Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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94 erlebnisse gegenseitig referieren und sie uns von den diversen Gängen berichten, die ihnen serviert wurden, trösten wir uns mit dem Bewußtsein, für die Religion freudig geopfert zu haben. In unserem heiteren Genießen der. prachtstrotzenden Riviera vermag der schlechte Mittagtisch uns doch nicht zu stören. Nur hat die Sache auch eine ernstere Seite. - Die tristen jüdischen Wirtsverhältnisse in vielen Kurorten sind direkte Missionsanstalten fürs — Terefaessen. Wie viele rituell lebende Juden haben erst in Kurorten durch die ungenießbare jüdische Küche, durch den Mangel an Sauberkeit und Nettigkeit in den jüdischen Restaurationen gelernt, den Horror der nichtrituellen Speisen abzulegen. Und hat man erst in der Fremde die Tradition preisgegeben, folgt das eigene Heim bald nach. Gestern traf ich einen Berliner Freund. Kaum hatten wir uns begrüßt, begann er zu kolezen: „Haben Sie schon von unserer neuen Vereinigung gehört, Herr Doktor?" „Welche meinen Sie, die Mitte?" „Ja, Doktor M. hat mich eingeführt. Ich stehe ganz auf dem Standpunkt der Vereinigung. Wohin soll denn das führen, wenn kein Einhalt getan wird dem fortwährenden Reformieren? Wir - verlieren uns vollständig." So Plauderten wir über Wert und Unwert der Reform eine geraume Weile. Plötzlich zog er eilends die Uhr. „Schon 12. Adieu, lieber Herr Doktor, ich muß in mein Hotel zum Dejeuner. Nachmittags um 4Va Uhr treffen wir uns bei Vogade." Wir waren beide pünktlich. Um 5 Uhr behandelten wir bei Tee und Toast das vormittägige Thema weiter: die Vereinigung der Mitte. „Ja, lieber Freund, ich kann es nur wiederholen, es ist schon genug der Reform. Jetzt heißt es erhalten." „Sie haben allerdings leicht reden. Sind konservativ und nehmen Pension im Hotel Luxembourg. Versuchen Sie es einmal mit unserem Restaurant, dann glaube ich, daß Sie es ernst nehmen. Sie erinnern mich an so manche Priester und Parlamentarier, die die Vereinfachung der Sitten predigen, selbst jedoch fürstlich wohnen und dinieren." „Ja, mein Verehrtester, da sollen eben die Herren Rabbiner diese Sachen ordnen. Im übrigen. Sie kennen doch das Wort von dem Kutscher, der nüchtern sein muß." „Sie haben schon recht, nur muß jemand im Wagen sitzen. Wir aber schleppen einen leeren Karren; ihr fahrt in Karossen und Autos an uns vorüber, winkt uns herablassend mit den Händen zu und läßt uns allein. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich weine nicht um die Schinkenstulle, nicht um den bequemen Lebensgenuß, ich schätze ihn nicht so hoch, obwohl auch er seine sittliche Berechtigung hat. Was mich empört, ist, daß wir allein sind, allein bleiben, daß von den tausenden Juden, die heute in Nizza weilen, nicht hundert an rituelle Küche mehr denken, daß daher unsere Selbstkasteiung ganz zwecklos ist, daß wir damit niemanden belehren, niemanden an uns ketten, nichts leisten, nichts retten. Unsere Reihen lichten sich von Tag zu Tag, und daran wird auch die Vereinigung nichts ändern können. — Uebrigens, kommen Sie heute abend zum Sabbatgottesdienst mit in die Synagoge?" „Sehen Sie, lieber Herr Doktor, dahin folge ich Ihnen gern. Ich komme mit." Wir gingen zum temple israelite. Dr. Z. Lrslltigsmsbrieke von LertholÄ Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. II. Breslau, Montag den 5. März 49 Morgens 10 Uhr. ur wahren Erquickung ist mir Dein Brief und ich hole mir ihn. oft um mich am Wiederlesen zu erlaben. Du meine innig geliebte Nina! Ja warum soll ich Dich nicht so nennen, da sich das so oft von selbst in meinen Herzgedanken spricht? Dein Brief ist mir ein taufrischer Quellentrunk in der Zeit der Verschmachtung. Ich habe es nie gewußt, daß man einen Brief oft und oft lesen und sich daran erkräftigen kann. Wenn ich nachts nach Hause komme, und alles still um mich her und ich allein, da hole ich mir Deinen Brief, und er sagt mir was ich schon weiß, aber doch immer wieder gern höre, daß Du mit reinem starken Herzen mich neu erhebst und erkräftigst, und da lichtet sichs in meiner oft so schwer umflorten Seele, und ich erkenne aufs Neue wie Du mich hinüberhebst über Trübsal und innerliche Verzehrung und wie Du mir neues Dasein einhauchst und wie ich die Welt wieder gerne zum Frühling erwachen sehe durch Dich. Ich habe Dirs schon gesagt, und Du wirst es gewiß stets in Deiner lieben Art aufnehmen. daß gerade jetzt die schwersten Erinnerungsschmerzeu in mir au stauchen/) und da erscheinst Du mir wie einem gläubigen Bedrückten ein fernes in sicherem Tempel weilendes heilendes Heiligenbild, und ich wallfahrte in Gedanken zu Dir, wie ich es bald leibhaftig tun werde um vollkommen und alles Harmes erlöst zu werden. Das bin ich gewiß in tiefinnerster gläubiger Zuversicht. So sehr ich sonst die Festigkeit und die unbedingte Vollführung des einmal Vorgesetzten liebe und auch mir zu geben trachte, so muß ich es doch nicht nur billigen, sondern als einen wahren Segen erkennen, daß Du 'mir gegen die frühere Aussprache noch einmal geschrieben. Du ahntest und.Mißtest wohl, welch einen unversiegbaren Duell reiner Freude Du damit mir erschlössest. Freue Dich daher mit mir, daß Du unmittelbar dem Zuge Deines Herzens gefolgt bist. — Ich konnte sonst den Patschuligeruch nicht leiden, aber jetzt ist er mir wahrhaft angenehm, wenn ich Deinen Brief an die Lippe drücke. Lächle nicht über diese etwas jugendliche Art, ich kann nicht anders und habe ja nichts von Dir, was ich äußerlich an mich schließen kann als diese Briefe, und ich verlange auch für jetzt sonst nichts. Zwar ist es nicht ganz recht, etwas besonderes heraus zu heben, aber doch muß ich Dir sagen, daß es mich ausnehmend erfreute, nun auch ausdrücklich von Dir zu hören, daß ich, ich selbst es bin, dem Du Deine beseligende Liebe weihest. Der Schriftsteller ist allerdings nichts getrenntes von mir und mein Sein und Wirken ist eins, aber meine innig geliebte Nina, laß mich Dir doch sagen, daß die wahre Bürgschaft des Glückes nur in der Persönlichkeit. Ruhm und Ehre ist vergänglich, die Gunst des Publikums wandelbar, traurig, wer ohne es zu wissen, einen guten Teil der Hingebung auf den allgemein erhobenen Namen übertrüge. Nein, liebe Nina, Du liebst mich, mich allein, wie ich bin, und Du bist mein Hort, wenn alles um mich her im Mißverstände taumelt. Sieh, liebe Nina, ich bin auch nicht bescheiden gegen Dich, ich strebe Dir so wahr zu sein, wie vor meinem eigenen Gewissen. Drum sage ich Dir, und wenn alle Welt des Ruhmes davon 4) Niederkunst und Tod seiner ersten Frau jährten sich gerade.