Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228916--66281-3278409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
96 Der heftige Sturm, der stundenlang durch die öden Gassen und Gäßchen tobte, trieb die über der Stadt lagernden, trübselig grauen Wolken auseinander. Sie Sonne erschien für kurze Zeit am Firmament und sandte ihre Lichtstrahlen in die finsteren Behausungen der armen-Bewöhner, die nunmehr, ins Unvermeidliche sich fügend, den kommenden Ereig^ nisten ruhig und gefaßt entgegensahen. H. Shu-Shang, ein kleines Dorf am Fuße eines Riesenberges im Süden von Charbin, umringt von hohen Felsen und tiefen Schluchten. Eine erbärmliche chinesische Hütte mit löcherartigen, niedrigen, engen, schmutzigen und dumpfigen Gemächern. In einem derselben lagern auf dem mit Reisstroh bedeckten Fußboden dicht nebeneinander zwanzig russische Soldaten, entkräftet, verwundet und typhuskrank. Die Luft ist verpestet, und über den Häuptern der Unglücklichen schwebt, der Tod. Dimitri, ein Donscher Kosak, richtet sich mühsam ein wenig auf und mustert mit stierem Blick den Kameraden zu. seiner Rechten, der sich in Schmerzen windet. „2yd!" ruft er verächtlich und versucht, ihm einen Stoß zu versetzen. „Pfui, Dimitri," verweist ihn ein daneben hockender Pope mit lang herabwallendem, flachsblondem Haar und fahlgelber Gesichtsfarbe. „Was hat Dir der arme Rüben getan?" „Zürne ihm nicht, Väterchen," lächelte Rüben traurig, „er weiß nicht, was er spricht Und was er tut. Du wünschest von mir?" wandte er sich an Dimitri. „Ich? Ach ja, ich wollte Dich fragen, ob Du auf das Georgenkreuz, das der Regimentskommandeur Dir gestern überreicht hat, auch stolz bist?" „Gewiß bin ich darauf stolz." „Und wirst Du Deine Brust auch immer damit schmücken V „Ja, das will ich bis zur letzten Stunde meines Lebens." „Das glaube ich," bemerkte höhnisch ein zweiter, nach Luft ringender Verwundeter. „Wieviel Minuten hast Du denn überhaupt noch zu leben? Fünf, zehn, höchstens noch eine Stunde ... he . .. he ..." „Ueber die Dauer unseres Lebens, Stanislaw, hat der Allmächtige zu bestimmen. Allein das mir zuerkannte Georgenkreuz ist mir wert und heilig, denn ich erhielt es als. Anerkennung für treu erfüllte Pflicht gegen mein Vaterland und mein Volk: ich kann nun ruhig sterben." „Aber wie darfst Du," unterbrach ihn Dimitri, „das Georgenkreuz tragen, das doch ein Symbol unseres Heilands ist, den Ihr Juden gekreuzigt habt? Ich hasse Euch." „Unser Heiland," belehrte ihn der Pope, „befiehlt, auch den Feind zu lieben." „Das kann ich nicht, Väterchen, ich mag die Juden nicht; sie haben unseren Heiland gekreuzigt, darum muß man sie hassen und verfolgen." „Weißt Du auch," fragte der Pope, „wie lange es schon her ist, seitdem die Juden ihn gekreuzigt haben?" „Ja, das weiß ich, ungefähr tausend Jahre, vielleicht noch länger." „So höre doch, was Du sprichst!" fuhr der Geistliche fort und bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. „Dein Vater hat erst vor zwanzig Jahren seinen Nachbar beraubt und ermordet. Hat man Dich für sein Verbrechen verantwortlich gemacht? Bist Du etwa wegen seines gräßlichen Verbrechens in die Bergwerke Sibiriens verbannt worden?" „Ach Väterchen," wehrte Dimitri ab, „Du hast alle Ursache, den Juden in Schutz zu nehmen: er hat Dich ja vom Tode gerettet." „Gewiß bin ich ihm dafür dankbar. Aber er hat nicht nür mich, er hat auch unsere Fahne, die Ehre unseres ganzen Regiments, gerettet. Hast Du nicht gehört, was gestern unser Kommandeur, als er ihm die Auszeichnung überreichte, gesagt hat? „Brüder," so mahnte er Euch, „ehret und liebet Eure jüdischen Kameraden! Sie kämpfen tapfer und mutig, sie opfern mit Begeisterung ihr Leben für den Zaren und unser heiliges Rußland. Ich glaubte früher, sie seien feige, und war ihnen darum nicht sonderlich zugetan, nun aber freue ich mich, meinen Irrtum und mein Unrecht öffentlich einzugestehen." „Ja, das hat er gesagt," riefen die Kranken mit heiserer Stimme, richteten sich mit großer Anstrengung in die Höhe und streckten Rüben zum Zeichen der Brüderschaft ihre abgemagerten Hände entgegen. Auch Dimitri hielt ihm seine Rechte hin, in die Rüben freudig ein schlug. „Ich bin stolz auf das Georgenkreuz," sagte er, „noch mehr aber auf das von unserem Kommandeur meinen Stammesbrüdern ausgestellte Ehrenzeugnis. Länger als ein Jahr tobt dieser blutige Krieg. ' Unter den unzähligen Opfern, die er bereits gefordert, befinden sich auch viele meiner Glaubensgenossen. Obwohl wir außerhalb des Gesetzes stehen, wie Verbrecher, ja, noch schlimmer als wilde Tiere gehetzt und verfolgt werden, haben wir doch alle uns zugefügte Unbill vergessen und sind — mit wenigen Ausnahmen von Feigen und Schlechtgesinnten, wie man sie unter anderen Nationalitäten in Rußland findet — mit gleicher Begeisterung wie Ihr alle in den Krieg gezogen, um für Rußlands heilige Güter gegen die gelben Teufel zu kämpfen. Ich hoffe darum, daß aus diesem Krieg uns die Menschen- und Bürgerrechte erblühen werden, die so lange uns vorenthalten blieben. Unsere Vorgesetzten überzeugen sich, daß wir es mit Rußland ehrlich meinen; selbst unsere wütendsten Gegner müssen widerstrebend unsere Tapferkeit und unseren Mut anerkennen. In den aus der Heimat hier eintreffenden Tageszeitungen lese ich, daß die Bewegung zugunsten unserer Gleichberechtigung mit allen anderen Volksklassen täglich an Anhängern und Fürsprechern zunimmt. Ja, ja, Kameraden! Es wird nicht mehr lange dauern, und alle Untertanen Rußlands, ob Juden, Christen, Mohammedaner, werden neben gleichen Pflichten auch gleicher Rechte sich erfreuen." Die Stimme versagte ihm; schwach und müde sank er auf sein Lager zurück. Einige Minuten später öffnete sich geräuchlos die Tür, und eine hübsche junge Dame, eine Schwester vom Roten Kreuz, trat ein. Liebevoll erkundigte sie sich nach dem Befinden der Kranken und reichte bald dem einen, bald dem anderen, die aus Charbin mitgebrachten Erfrischungen, Briefschaften und Zeitungen. * - - Auch Rüben zählte zu den Glücklichen, die heute, nach langer Zeit, aus der Heimat Kunde erhielten. Als er jedoch den empfangenen Brief überflog, wurde sein Gesicht noch bleicher als zuvor, und heftiges Zittern schüttelte seinen ganzen Körper. Der Brief berichtete von den entsetzlichen Judenmassakres in Krschinew und Homel, und wie auch seine Angehörigen fliehen mußten. Ein schwerer Seufzer entrang sich seinen Lippen, dann sank er todmüde zurück. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.