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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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' ' "■ -- 3-' ästhetischen Empfinden mehr anpassen. Man werfe dem Liberalismus Mangel eines positiven Programms vor; aber Einzelforderungen gehören nicht in ein Programm, sie werden jetzt ausgearbeitet und besonders formuliert werden. Freilich: Eines paßt nicht für alle Gemeinden, und einen „liberalen Lebuleksn Aruch“ wollen wir nickt. Nachdem der Redner dann noch besonders warm an die Mitarbeit der Frauen appelliert hatte, schloß er mit der Aufforderung zur stärkeren Anteilnahme an den liberalen Bestrebungen und zum regeren Anschlüß en die Organisation, deren Zweige jetzt bereits bis in die entlegensten Gemeinden reichen. Berlin sollte eine stärkere Mitgliederzahl aufweisen, viel mehr Kräfte dem Liberalismus zufuhren.' Die Zukunft des Judentums liege im Liberalismus! — Rauschender Beifall ward dem Redner zuteil. Ein Antrag, die Rede drucken und an sämtliche Gemeindemitglieder Berlins verteilen zu lassen, wurde einstimmig angenommen. An der Debatte, die sich im wesentlichen nur auf die Propagandamöglichkeiten in Berlin beschränkte,, beteiligten sich die Herren Direktor Minden, Sanitätsrat Dr. Stern, Justizrat Breslauer, ferner Lehrer Auerbach, der dafür eintrat, daß der jüdische Religionsunterricht so lange dauern soll, als die Schulzeit auch in den höheren Lehranstalten (also bis zum 18. resp. 20. Lebensjahr), und schließlich Herr Hofstädt, der gegen die jüdischen Täuflinge-und über die Mittel zur Eindämmung der Taufseuche sprach. Nachdem der Vorsitzende noch mitgeteilt hatte, daß in dem neu zu begründenden Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde, wie er gehört hat, die Listen der Austretenden veröffentlicht werden würden, was wohl manchen abhalten könnte, den Glauben der Väter zu verlassen, und nachdem die Ausschußwahlen die einstimmige Wiederwahl der bisherigen Ansschußmitglieder ergeben hatten, wurde die Versammlung geschlossen. — Berlin, 20. Februar. Der „Jüdische Jugendbund" veranstaltet am 27. d. M.. in den „Sophiensälen" (Sophienstraße 16/18) eine Propaganda-Versammlung, in welcher die Herren Maximilian Stein, Dr. Fritz Simon und Rabbiner Dr. Warschauer über das Thema: „Warum muß sich die jüdische- Jugend zusammenschließen?" referieren werden. Der Bund beruft diese Versammlung aus dem Grunde ein, um auch den jüdischen jungen Leuten in östlicher und nördlicher Stadtgegend'Gelegenheit zu geben, sich dem Bunde anzuschließen und somit aufs wiederholteste zu dokumentieren, daß Klassenunterschiede innerhalb desselben nicht gemacht werden. *** Spandau, 20. Februar. Im Alter von 89 Jahren ist am 17. d. M. der Nestor unserer Gemeinde, Herr Levin Seliger, verschieden. Der Verblichene war ein vorzüglicher Mensch und ein gesinnungstreuer Jude, dessen Leben und Wirken stets von den edelsten Motiven geleitet waren. Mit ihm, der noch zu jenen Gemeinde- Deputierten gehörte, die zu den Sitzungen der Hauptgemeinde nach Nauen fahren mußten, geht ein Stück Geschichte unserer Gemeinde - ins Grab. Der Schwiegersohn des Verstorbenen, Rabbiner Dr. L. Rosenthal-Köln, war durch Krankheit am Erscheinen verhindert, aus welchem Grunde unser Rabbiner.Dr. Heilbronn allein die Trauerfeier abhielt. Der Oberbürgermeister unserer Stadt sowie ein ungewöhnlich großes Gefolge aller Konfessionen beteiligten sich an der heute stattgefundenen Beisetzung dieses allgemein beliebten und hochgeachteten Mannes, dessen Andenken in unserer Stadt und Gemeinde als ein gesegnetes fortleben wird. — Breslau, 17. Februar. Gestern mittag ist Stadtrat Adolf Friedenthal auf dem israelitischen Friedhof an der Lohestraße im Erbbegräbnis seiner Familie bestattet worden. Hunderte seiner Mitbürger, darunter seine Kollegen vom Magistrat mit Oberbürgermeister Dr. Bender und Bürgermeister' Trentin an der Spitze, gaben ihm das letzte Geleit, und an seinem Sarge, den ein Flor frisch erblühter 'Maiglöckchen verhüllte, häuften sich zu Mengen alle die Kränze, die mit ihren Widmüngsschleifen stilles Zeugnis gaben einem Leben, das reich an vielseitiger und erfolgreicher Wirksamkeit, an ehrenvoller Anerkennung, an Freundschaft und Liebe war. Auch das Stadtverordneten-Kollegium war durch zahlreiche Mitglieder und besonders durch seinen Vorsitzenden, den Geh. Justizrat Dr. Freund, und die anderen Herren vom Vorstande vertreten. Städtische Verwaltungsdeputationen, so die Verwaltung der Sparkasse und die Verkehrsdeputation, hatten Abordnungen mit herrlichen Kranzspenden entsendet. Ueberaus groß war die Teilnahme der Breslauer Kaufmannschaft an der Bestattungsfeierlichkeit/ Während des Traneraktes in der Friedhofshalle und später am offenen Grabe hielten städtische Ansreuter in ihrer historischen Tracht die Ehrenwache. Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal hielt eine kurze Scheiderede und knüpfte dabei an das Wort an: „AuS der Trauer um den Verstorbenen erkennt man den Wert seines Lebens." Wenn sich'.'wie hier, eine so außergewöhnlich große Trauerversammlung, in der man viele hochstehende und angesehene Persönlichkeiten erblicke,, mit den nahen Angehörigen' des Verewigten an dessen Sarge vereinigen, so könne man daraus schließen, daß das nun cn'schwundene Leben einen höheren und allgemeinen Wert gehabt habe und daß das Wirken des verblichenen Mitbürgers für alle von Nutzen und Segen gewesen sei. *** Hannover, 20. Februar. Die Einrichtungen auf dem Lehrgute Steinhorst sind nunnahezu fertiggestellt, und es können zum Frühjahr etwa zwölf Landwirtschaftslehrlinge beschäftigt werden. Das Gut Steinhorst umfaßt alle für Lehrzwecke wesentlichen Bodenarten, und der junge Landwirt erhält Einblick in die wichtigsten Zweige der Landwirtschaft. An der Spitze der Anstalt stehen ein erfahrener Berufslandwirt und ein israelitischer Lehrer als Leiter des Internats. Den theoretischen Fachunterricht erteilt der Direktor der landwirtschaftlichen Winterschule in Wittingen. Ausgenommen werden nur körperlich und geistig vollkommen gesunde junge Leute, die sich zum landwirtschaftlichen Berus eignen. Das geeignetste Eintritts alter ist zwischen dem vollendeten 14. und 16. Lebensjahr, Die Zöglinge der Anstalt werden rituell verpflegt und sind am Sabbat'von allen Wirtschaftsarbeiten befreit. Die Verwaltung von Steinhorst ist von dem Bewußtsein durchdrungen, daß neben der landwirtschaftlichen Ausbildung auch die allgemeine Ausbildung der jungen Leute gepflegt werden muß und hat dementsprechende Anordnungen getroffen. Ueber die Zukunft der jungen Leute heißt es in einem „Betreffend Steinhorst" veröffentlichten Prospekt: Nach Ablauf der Lehrzeit wird fick die A. und F. Simonsche Stiftung bemühen, den jungen Leuten besoldete Stel» lungen zu verschaffen. Ist das zur Selbständigmachung geeignete Alter erreicht, haben sich die jungen Leute in genügend langer Praxis als zuverlässige Berufsarbeiter und Charaktere erwiesen, und sind die sonstigen Vorbedingungen zur Etablierung vorhanden, so werden Stiftung und Gesellschaft bestrebt sein, entweder auf eigenem Land oder anderswo mit Hilfe befreundeter Organisationen, die Ansiedlung ihrer Schützlinge zu ermöglichen. Anmeldungen und Anfragen sind zu richten an die A. und F. Simonsche Stiftung, Hannover, Hansahaus, Aegidientorplatz 4. Von Sah und jfrrn. — Der Kaiser hat dieser Tage eine große Anzahl Stiftungen und Zuwendungen genehmigt, die im letzten Quartal des vergangenen Jahres gemacht worden sind. Unter diesen sind folgende zu erwähnen: 1. Zuwendungen des verstorbenen Rentiers Arnold Weiß im Betrage von 240000 Mark für die jüdische Gemeinde, und zwar zwei Drittel zu einer Dr. Weiß-Stiftung für Stipendienzwecke und für die Zwecke der zu Berlin bestehenden Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, von dem dritten Teile ein Viertel zugunsten der Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde, je ein Achtel zugunsten des Lehrlingsheims in Pankow und des Berliner Vereins für Obdachlose; der Rest ist zur freien Verfügung. 2. Zuwendungen der verstorbenenverwitweten Frau Professor Felicie Bernstein geb. Rosenthal an den Hilfsverein der Deutschen Juden im Betrage von 20000 Mark, an den Berliner Spar- und Bauverein im Betrage von 85 000 Mark- und an den Berliner Verein für Volkserziehung im Betrage von 10000 Mark. — Für das Krankenhaus der Berliner jüdischen Gemeinde ist die Stelle des Verwaltungsdirektors möglichst bald zu besetzen. Wie aus der Anzeige im Inseratenteil ersichtlich ist, wird nur auf einen Bewerber reflektiert, der sich in ähnlicher Stellung bereits bewährt hat und befähigt ist, bei dem Bau des neu zu errichtenden Kranken- Hauses der Bauleitung als sachverständiger Berater zur Seite zu stehen. — Im Mädchenhaus Pankow bei Berlin, in dem jüdische Mädchen von 14 bis 16 Jahren unentgeltlich für Stellung im Haushalt ausgebildet werden, sind zum 1. April noch einige Stellen frei. — Am 14. d.M. feierte der Oborniker Israelitische Frauenverein sein 25 jähriges Stiftungsfest Aus diesem Anlasse hat der Vorstand des

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