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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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der fernen Zeit meisterlich erfaßt, er hat auch ganz echte Menschen in ihr leben lassen — kann sich sein Leser nicht dennoch gelangweilt von ihm abwenden, wie sich Hutten anfangs vom Arioft abkehrt: Was soll mir die ferne „Wunderzeit", ich lebe im Heutigen, in „harter Wirklichkeit?" Die letzten Zeilen jenes schönen Gedichtes sprechen es deutlich aus, wodurch Hutten schließlich für Arioft gewonnen wird: „In Deines Maskenscherzes Fröhlichkeit Bist Du wie ich ein echtes Kind der Zeit." Das also ist es. Der Dichter des Historischen muß ein Wunder tun; er soll die Ferne echt schildern und doch auch die Nähe nicht vergessen, er soll den Hauch einer fremden Zeit wiedergeben und doch auch den Athemzug der Gegenwart hineinwehen lassen. Man prüfe die besten historischen Dichtungen, Romane wie Dramen, so wird man immer auf solches Wunder stoßen, daß Gegenwärtiges in das Ferne gemischt ist, ohne doch dieses Ferne zu stören ... Die Königin, ihre junge Tochter Tamar, Jsmael, gleichfalls aus königlichem Blut und der Verlobte der Prinzessin, dazu das Gefolge rasteten auf der Höhe bei Bet-El.y Dort stand noch vor zwanzig Jahren ein Heiligtum, in dem man dem Jahve opferte. Dann verkündeten die Priester der Hauptstadt als göttliches Gebot, es dürften nur noch im Tempel zu Jerusalem ein Opfer dargebracht werden, zerstörten mit größter Brutalität die übrigen Opferstätten des Landes und rissen voller Habgier und Herrschsucht die Güter der Widerstrebenden an sich. Meschullam, der Greis, der beim alten Heiligtum in Bet-El haust, hat in jenen Schreckenstagen Tochter und Schwiegersohn verloren, dazu alles an Land und Knechten, was sein war; den Enkel Johanan, der am gleichen Kampftage geboren und Waise wurde, konnte er nur dadurch vor den Verfolgern bewahren, daß er ihn in Unwissenheit über seine edle Herkunft als Knecht bei treuen Knechten aufwachsen ließ. Erst kurz vor seinem Ende erzählt der Alte seinem Enkel die Geschichte der Eltern, führt ihn an deren Felsengrab und befiehlt ihm sterbend, nach Jerusalem zu wandern, sein Gut zurückzugewinnen und den Eltern eine schickliche Grabstätte zu erobern. Verbittert durch die damals erlittenen Nöte, weigert Meschullam den durstigen Gästen das Wasser; höhnisch schlägt JSmael an eine Säule des alten Heiligtums, um die Machtlosigkeit' dieses Jahve zu erweisen, da stürzt sich eine aufgescheuchte Giftschlange auf Tamar und sticht sie in den Arm. Nur schleuniges Aussaugen der Wunde kann das Mädchen vom sicheren Tode erretten, und alle besinnen sich, ihre Lippen an die gefährliche Stelle zu bringen. Auch Jsmael, der Bräutigam Tamars, tritt schaudernd zurück. Im Augenblick der höchsten Not eilt Johanan, der Ziegenhirt, herbei, legt ohne Scheu den Mund an Tamars Arm und saugt das Gift aus der Wunde. Aus diesem idyllischen Vorspiel spinnt sich der novellistische Faden heraus, an dem mit sicherster Hand die gewaltigen Stoffmassen des Romans, Leben, Verzweiflungskampf, Sturz und zähes Aufstehen eines ganzen Volkes, wie Edelsteine aufgereiht sind. Zu Johanans und Jsmaels Ringen um Tamars Besitz setzt sich alles Geschehen immer wieder in Beziehung. Dabei muß gesagt werden, daß weder Tamar noch Jsmael zu den bedeutenden Charakteren des Buches gehören. Tamar ist das edle und liebende Mädchen schlechthin, und Jsmael der Bösewicht par exeellenee, dem nicht die geringste schlechte Eigenschaft fehlt, dem nicht der mindeste Vorzug any Im folgenden sind alle Namen in der Schreibart des Romans wiedergegeben. hastet. Er ist ebenso feige wie grausam, er ist rachsüchtighinterlistig; er ist lüstern und jeder wahrhaften Liebe unfähig. Wohl wird ein großer Teil seiner Missetaten durch seinen Ehrgeiz erklärt; auch er ist „aus Davids Blut", auch ihm gebührt die Krone. Wohl wird auch einmal ein Wort von erblicher Belastung hingeworfen. Dennoch ist man in der Kenntnis des 'Seelischen zu weit geschritten, als daß es sich heute noch so recht an die — so oder so — ganz vollkommenen Menschen, an die Teufel oder Engel glauben ließe. Und hätte Ernst Trampe nicht an anderen Gestalten ein weitaus höheres Maß psychologischer Kunst bewiesen, so stünde es nicht gut um seine Dichtung. Gleich sein Johanan ist um vieles erfreulicher gezeichnet als die beiden anderen Hauptspieler (wohlgemerkt: Hauptspieler: der Novelle im Roman!) Wenn irgendwo, so war er hier in Gefahr, statt des Menschen die ideale Puppe zu zeichnen, das engelhafte Gegenbild des Satans Jsmael. Doch malte er einen guten und liebenswerten Jungen, der. glücklicherweise neben vielen Vorzügen auch einige Schwächen aufweist. Sein Einzug in Jerusalem legt dafür beredtes Zeugnis ab. Der Ahn hat ihn sterbend an den edlen Achikam gewiesen, auch der König muß sich gewiß für Tamars Rettung dankbar bezeigen; so ist Johanan zuversichtlich zur Hauptstadt gewandert. Dort aber verirrt er sich im Gassengewirr der unteren Stadt, die gleich allen im Roman genannten Oertlichkeiten mit hoher Anschaulichkeit beschrieben wird; die Dämmerung bricht herein, hungrige, gierige Hunde tauchen immer massenhafter auf, heften sich immer frecher und bedrohlicher an seine Fersen und zwingen ihn schließlich, in ein fremdes Haus zu flüchten. Er ist zur schönen Abigail geraten, einer von denen, „die am Wege sitzen" und der Aschtoret, der Königin der Liebe und des Himmels, dienen. Und rasch und ohne große Bedenken erliegt er Abigails Verlockung. Vielleicht wollte Trampe, der das erotische Element in seinem Buche sehr, vom kulturhistorischen Standpunkt aus fast zu sehr, eingeschränkt hat — vielleicht wollte er mit dieser Szene nur gleich in der Einleitung zeigen, wie es um Jerusalems Monotheismus und Sittenreinheit bestellt ist; aber das Hauptverdienst des Abschnitts scheint mir vor allem darin zu liegen, daß er Johanans Menschlichkeit (statt der befürchteten Engelhaftigkeit) beweist. Und so habe ich es im Verlauf des Buches immer mit Freuden begrüßt, wenn sich Johanan einmal gewaltig erboste oder bezechte, wenn er von der Lust gerechter Vergeltung träumte, wenn er gelegentlich um sein junges, oft so tapfer aufs Spiel gesetztes Leben zitterte. Denn all diese kleinen Menschlichkeiten, natürlich vereint mit seinen vielen guten Eigenschaften, unter denen die Treue die schönste ist, machen Johanan erst zu' einer wirklichen und höchst anziehenden Persönlichkeit. Unmittelbar an die unlüstern natürlich geschilderte Verführungsszene schließt sich nun .freilich ein böses Kapitel, auf das ich genauer eingehen will, weil Trampe noch mehrmals in den gleichen Fehler wie hier verfiel. Abigail gehört für einige Zeit dem Prinzen Jsmael, dem Hanptmann der Burg. Der kommt auch heute, „seinen Weinberg zu besehen", stößt auf den ihm bereits von Bet-El her verhaßten Johanan und nimmt grausame Rache. Der junge Mensch wird in die Burg gebracht und dort in eine alte tiefe Zisterne geworfen, in deren Schlamm er ersticken mag. Und nun ergeht sich Trampe lange, lange in der Schilderung all der Qualen und Todesnöte, die Johanan da unten erleidet, und läßt ihn den abenteuerlichsten Rettungsweg, „durch die Eingeweide der Erde" zum Frauengarten des königlichen

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