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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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ängsr r g 87 geartete Jmmigrations-Bills zugegangen, die in Bälde zur Beratung gelangen werden. Aus ganz besonderer Engherzigkeit ist die vorn Senator Overmann eingebrachte Gesetzesvorlage hervorgegangen, die unter anderem folgende Bestimmungen enthält: 1. Die von jedem Einwanderer zu entrichtende Kopfsteuer wird von vier auf zehn Dollar erhöht. 2. Jeder nichtamerikanische Bürger muß sich alljährlich' bei der Einwanderungsbehörde melden und von ihr gegen jedesmalige Zahlung von zehn Dollar einen Aufenthalts-Erlaubnisschein erhalten, der mit einer Photographie des Inhabers versehen wird. Ausgenommen davon sind nur einige Kategorien, wie Studierende, Redakteure, diplomatische Vertreter, Bankiers und Angehörige gelehrter Berufe. 3. Jedem eines Verbrechens überführten Einwanderer wird der Aufenthalt in Amerika nicht gestattete 4. Erkrankte Emigranten werden ausnahmslos nicht zugelassen. Angesichts der drohenden weiteren Einwanderungsbeschränkungen bemüht sich das .^meriesn Jewish Comitee“ denselben entgegen zu wirken. In seinem Aufträge verwendete sich der Richter Julian W. Mack bei der »United 8tate8 Irninigrstion 6ommi88ion" in Washington zugunsten der jüdischen Emigranten, deren Nützlichkeit für das amerikanische Volk er hervorhob.- Mr. Mack wendete sich besonders gegen die ungenauen, jede willkürliche Auslegung zulasfenden Bestimmungen betreffs der „schwächlichen" und „zur Last fallenden" Einwanderer wie auch gegen die in Aussicht genommene Forderung eines heimatlichen Wohlverhaltungsattestes. Die gesamte amerikanische Judenheit sei aber bereit, an der Fernhaltung der am weißen Sklavenhandel Beteiligten tatkräftigst mitzuwirken — wobei der Richter hervorhob, daß nach dem Bericht der genannten Kommission selbst der Anteil der Juden am Mädchenhandel in Amerika ein verhältnismäßig geringer ist. Den Schluß mag eine Zusammenstellung aus dem in London erschienenen Jüdischen Jahrbuch über die Anzahl der Juden in der Welt, speziell in Europa, machen: „Die jüdische Gesamtbevölkerung der Welt zählt nach der Statistik 11625 653 Köpfe; davon entfallen allein auf Europa 8 892 019. An der Spitze der europäischen Länder steht die jüdische Bevölkerung Rußlands, die 5 082 342 Seelen.beträgt. Oesterreich hat 1 233112, Ungarn 851 378, Deutschland 607 862, die Türkei 282 277, Rumänien 250000, Großbritannien und Irland 240546, Holland 103 000. In Frankreich zählt man nur 95 000 Juden, und in Spanien, das vor den großen Judenverfolgungen eine jüdische Bevölkerung von vielen hunderttausend Köpfen zählte, nur noch 4000. Interessant ist die statistische Zusammenstellung, die den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in den größeren Städten zusammenstellt. An der Spitze steht Jerusalem mit 55 Prozent; es folgen Lodz mit 47,5 Prozent, Odessa mit 33,75 und Warschau mit 33,36 Prozent. An vierter Stelle steht New York mit 26,3 Prozent vor Pest mit 23 Prozent. Wiens jüdische Bevölkerung beträgt 8,75 Prozent der Gesamteinwohnerschaft. In Deutschland steht Frankfurt a. M. mit 8,15 Prozent an der Spitze. In Berlin zählt man 4,85 Prozent, in Chicago 3,58, in Hamburg 2.34 und in London 2,28 Prozent. In Paris beträgt der Prozentsatz 2,07, und noch geringer ist er in Rom, wo die jüdische Bevölkerung mit 1,51 Prozent angegeben wird. Brüssel zählt 1,16, die geringste Zahl unter den europäischen Hauptstädten aber zeigt Petersburg mit 0,83 Prozent. :i; E Lllsh-Lothringm. Unter diesem Titel brachte Nr. 22 des Ooivers israelite vom 11. Februar einen großen Artikel. Man würde in der 'Annahme irren, daß es sich dabei um die Lage der Juden im Elsaß handelt. Vielmehr ist es ein allgemeine^ politischer Artikel, der Zeugnis geben soll von der „beträchtlichen, insbesonders intereffanten Bewegung", die sich jetzt in dem Reichslande vollziehe „zugunsten seiner politischen Autonomie!" Um dies zu beweisen, druckt die genannte Zeitschrift einem Bericht ab, den ein Herr Henri de Noussanne im „Gil. Blas" über einen Besuch gegeben, den er dem im Colmarer Gefängnisse weilenden ehemaligen Abgeordneten Herrn Abb6 Wetterle abgestattet hat (der genannte Abgeordnete büßt eine achtwöchentliche Gefängnisstrafe ab, die -ihm wegen Beleidigung des Direktors des deutschen Gymnasiums zuerkannt worden ist). Herr N. fand den Gefangenen mit der Lektüre von Sitzungsberichten des elsässisch-lothringischen Landtages und von Statistiken der Finanzen des Deutschen Reiches beschäftigt. Herr Wetterle verlangt die Selbständigkeit des Elsaß und ist bereit, um diese zu erhalten, das Opfer zu bringen, einen preußischen Prinzen als erblichen Großherzog zu sehen. Der Artikel ist voll von Bosheiten gegen die Deutschen, die „mehr naiv und stolz als von Grund aus böse" sind. Der Verfasser des Artikels, in den der erwähnte Bericht eingereiht ist — er zeichnet mit den Initialen R. M. — steht ganz auf seiten des Berichterstatters und des von diesem besuchten Gefangenen. Er meint, ein solches Zugeständnis seitens des Deutschen Reiches würde die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich wirklich freundschaftlich gestalten. Er enthält sich nicht, manche Liebenswürdigkeiten an die Deutschen zu richten, z. B. die folgende „der deutsche Chauvinismus wird nicht so bald dem Deutschen Reiche gestatten, auf das materielle Zeugnis seiner Eroberungen zu verzichten, die er voller und ruhiger hätte genießen können, wenn er von Anfang an diese Eroberung preisgegeben und Frankreich ein loyales Bündnis ohne Hintergedanken vorgeschlagen hätte. Die abscheuliche Logik, die vor 39 Jahren diese edelmütige Handlung verhinderte, herrscht noch immer über die Geschicke des Reiches und wird noch heute eine so weitherzige Tat nicht gestatten". Und auch an einer anderen Stelle wird die deutsche Besitzergreifung von Elsaß-Lothringen „ein Werk brutaler Stärke und Grausamkeit" genannte) Ich glaube weder, daß die Herren R. M. und Wetterle die Meinung der gesamten elsässisch-lothringischen Bevölkerung wiedergeben, noch daß sie irgendwie vermögend sind, in die Geschicke Europas und in die Beziehungen zweier mächtiger Länder einzugreifen. Nicht das aber ist für uns das Interessanteste an dem hier analysierten Artikel. Was ihm eine symptomatische Bedeutung gibt, ist vielmehr das ausgesprochene französische Nationalgefühl, das aus diesen Zeilen spricht. Der französische Jude ist in erster Linie Franzose, in zweiter Jude. Und dazu nennt sich der Univers israälite stolz Journal des prineipes conservateurs du Judaisme. L. G. Emil Lrhmsnn. et treffliche Mann, dem diese Zeilen gelten, ist am 2. Februar 1829 geboren und kaum ein Jahr vor seinem 70. Geburtstage am 25. Februar 1898, gestorben. Der Monat, der ihm Anfang und Ende des Lebens brachte, soll nicht vorübergehen, ohne sein Gedächtnis zu erneuern. Lehmanns Name ist in die Geschichte der deutschen Judenheit tief eingegraben. Seine Lebensdaten sind kurz die 0 An einer dritten Stelle wixd der deutsche und französische Geist unterschieden, jener als „der aus Eroberung geborene", dieser als der „der seine Kraft aus der ewigen Quelle des Rechtes schöpft."

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