Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
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Schlosses, zu Tamar nehmen. Möglich daß sich Ernst Trampes Stolz, als er jenes italienische Motto niederschrieb, gerade auf solche Abschnitte wie den eben erwähnten bezog. Meiner Meinung nach sind sie durchaus kein Schmuck seines Buches. Die Phantastik bloß äußeren Geschehens mag noch dem Geschmack wilder Jungen entsprechen, die sich an Jndianergeschichten ergötzen, den reifen und gebildeten Leser aber kann sie nur befremden. Wie sollte es auch anders sein? Neues läßt sich an äußerer Handlung kaum noch aufbringen, alles ist schon einmal dagewesen, und vor allem: es gibt keine Phantastik des dichterischen Geschehens mehr, die nicht übertroffen würde von dem Wunderbaren, das sich aus realem Gebiete, auf dem Felde der angewandten Naturwissenschaften, immer wieder und immer gewaltiger ereignet. Aber selbst, wenn es dem Autor gelingt, eine wirklich neue und überraschende Handlung zu schildern, so hat er auch damit nur für Unterhaltung, nicht für Bereicherung gesorgt. Denn es verhält sich mit der alten und der neuen Art des Erzählens nicht anders als mit alter und neuer Kriegführung. In alten Zeiten wurden Schlachten geschlagen durch das bloße Aufeinanderprallen und -hauen zweier Heerhaufen; jetzt ist der blutige Zusammenstoß natürlich auch noch der Körper der Schlacht, aber sie hat eine Seele bekommen: das Rechnen und Wägen eines stillen Mannes, der sich weitab vom Getöse des Kampfes statt des Schwertes und der Lanze der Karte und des Telephons bedient. Und so mochte in alter Zeit die Dichtung aus bloßem Ereignis zustande kommen, und heute bedarf sie der. Seele, des innerlichen Geschehens, und den seelenlosen Körper bloßer Abenteuer nennt man so wenig mehr Dichtung, wie man eine bloße Rauferei mit dem Namen „Schlacht" belegt. Sollte Trampes Werk eine neue Auflage beschieden sein, so könnte er seine Dichtung durch eine Art Marienbader Kur, durch eine Verminderung ihres Ueberschusses an Körperlichkeit recht sehr verbessern. Ich plädiere damit natürlich nur für ein Fortfällen der Abenteuer im Stil der erwähnten qualvollen Wanderung durch die Berghöhlen. Die großen Bilder, die Juda in Krieg und Frieden darstellen, und die in ihrer Trefflichkeit an Flauberts karthagische Zeichnungen gemahnen, sind vollkommen beseelte Kunstwerke.-- (Schluß folgt.) igm Lrirkr aus I. izza ist eine deutsche Stadt geworden. Man hört außer französisch fast nur deutsch sprechen. In allen Hotels ist deutsche. Bedienung, und auf der Promenade rufen die Camelots das „Berliner Tageblatt" mit eben solchem Erfolge aus, wie die Zeitungsträger an deutschen Bahnhöfen. Wiederum ein Exempel, wie Haß und Liebe zu schweigen verstehen, wenn das tägliche Brot es erfordert, und wie die Massen sich nur dann um Politik scheren, wenn sie von Zeitungen und Demagogen haranguiert werden. Der Geburtsort Gambettas öffnet weit seine meerumschlungenen Pforten auch den Prussiens, die im Februar an Rosenhainen und Orangenwäldchen sich erfreuen wollen. Ueberflüssig zu sagen, daß ein recht ansehnlicher Teil dieser Deutschen — Juden sind. Gern gesehene Gäste, die man doch nie aufhört,mit scheelen Blicken zu messen. Sich gönnt jeder kluge Badeort die Juden, sie leben und laffen leben, nur ihnen gönnt er sich nicht in ebensolchem Maße. Es gibt vielleicht keinen von Juden stark besuchten Kurort, dessen Bewohnerschaft nicht einen gewiffen innerlichen Groll darüber empfände, „verjudet" zu sein. Auch Nizza ist „verjudet"- Grämt es sich darob? Auch die einheimischen Juden wissen es nicht. Den Wirten merkt man es allerdings nicht an — in der Saison wenigstens nicht. Als der Besitzer des neu eröffneten Privathotels, in dem ich mein Zimmer gemietet hatte, vernahm, daß ich ein rabbin sei — er schrieb mich natürlich grand r ab bin ein —, erklärte er das - seinen Kindern freudestrahlend für ein glückliches Omen, und stolz erklärte er mir, seine Frau sei auch „Israelitin" gewesen. Die Promenade des Anglais heimelt den Juden ganz besonders an. Man meint die alten Juden vor sich zu sehen, wie sie einst am Sabbat nach Tempelgang an der Seite ihrer geputzten Frauen durch die Judengasse langsam und gemächlich zogen. Nur die Gebetbücher fehlen, und auch der Abglanz der Gottesweihe in den weichen Gesichtszügen und die Einfachheit der Sitten und noch so manches andere... Nur an zwei Orten sind wenig Glaubensbrüder anzutreffen: in der Synagoge und im jüdischen Restaurant. Die Schuld tragen jedoch keineswegs die Juden allein, zumal in betreff der Küche. Die Pensionen in Nizza zeichnen sich durch die raffinierteste Kochkunst aus, deren Genüsse sie um einen relativ geringen Preis ihren Gästen bieten. Die rituelle Küche dagegen ist weder gut, noch gewählt, noch reichlich, sie ist nur — teuer, so teuer wie im feinsten Hotel. Zum Glück machen wir es uns recht gemütlich und machen gute Miene zum bösen Spiel: wir bilden wirklich ein einig Volk von Brüdern. Uns bedient ein Kellner. Unser Max ist aber deshalb keineswegs flinker, als andere seiner Berufsgenossen. Im Gegenteil, von einer Ruhe und Langsamkeit, die geradezu rührend ist. „Max," ruft ihm ein Freund zu, dem er die Suppe bringt, „wie oft sagte ich Ihnen schon, daß ewer min hachaj verboten ist, was stecken Sie immer den Finger in die Suppe?" „Nu, was ist, die Supp' ist doch nicht heiß," erwiderte Max kaltblütig. „Max, Zahnstocher fehlen schon wieder!" „Wir haben sie abgeschafft." „Warum denn, Max?" „Nu weil die Herrschaften sie immer auf die Erde schmeißen, statt in den Behälter zurückzulegen. Wir sind doch keine Millionäre!" „— — Max, Brot ist keines da . . ." „Max, die Wassergläser..." „Ich bitte Sie, Herr Doktor, reichen Sie mir Ihr Salz herüber, Max hat wieder vergessen, Salz auf den Tisch zu stellen." Am köstlichsten ist unser Max, wenn er einem naiven Ankömmling das Menu erklärt: „Sie können heute haben: Rinderbraten, Reinbraten, Indian, Poularde, Erbsen, Spinat, Kohlrüben, Sauerkraut." Und wenn ihn der Gast etwas verständnislos anstarrt, apostrophiert ihn Max: „Nu bitte, was soll ich Ihnen bringen? Sie können haben ..." Und jetzt zählt er dem Gast an den Fingern die einzelnen Speisen wieder vor. Bis der Wirt hereinkommt und seinen Famulus anschnauzt: „Max laß die anderen Gäste nicht so lang warten, etwas schneller . . ." .. Haben wir es nicht gemütlich? Wenn wir dann am Nachmittag mit unseren Freunden beim Kaffee über die Tages-