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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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folgenden (ich entnehme sie der Einleitung von Alphonse Levy zu dem gleich zu erwähnenden Buche, einer Einleitung, der ich auch in den übrigen Angaben dieser kleinen Skizze gefolgt bin). Lehmann besuchte zunächst die damalige israelitische Gemeindeschule seiner Vaterstadt Dresden. 1842 bis 1848 die Dresdener Volksschule, 1848 bis 1851 die Universität zu Leipzig und bestand mit Auszeichnung seine juristischen Examina. Sein Unabhängigkeitssinn, der ihm nicht gestattete, bis ins Mannesalter hinein väterliche Unterstützung zu beanspruchen, veranlaßte ihn, sich durch journalistische Arbeiten seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Acht Jahre hindurch arbeitete er für die, damals von dem Stadtrat Waltber in Dresden redigierte freisinnige Sächsische Dorfzeitung, und seine vorzüglichen Artikel, z. B. seine.geistvollen Abhandlungen über die Wuchergesetzgebung erregten geradezu Aussehen. Nebenher beteiligte er sich lebhaft an den unermüdlichen Bestrebungen der bekannten jüdischen Gelehrten Dr. Bernhard Beer, Dr. Zacharias Frankel und Dr. Wolf Landau, die nach Aufhebung der Grundrechte des Jahres 1848 in Sachsen zwar aufrecht erhaltene, aber be-. ständig bedrohte Emanzipation der Juden verfassungsmäßig sicher gestellt zu sehen. Dies wurde bei dem Erlasse des sächsischen Gesetzes vom 3. Dezember 1868 glücklich erreicht, bevor noch auf Antrag des Abgeordneten Wiggers die staatliche Gleichstellung der Juden durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 in den meisten anderen deutschen Bundesstaaten erfolgte. Auf dem Gebiete der Emanzipationsbestrebungen hat sich Emil Lehmann überhaupt unvergängliche Verdienste erworben. Wenn der Judeneid, welcher allerdings schon durch das sächsische Gesetz vom Jahre 1840 seine schimpflichsten Formen verloren hatte, in Sachsen vollständig in Wegfall kam, bevor sie in anderen deutschen Ländern durch die Reichsprozeßordnung bewerkstelligt wurde, dankte man dies wohl vorzüglich den an die sächsische Ständeversammlungen gerichteten Petitionen, in welchen Lehmann die von Z. Frankel durch die Schrift „Die Eidesleistung der Juden" begonnene Agitation eindringlich sortsetzte, erfolgreich gegen den konfessionellen Eid wirkte. Lehmann übte den Beruf eines Rechtsanwalts in ausgezeichneter und erfolgreicher Weise aus. Er beteiligte sich freudig an den Angelegenheiten seiner Vaterstadt und seines Landes. Von 1865 bis 1872, von 1874 bis 1883 war er Stadtverordneter, viele Jahre Hindurch erster, dann zweiter Vizevorsteher der Versammlung. Von 1875 M 1880 war er Mitglied des Sächsischen Landtages. In den Vertretungen von Stadt und Land war er eifrig für das allgemeine Wohl tätig und verteidigte mutig, wo es nötig war, die Rechte seiner Glaubensgenossen. ( Für diese selbst setzte er seine ganze Kraft ein. Dadurch würde er ein Vorbild für alle, die deutsches ünd jüdisches Wesen zu versöhnen und zu vereinen als ihre Lebensaufgabe ansehen. Er war der Anreger und Mitbegründer des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, widmete ihm bis zum Ende seines Lebens seine tätige Kraft und seine Beredsamkeit, er bezeugte seine innigste Sympathie durch Wort und Tat dem 1893 gegründeten „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Lehmann war ein talentvoller Schriftsteller. Er bewährte das alte Wort, daß das Herz beredt macht. An dem, was er sprach und schrieb, hatte sein Gemüt den innigsten Anteil. Bald nach seinem Tode ist eine Sammlung seiner Schriften erschienen. Sie liegt jetzt in einer zweiten Auflage vor.^) Sie verdient, ein echtes Volksbuch zu werden. Sie ist geeignet, den christlichen Deutschen die deutschjüdische Gesinnung eines gediegenen Mannes zu zeigen und den deutschen Juden das Ziel zü verkünden, wonach sie zu streben haben, die Gesinnung auszusprechen, von der sie alle erfüllt sein sollten. Die Sammlung enthält historische Aufsätze, biographische Studien, z. B. über Lessing, Berth'old Auerbach, Gabriel Rießer, Erinnerungen und Mahnungen für den Kampf, den der einzelne und die Gesamtheit zu bestehen haben, lichtvolle Betrachtungen über den Judenhaß und dessen verderbliche Wirkungen, mannhafte Abwehr ungerechter Angriffe, wie den vortrefflichen „Offenen Brief an Friedrich Paulsen". Sie veröffentlicht ferner stimmungsvolle Verse, die in wohlgesügten Worten der tiefen Empfindung, der seelenvollen Frömmigkeit, der unzerstörbaren Liebe zum Vaterlande Und zum Glauben Ausdruck geben. Seine Schriften in Vers und Prosa brandmarken das Ueberläufertum, preisen deutsche Gesinnung und jüdische Treue und verlangen gleiches Recht für jeden ernst und eifrig Strebenden. Den Juden rief Lehmann zu: „So mahnen denn jene erneuten Angriffe die Juden zur Einkehr in sich, zur Besinnung auf sich, zur Hebung, Kräftigung und Läuterung ihrer religiösen Einrichtungen, zur Förderung dessen, was den Juden wie den Christen gemeinsam: des religiösen Sinnes, zur Prüfung der eigenen Schätze, zur Beschäftigung mit der jüdischen religionswissenschaftlichen und geschichtlichen Literatur, um aus ihr Kraft und Mut unö Ueberzeugung dafür zu schöpfen, daß das Judentum eine Religion sei, die ihre aufrichtigen Bekenner zur echten Menschenliebe, zur treuesten Pflichterfüllung leitet, daß der wahre Jude auch ein guter Mensch und ein braver Patriot ist". Deutschen und Juden gleichmäßig gilt der Appell „Schutz und Förderung jeder redlichen Arbeit ohne Unterschied des Bekenntnisses, Aechtung 0 Emil Lehmann. Gesammelte Schriften. II. Aufl. Herausgegeben von seinen Kindern. Der Reinertrag ist für dieEmil Lehmann? Stiftung in Dresden bestimmt. Verlag von C. Weiskes Buchhandlung, Georg Schmidt in Dresden. 318 Seiten. Gmil Lehmann.

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