Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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meister Weile, Kommerzienrat Loewenberg, Lewinski und ' Löewenthal entsandt; seitens des Gemeindevorstandes sind die Herren Justizrat Timendorfer und Seligsohn delegiert worden,? außerdem werden noch zwei Mitglieder der Baukommission dieser Deputation angehören. Die im vorigen Jähre unter dem gleichen Titel eingesetzte Kommission war zu dem Ergebnis gelangt, daß nach Maßgabe der Verteilung der. jüdischen Bevölkerung, zwei weitere Synagogen dringend erforderlich seien, und zwar im Nordwesten bei 14000 Seelen und tm Südosten bei 16 000 Seelen. Zur Errichtung dieser Synagogen sind das Hausaviertel und die Gegend des Kottbuser Ufers als am meisten geeignet befunden worden. Der Heute gewählten Deputation ist nunmehr die Aufgabe gestellt worden, die zweckentsprechenden Bauplätze herauszusuchen, — In die gemischte Deputation zur Vorberatung der Frage des Ritus der Synagoge Fasanenstraße wurden die Herren Geheimrat Blumenthal, Dr. Ignatz Cohn, Hirsch, Benas Levy, Emil Cohn und Professor Blaschke gewählt. Ein vom Kommerzienrat Simon gestellter Antrag, zwei Rabbiner mit beratender Stimme in diese Deputation zu entsenden, wurde nach kurzer Diskussion vom Antragsteller selbst zurückgezogen, nachdem Herr Jüstizrat Lilienthal darauf hingewiesen hatte, daß auf Grund des § 50 des Gemeindestatuts die Kommission jederzeit das Recht auf Zuziehung der Rabbiner habe. — Mit der Umwandlung der bisherigen freien Kommission zur Auswahl von Ehrend samten in eine ständige Kommission hat sich nunmehr der Gemeindevorstand doch einverstanden erklärt. Dieser Kommission werden 1 Mitglied des Gemeindevorstandes als Vorsitzender, 6 Repräsentanten und 10 wahlfähige Gemeindemitglieder angehören, welche in keiner Verwaltungskommission der Gemeinde tätig find. Aus der Zahl der Repräsentanten wurden die Herren Geheimrat Blumenthal, Direktor Minden, Louis Sachs, Benas Levy, Löewenthal und Kommerzienrat Gerson Simon gewählt. Nach Bewilligung einer Reihe kleinerer Ausgaben und der Genehmigung einer einmaligen Ausgabe zur Einrichtung einer neuen Unterrichtsstunde für den jüdischen Religionsunterricht an der Kaiser Friedrich-Schule in Charlottenburg, erklärt sich die Versammlung debattelos bereit, zur Herstellung einer Marmorbüste von Abraham Geiger, welche im Repräsentantensaal Aufstellung finden soll. 5500 Mark zu gewähren. Die dem Bildhauer Max Levy zur Ausführung übertragene Büste wird zunächst in Gips hergestellt, um am 24. Mai, dem 100. Geburtstage Geigers, bereits fertig sein zu können. — Zwei dringliche Vorlagen fanden alsdann noch schnelle Erledigung: die Mietung mehrerer Betlokale für die Festgottesdienste und Herabsetzung der Preise für die teueren Plätze in der Synagoge Rhkestraße. Es soll nur eine kleine Zahl der Plätze im Betrage von 24, 20 und 15 Mark verbleiben, während eine größere Zahl von 12 Mark-Plätzen geschaffen werden soll. — Damit schloß die öffentliche Sitzung, welcher eine geheime Sitzung mit längerer Tagesordnung folgte. J. Berlin, 20. Februar. Unter dem Vorsitz des Herrn Justizrat Plonsker fand am 14. d. M. im Hotel Excelsior die Generalversammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" statt. In der Eröffnungsansprache begrüßte der Vorsitzende die erschienenen Damen und Herren, die den Saal bis ^zurn letzten Platze und teilweise auch noch den kleinen Vorsaal füllten, sowie besonders den Vortragenden des Abends, Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin, und wies dann darauf hin, daß dem Verein und allen Gesinnungsgenossen in nächster Zeit ungemein angestrengte Arbeit bevorstehe, da von gegnerischer Seite bereits jetzt die Agitation für die im Herbst vorzunehmenden Repräsentantenwahlen eingesetzt habe. So sei ihm wie sämtlichen anderen Synagogenvorftänden dieser Tage das Zirkular eines „Komitees zur Vorbereitung von Gemeindewahlen", unterzeichnet u. a. von den Herren Dr. Klee, Witkowski, Bukofzer usw. zugegangen, und da diesmal fast ausschließlich nur liberale Mitglieder — bis auf eines — aus dem Repräsentantenkollegium ausschieden resp. zur Wiederwahl kämen, so würde man diesmal einen besonders schweren Stand haben und tüchtig aus dem Posten sein müssen. Der Vorsitzende erwähnte auch den in der Nr. 1 dieses Blattes veröffentlichten Artikel über Schulfeiern und erklärte, daß Ausschuß wie Vorstand des „Liberalen Vereins" die Auffassung jenes Artikels. nicht teilen und dessen Erscheinen bedauern; sie hielten vielmehr die Vogelsteinscheu Ausführungen zu jenem Artikel für richtig. — Dann ergriff Herr Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin das Wort zu seinem Vortrage über „Die Religion und das moderne Leben". Der Vortrag, so etwa führte der Redner aus, setze bei den Zuhörern zweierlei voraus: einmal, daß sie mit ganzem Herzen Juden seien, sie die Religion.als das höchste Gut erachten, die sie ihren Kindern hinterlaffen wollen, dann aber fei auchVoraussetzung, daß sie moderne Menschen sein wollen, die Anteil an der geistigen Kulturentwicklung der Menschheit nehmen, zu der das Judentum nicht im Gegensatz steht. Der Begriff des liberalen Judentums werde vielfach verkannt; der eine meint, er sei liberal (im religiösen Sinne), wenn er die Ritualgesetze nicht hält, ein anderer,, weil er indifferent ist, ein dritter meint, liberal und fromm seien Gegensätze, derjenige, der am Alten sesthalte, sei der bessere Jude. All das sei falsch. Eine Sache, für welche sich seit drei Menschenaltern die besten und edelsten Männer eingesetzt haben, wie ein Abraham Geiger, dessen bevorstehenden hundertsten Gedenktag eigentlich die ganze Judenheit feiern sollte, müsse dock wohl etwas anderes sein. Und oas ist es in der Tat. Liberales Judentum'ist eine religiöse Weltanschauung, die in der Erkenntnis wurzelt, daß die jüdische Religion eine welterlösende Mission hat, die das Leben erhebt und verklärt. Aber die Religionsformen müßten sich mit unserem Denken und Empfinden im Einklang befinden. Daher scheiden wir zwischen Kern und Schale. Die erste ist dauernd, unabänderlich, letztere aber der Veränderung unterworfen. Die Berechtigung einer Fortentwicklung am überlieferten Judentum, soweit sie nicht die Gr und lehren berührt, schöpfen wir aus dem Wesen der Religion selbst. Die Liebe zur Religion, die Sehnsucht nach persönlicher Religion, die versittlichend auf unsere Handlungen einwirken -soll, und der heiße Wunsch, die Religion" als hohes unschätzbares Gut, nicht als ägyptische Mumie unseren Nachkommen zu hinterlassen, das sind die Quellen, aus denen der Liberalismus hervorgegangen ist. Sein Siegeslauf kann wohl aufgehalten, aber nicht verhindert werden. Keine andere Religion verträgt sich besser mit den Ergebnissen der Wissenschaft wie die jüdische. Den gewichtigsten Zeugen habe der Liberalismus in der Geschichte, die nachweist, daß das Judentum von jeher in fortlaufender steter Entwicklung begriffen gewesen ist. Die Angriffe der Neu-Orthodoxie lassen uns kalt; wir sind nicht Zerstörer, sondern Erhalter des Judentums; die Gebildeten aller Länder steherr der Orthodoxie völlig fremd gegenüber, vielleicht wäre der'Liberalismus schon erheblich weiter, wenn er sich nicht einer direkt sträflichen Untätigkeit schuldig gemacht hätte. Man sagte, das Verwitterte werde von selbst fallen, aber man übersehe dabei, daß auch manche gesunde Bestandteile mit in die Tiefe stürzen; mün wohne nicht gern in einem Hause, das bald in Trümmer zu gehen drohe. Die Untätigkeit des Liberalismus trage die Schuld am Jndifferentismus, der leider vielfach zum Abfall geführt habe. Daher müsse jetzt der Liberalismus sein Banner wehen lassen, unter dem sich alle sammeln sollten, die die Religion erhalten und mit dem Leben im Einklang bleiben wollen. Mit dem Aufgeben des Veralteten allein ist freilich nichts getan; aufzubauen und zu pflanzen sei die Ausgabe, positiv tätig zu sein, damit das Judentum wieder frisch und lebendig werde. Predigt und Schrifterklärung sollten integrierender Bestandteil jedes feierlichen Gottesdienstes sein. Dann muß die deutsche Muttersprache auch in Liturgie und Chorgesang zu ihrem Rechte gelangen. Fern fei el, daß wir die hebräische Sprache, die auch für uns die heilige ist, aus der Synagoge verdrängen wollen. Nur Böswilligkeit oder Mißverständnis kann uns das imputieren; wir wollen der deutschen Sprache nur breiteren Raum gewähren, weil die Kenntnis des Hebräischen nun einmal keine allgemeine mehr ist. Hauptaufgabe der Religionsschule sei zudem die Vermittlung der Glaubens» und Sittenlöhre wie der jüdischen Geschichte, nur durch sie werde die Jugend zur Standhaftigkeit, zu echt jüdischem Bewußtsein erzogen. Der Religionsunterricht darf nicht als minderwertig betrachtet werden. Weihevolle Konfirmationsfeiern als eindrucksvoller Abschluß des Kindesalters und vor allem die religiöse Erziehung des Hauses seien wichtige Forderungen. Packender und ergreifender als die beste Predigt aber sei die-religiöse Feier im . häuslichen Kreise.. An solchen Feiern, müsse festgehalten werden, eventuell könne man sie unserem