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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
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91 sich die Beteiligten etwa eine Stunde in ernster Arbeit gemüht, soll edle Fröhlichkeit sie noch eine Weile beisammenhalten, eine gemütliche Plauderei beim Glase Bier, ein bescheidenes Spiel, ein frischer Tanz, kurze humoristische und musikalische Darbietungen, bei denen auch jüdische Stoffe nicht vergessen werden, schlichte, herzliche Lieder, die gemeinsam gesungen werden. Hervorragende Gedenktage, namentlich jüdische Feste mögen noch durch eine besondere Feier ausgezeichnet werden, damit sich ihr Glanz auch den von ihrem Berufe in Anspruch Genommenen offenbare. Welch einen Segen werden solche Zusammenkünfte ausstreuen! Der Akademiker wird durch sein Wissen, der tüchtige Kaufmann durch seine reifen Erfahrungen den andern fördern, der im Leben schwer Kämpfende wird hier Trost, Rat, werktätige Hilfe finden, der brausende Jugendsinn durch lebendige Gewöhnung seine Leidenschaft in kraftvolle Verfolgung wahrhaft nützlicher Zwecke umsetzen; der Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht wird edlen Anstand und Zartgefühl entwickeln, die gesellschaftliche Berührung des Vornehmen mit dem sozial Tieferstehenden verhängnisvolle Gegensätze ausgleichen, hier Verständnis für fremdes Leid und Würdigung des inneren Reichtums wecken, dort Verbitterung und häßliches Vorurteil verschwinden lassen. Die Erinnerung an das Schöne und Gute, das man an dieser Stätte empfangen, wird endlich die dankbare Liebe für den reichspendenden Mutterquell der jüdischen Religion so stark machen, daß der innige Zusammenhang mit ihr bestehen bleiben wird bis zum Tode. Diese Wirkungen verdienen es allein schon, daß wir die Idee der jüdischen Fortbildung als eine heilige Kulturforderung zu uns reden lassen. Möge manche Erwartung unerfüllt bleiben, manch berufene Hand ihre Hilfe versagen, die Ausführung des Planes sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es fordert sie die Zeit, es fordert sie die Ehre des Judentums, denn nach wie vor bleibt es unser Wahlfpuch: W’talmud tora kneged kulom Das Studium der Gotteslehre allen voran! Lin biblisches Lpos. Von Victor Klemperer-Oranienburg. I. rnst Trampe: „Ein König von Juda"3) Ein neuer Mann und ein sehr kühner Mann. Schreibt einen biblischen Roman von 824 großformatigen engbedruckten Seiten und setzt aufs Titelblatt: besser Lodovico, donde trovaste mai tante faufaluche? Wo habt Ihr nur all die Narreteien aufgetrieben, Herr Ludwig? — wie der Kardinal d'Este zu Ariost gesprochen hat. — Zum gleichen Ariost, den der bedeutendste moderne Meister historischer Dichtung, den Conrad Ferdinand Meyer in seinem „Hutten" so ganz besonders ehrt. Ich reich Dir über das Gebirg die Hand, Mein Meister Ludwig im welschen Land! heißt es dort. Mit diesem Meister eines Meisters also vergleicht sich der neue Mann? Es ist sehr bedenklich. Und sehr bedenklich ist auch die Stoffwahl, ist die gewaltige Länge des Buches. Andere Reminiszenzen aus Meyer-Huttens Äriostversen tauchen auf. Was soll uns noch die bunte Wunderzeit? Wir fußen jetzt in harter Wirklichkeit... Du hoffst, daß ich Dich lese? Wahn! mein Kind. Ich stöb're durch die Blätter wie der Wind. *) Verlag Maaß & Plank. Berlin 1909. Und so beginnt denn ein mißtrauisches Blättern in dem armen Wälzer. -Doch wieder meldet sich jenes Gedicht. Ein frisches Bild! Nun ja ein seiner Spruch! Ein Zauber! Ueppig Grün entsprießt dem Buch! Da wird dann aus dem Blättern eine geordnete Lektüre. Man liest und liest, von der ersten bis zur letzten Seite. Man ist nicht immer entzückt, schüttelt manchmal ungeduldig, manchmal auch wohl recht ärgerlich den Kopf, aber das merkwürdige Buch läßt den Leser dennoch nicht los, und wenn der endlich, endlich am Schluffe angelangt ist, ein bißchen ermüdet von den vielen Begebnissen, ein bißchen geblendet von den vielen Farben, unter denen ein blutiges Rot fürchterlich vorherrschte ~ und nun wägt er Mühe und Gewinn des langen Weges gegeneinander ab, so wird er sicherlich trotz einiger schlimmer Strecken diese Wanderung zu den gewinnreichen zählen. Aber was hat er denn eigentlich gewonnen? Hat er ein Märchen gelesen oder eine Historie, hat ihn bloß eine handlungsreiche Geschichte unterhalten, oder hat ihn eine Dichtung dauernd bereichert? Aus einem sachlichen Bericht über das Gelesene soll die Antwort entwickelt werden. Doch ehe ich mich an die Analyse, des Werkes begebe, scheint mir eine Bemerkung Pflicht, die meinen Standpunkt erläutere. Denn mit „sachlichen Berichten" ist es eine seltsame Sache. Im Leeren geschwebt hat noch keiner, irgendwo muß jeder den Boden berühren. Damit ist für jeden Menschen ganz unumgänglich der „Standpunkt" gegeben, woraus dann ohne weiteres der Gesichtswinkel und also auch ira und Studium resultieren. Als einen historischen Roman stellt Ernst Trampe fein Werk hin. Nun wird auch der Laie durch oberflächlichstes Vergleichen belehrt, daß die Quelle der Dichtung im Propheten Jeremia zu suchen ist. Von dorther hat Trampe manches Ereignis, ja manches Wort aufs genaueste übernommen. Aber sehr vieles hat er auch teils ungemein ausgebaut, teils frei hinzugefügt, einiges, wie den Tod des Königs, geradezu anders dargestellt als die Bibel. Ganz offenbar jedoch hat er sich in den meisten eigenen Erfindungen von anderen Bibelstellen leiten, in allen sozusagen vom Geist der Bibel befruchten lassen. Ich halte es nun keineswegs für die Aufgabe des literarischen Kritikers, im einzelnen nachzuspüren, wie der Dichter zu dieser und jener Angabe gekommen sei, ob er sie historisch beglaubigen und. genau für die von ihm geschilderte Epoche beglaubigen könne oder nicht, denn nicht von dieser Echtheit des Einzelnen kann der Wert der historischen Dichtung abhängig sein; sonst wäre ja das exakteste Geschichtswerk die beste historische Dichtung und diese selbst ein überflüssiges Nachhinken. Nein, aber den Hauch der Zeit, der sich im Netz der bloßen Tatsachen so wenig festhalten läßt wie das Sonnenlicht in den Säcken der Schildbürger, ihn soll der Dichter einfangen, und wenn - ihm das gelingt, so hat er seine Aufgabe gelöst, einerlei ob er einen der Geschichte nach ältlichen schwerfälligen Herrn in einen heldischen Jüngling umwandelte, ob er eine andere Gestalt statt, wie historisch, durchs Richtbeil — am Herzschlag enden ließ. Aber den Hauch der Zeit zu malen, ist nur die eine Aufgabe der historischen Dichtung. Die zweite teilt sie mit aller dichterischen Gestaltung. Tatsachen allein, auch nicht in eine ganz bestimmte Zeitatmosphäre getauchte, sind noch keine Dichtung; das Wachsen der Tat aus der Seele des Handelnden heraus ist zu belauschen, neben und über die Begebenheit ist neubelebt der Mensch zu stellen, der an ihr teil hatte. Und endlich scheint ein Drittes und Schwerstes vom Dichter auf historischem Gebiete zu verlangen. Gesetzt, er hat das Wesen

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