mitglieder des neuen Unterhauses, nämlich erst, knapp 28 Jahre alt, und. der älteste Sohn hon Wr. Leopold de Rothschild, der als „Mr. Leo" einer der erfolgreichsten Rennstallbesitzer Englands ist. Die Mutter, des jungen Mr. Lionel Nathan de Rothschild ist eine Perugia aus Triest, eine von den Schwestern Perugia, deren Schönheit in ihrer Jugend Aufsehen erregte. Eine andere dieser schönen Schwestern ist die Gattin des Mr. Arthur Sassoon, den König Eduard VII. mit seiner .besonderen Freundschaft beehrt, und als dessen Gast er sich erst neulich wieder längere Zeit in Brigthon aufhielt Es mag eingeschaltet sein, daß die alte englische Aristokratie die Intimität des Königs mit internationalen Finanzmännern, wie Mr. Arthur Sassoon, .der einer indischen Iuwelenhändlerfamilie entstammt, und Sir Ernest Cassel, der in Köln a. Rh. zur Welt kam und anfangs Kommis in einem deutschen Bankhause war, nicht gerade ge^n sieht. An der Freundschaft des Königs mit den Rothschild haben die Engländer dagegen nicht das mindeste aüszusetzen. Denn wie die Rothschild in Wien Oesterreicher und in Paris Franzosen geworden sind, so sind sie auf dem Boden Englands längst als Engländer heimisch geworden. Man siebt es auch nur als eine ihrem Reichtum und ihrem Landbesitz in berechtigter Weise entsprechende Erscheinung an, daß smMer der Chef des Bankhauses „N. M. Rothschild L Söhne" in London als Lord im Oberhause und ein jüngerer Sproß der Familie -im Unterhaus« einen Sitz hat. Henriette Galdlchmidt. enriette Goldschmidt geb. Benas ist am 23. November 1825 in Krotoschin geboren. Ihr Vater war Großkausmann. Sie erlangte im elterlichen Hause eine vortreffliche Erziehung. Die Stürme des Revolutionsjahres 1848 pflanzten ihr freisinnige Gedanken ein, die sie nie verlassen haben. „Meine Wirksamkeit in Krotoschin als 16 jähriges Mädchen begann damit," so schreibt mir die treffliche Frau,. „daß ich einen Verein von Jungfrauen zu dem Zwecke gründete,, die Leuchter für die eben erbaute neue Synagoge zu beschaffen, urid meine zweite Tat war die, mit meinem Vater als Vorstand der Gemeinde die damalige Rabbinerwahl derart zu. beeinflussen, daß trotz der starken Orthodoxie ein akademisch gebildeter Rabbiner und kein Anhänger der alten Schule gewählt wurde." Der Vater siedelte nach Posen über; dort heiratete Henriette 1855 den Rabbiner Dr.M.A.Goldschmidt, einen Witwer mit drei Kindern. Sie war viele Jahrzehnte hindurch, während derer sie sich ihres Mannes erfreute, eine vortreffliche Gattin und zeitlebens, da ihr das.Glück versagt blieb, eigene Kinder zu besitzen, eine wahrhafte und echte Ätutter der Kinder ihres Gatten. Mit Mann und Kindern zog sie 1858 nach Leipzig; dort lebt sie ununterbrochen seit 52 Jahren. Seit dem Jahr 1866 begann ihre großartige Wirksamkeit für die Angelegenheiten der Frauen. Damals schloß sie sich dem ein Jahr früher von Luise Otto und Auguste Schmidt begründeten Frauenverein an und wirkte für dessen Ideale in Wort und Schrift. Sie übte, durch eine glückliche Rednergabe dazu befähigt, einen, großen Einfluß aus durch ihre Vorträge in großen und kleinen Städten, gab die Anregung zu Petitionen, die darauf ausgingen, die der weiblichen Arbeitskraft im Wege stehenden Hindernisse zu beseitigen. Während andere Frauen mehr die Erwerbstäti-gkei t ihrer Geschlechtsgenossen zu erweitern suchten, strebte sie besonders danach,: die A u s - b ild un gsmö g lich k ei t en zu vermehren, und sah in , der Tätigkeit am Fröbelschen Erziehungswerk die schönste und lohnendste Ausgabe der Frau. : j ' Sie begründete 1871 den Verein für Familien- und Volkserziehung, und in Fröbel sah sie, wie sie zehn Jahre später in einer Schrift aussprach, „nicht nur den Resormator der kindlichen. Erziehung, soydern den Schöpfer einer Erziehungslehre,