Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 95 -- voll wäre, ich selbst bin noch nie mit etwas, was ich geschaffen habe, vollkommen zufrieden gewesen, mit Einzelheiten wohl, aber nicht mit dem Gesamtwurfe. Das macht mich auch unabhängig in gewisser Weise von dem allgemeinen Urteile. Der momentane Ruhm macht mich nicht eitel und der mangelnde würde mich nicht zu Boden drücken. Ich sage es offen, ich bin mehr als alle die Sachen, die ich gemacht habe, ich werde neue Bahnen betreten und vielleicht dem allgemeinen Geschmack nicht genehm sein, ich werde vielleicht nie zur vollen entsprechenden Entfaltung dessen, was ich glaube, sein zu können, gelangen, die Erkenntnis ist oft stärker als die Tatkraft, aber alles das gibt mir und wird es auch Dir geben, einen Schwerpunkt im eigenen Sein, der keiner Anlehnung nach außen bedarf. Wir wollen uns eines Gelingens nach außen in vollem Maße erfreuen, aber sollte das auch fehlen, so halten wir uns gleich treu und freudig umschlungen und wissen, was wir uns in uns sind. Wie glücklich macht mich, daß, wie ich aus Deinem Briefe und aus der Schilderung Heinrichs^) sehe. Du so heiter und froh bist. Das erhalte Dir und mir mit aller Kraft, Du glaubst kaum, wie toll lustig ich auch sein kann, Du sollst^ wohl erfahren, und wenn ein Düstersinn sich über mich lagert, wirst Du, meine strahlend frohe Nina, mir ihn zerstreuen und aufhellen helfen. Ich hätte Dir gerne mein Bild geschickt, aber ich mag die Daguerrotypen nicht und andere gute sind nicht von mir da. Warten wir, bis wir uns sehen. Ich Hab auch ein ganz lebendiges Bild von Dir M meiner Seele. Ich sage Dir für heute Lebewohl, ich muß jetzt noch an meine Mutter schreiben und an meine. Geschwister. Ich habe Dir von meiner heiteren, lebenssrischen 75jährigen Mutter in Nordstetten, glaub ich, noch gar nicht gesagt. Du sollst später mehr davon hören. (Fortsetzung folgt.) Dank vom Haurr Lomanow. (Skizze aus dem russisch-japanischen Kriege.) Von Albert Katz. I. Eine kleine Stadt im russischen Ansiedlungsrayon. Die ein- und zweistöckigen Holzhäuser sind, schmal, schief und eckig, manche vor Altersschwäche vornüber gebeugt, und ihnen ähnlich sind auch die ungepflasterten, engen und krummen, von Schmutz starrenden Gassen und Gäßchen, welche die sogenannte Stadt ausmachen. Die Bewohner, zum größten Teil arme Juden, halten sich an Wochentagen gewöhnlich aus dem sandigen Marktplatz aus, der sowohl für sie untereinander, als auch für die mit ihnen handeltreibenden Bauern eine Art Börse bildetwo Geschäfte abgewickelt und Neuigkeiten besprochen werden. Heute aber ist der Marktplatz menschenleer, und in den Gassen und Gäßchen herrscht eine Stille, wie aus einem Kirchhof. Ein allgemeines Entsetzen erregendes Gerücht, fürchterlicher als das Toben des Sturmes, der heulend durch die Straßen rast, hält Juden und Bauern in ihren Häusern gefangen: das *) Ninas Bruder Heinrich LandeSmann (als Schriftsteller unter dem Namen Hieronymus Lorm bekannt). Gerücht von der, in den nächsten Tagen stattfindenden Mobilmachung. Auch David Luftmann, der so genannt wird, weil er immer, auch bei Wind und Wetter, auf dem Marktplatze sich aufhält, um nur ja keinen Verdienst sich entgehen zu kaffen, verließ heute seine Wohnung nicht. Die Angst um das Schicksal seines Sohnes Rüben fesselte ihn an das Haus und wirkte lähmend auf seine sonst so willige Arbeitsfreudigkeit und rege Erwerbslust. Zwar ist sein Rüben längst verheiratet und Vater von sechs Kindern; aber er zählt erst dreißig Jahre, ist gesund und kräftig, und sicherlich wird er, da er ein Jude und blutarm ist, der erste sein, den die unbestechlichen Aerzte der Aushebungskommission als brauchbar für den Krieg erklären werden. „Wehe," jammerte der unglückliche Vater, „warum straft mich Gott so hart?! Was soll nun aus den armen Würmchen werden? Wer wird für sie sorgen, wer sie erziehen? Der Staat vielleicht? Ja, das wäre seine Pflicht, aber er tut nichts für die Christen, geschweige denn für die von ihm hart unterdrückten und verfolgten Juden, und ich armer Mann bin schon alt und ach — so schwach und müde." Tränen erstickten die Stimme des Greises. Auch Sara, Rubens Frau, weinte leise vor sich hin, und ihre Tränen fielen auf das Antlitz des an ihrer Brust ruhenden fünf Monate alten Kindes. Nur Rüben, den es am meisten anging, bewahrte seine Ruhe und sah scheinbar gefaßt seinem Schicksal entgegen. Nachdem er lange, in Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab gegangen war, näherte er sich seinen Angehörigen. „Ja, es ist ein schweres Geschick," begann er, „das uns heimzusuchen droht, aber wir teilen das mit so vielen Tausenden des russichen Volkes. Darum bitte ich Euch: Weinet nicht und machet mir nicht die — vielleicht letzten — Tage meines Zusammenseins mit Euch zur nagenden Pein, zur entmutigenden Seelenqual! Das Bewußtsein, daß ich einer von denen sein werde, durch deren Blut unserm schwer bedrängten Stamme dereinst eine glücklichere Zeit erblühen wird, hebt mich hinweg über die Angst um mein Leben, das von nun an Rußlands Ehre und Größe geweiht ist. Ich und der überwiegende Teil unserer Glaubensgenossen ziehen diesmal mit Freuden in den Krieg. Wir wollen unseren Hassern zeigen, daß wir ihnen in der Liebe zum Vaterland nicht nachstehen, daß die beschämenden und demütigenden Zurücksetzungen, die wir täglich auf Schritt und Tritt erfahren, uns nicht zurückhalten, unsere Kraft und unser Leben für Rußlands Ruhm einzusetzen: sie sollen Zeugen unseres Mutes und Bewunderer unserer Tapferkeit sein. Und wenn wir fallen, wenn unsere Leichen, mit den ihrigen vereint, die Felder der Mandschurei bedecken sollten, so möge unser Tod wenigsten ihre Hinterbliebenen an das Unrecht erinnern, das bei Lebzeiten ihrer Väter uns zugefügt ward, und sie an die Schuld mahnen, die sie, als Erben, an unseren Nachkommen abzutragen haben. Ja, meine Lieben, ich bin der zuversichtlichen Ueberzeugung, daß dieser Krieg, wie er auch enden mag, eine Wendung zum Besseren in der trauigeu Lage unseres Stammes herbeiführen wird. Und dieser Glaube ist es, der mich in dieser Stunde stark macht mich mit Mut und Hoffnung erfüllt und den brennenden Schmerz mildert, den Eure Tränen in mir wecken. Ich bitte Euch, meine Teuern, weinet nicht, seid tapfer in der Stunde der Trennung und vertrauet gleich mir auf die Zukunft! Früher oder später muß der Mensch sterben; glücklich aber, .wer, von hinnen scheidet mit dem Bewußtsein, sein Leben für das Glück und die Freiheit seiner Nachkommen hingegeben zu haben!"