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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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■"?' W-~-' V« /,l,li/;r‘'r',*?»*,*'ä. V*' «iS11 J^' ... -— 86 -- - r, ■ ■ . .. ,,-; Ehrfurcht vor dem Erhabensten beraubt. Eine Andacht von etwa 21/2 .Stunden kann die wichtigsten Gebete umfassen, ohne die Wiederholungen natürlich, welche unserem modernen Empfinden widersprechen. Wie im Tempel der Resormgemeinde würde auch das Publikum der Orgelsynagogen sich schnell dazu erziehen, pünktlich zum Beginne des nicht zu lange ausgedehnten Gottesdienstes zu erscheinen und bis zu dessen Ende auszuharren. Unsere Rabbiner predigen so vieles zum Fenster hinaus, was die gerade hören sollten, die nicht in der Synagoge sich befinden; sie haben das Publikum vor sich, zu dem sie von der Würde des Gottesdienstes und von der Andacht ' sprechen können! Rio Rhodus, hic salta! 4. Endlich liegt uns am Herzen, daß diejenigen Predigten, die so zu sagen zum Fenster hinaus gehalten werden, an ihre eigentliche Adresse gelangen, z. B. diejenigen, die gegen die Austritte und Uebertritte und gegen das Lausen der Kinder gerichtet find. Ueber dieses Thema haben wir schon manche von echter Begeisterung eingegebene Predigt gehört, wir haben uns oft gesagt: wenn solche Predigten als Flugblätter gedruckt an den Eingängen unserer Friedhöfe in der Zeit zwischen Neujahr und Versöhnungstag verteilt würden, weil gerade an diesen Tagen auch viele, die zum lebenden Judentum gar keine Beziehungen mehr unterhalten, die Gräber ihrer Ahnen besuchen, so würde mancher vielleicht vom äußersten Schritt abgehalten werden. Macht doch die Stimmung einer Totenstadt auch den hartgesottenen Realisten religiösen Gedanken zugängig. Dies wäre zwar eine Nachahmung christlicher Sitte- Sie könnte aber zur Erhaltung des Judentums beitragen. Sanitätsrat Dr. Steinthal. Dir Woche. Berlin, 22. Februar. | er Toleranzantrag des Zentrums, von dem in! einer früheren Nummer dieser Blätter die Rede war, ist nun im Deutschen Reichstag zur Verhandlung gekommen und, wie zu erwarten war, abgelehnt worden. Aus der Debatte ist nichts Besonderes zu erwähnen, denn von Juden war dabei nicht die Rede. Nur ein sozialdemokratischer Antrag verdient eine kurze Erwähnung, obgleich auch er in gleicher Weise wie der Hauptantrag abgelehnt worden ist. Er wollte folgende drei Sätze hinzufügen: a) daß aus der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Re« ligionsgemeinschaft keine Beeinträchtigung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten abgeleitet werden darf; b) daß kein Kind gegen den Willen der Erziehungsberechtigten zur Teilnahme an einem Religionsunterricht oder Gottesdienst angehalten werden darf; 0) daß zur Bewirkung des Austritts aus einer. Religionsgemeinschaft eine schriftliche oder mündliche Erklärung zu genügen hat, die vor dem Amtsgericht des Wohnortes abzugeben und von diesem der Religionsgemeinschaft mitzuteilen ist; das Austrittsverfahren hat kosten- und stempelfrei zu sein. Mit a und b könnten wir Juden uns freudig einverstanden erklären, nicht dagegen mit c; eine bloße Austrittsertlärung ohne jede Erschwerung, vor allem ohne alle Kosten, würde gar manchem den Austritt aus dem Judentume gar zu sehr erleichtern. . Interessant war auch eine Debatte im Preußischen Ab-, ge ordnetenhause über eine Interpellation der Nationalliberalen, betreffend das Ergreifen amtlicher Maßnahmen gegen Beamte, die für die Nationalliberale Partei eingetreten waren. Aus dieser Debatte sei wenigstens das folgende Geständnis des konservativen Abgeordneten Herrn Rogalla von Bieberstein hervorgehoben. Er erzählte, daß in dem Wahlkreise Czarnikau- Kolmar-Filehne eine ganze Reihe Kandidaturen aufgestellt wurde, und fuhr fort: „Die antisemitische war ganz und gar. nicht am Platze, weil sie einen sehr groben Teil der deutschen Wählerschaft von vornherein abschrecken mußte. Es stimmt nicht, wenn hier von unserer Freundschaft mit den Antisemiten gesprochen wurde, wir haben die antisemitische Kandidatur wegen der Zersplitterung der Deutschen bedauert/ * Bedauerlich sind die Nachrichten aus Ungarn, Galizien und Rumänien. . In Ungarn soll ein neues Wahlrecht eingeführt werden, das nach einem nicht recht klaren Bericht die Magyaren, an die sich die Juden ausschließlich bisher gehalten haben, beschränken soll; die ungarische Regierung betreibt ferner eine schonungslose Answeisungspolitik gegen die sogenannten „polnischen Juden". ' In Galizien wird für die „Zechen" ein Statut vorbereitet, das nach einer von der galizischen Regierung an die Gewerbetreibenden gesendeten Probe folgende unbegreiflichen Paragraphen enthalten würde: § 23. Mit Rücksicht auf die Vergangenheit der Zeche und in Berücksichtigung des Umstandes, daß sie auch die Pflicht hat. für die ethische Erziehung der Lehrlinge zu sorgen, wurde beschlossen, sür den Fall, daß der Obmann der Zeche nicht aus dem Kreise der Angehörigen des Christentums gewählt wurde, der Obmannstellvertreter unbedingt ein Christ sein müsse, so daß stets entweder der Obmann oder dessen Stellvertreter ein Christ sein müsse. Z 40. Das Vermögen der aus Grund der früheren Statuten bestandenen Zeche gehört ausschließlich den Mitgliedern christlicher Konfession. In Rumänien wird ein neues Jndustriegesetz eingeführt, das eine „Prozentnorm" für die „Fremden", d. h. für die jüdischen Angestellten und Arbeiter sestsetzt. Während nun in den Ländern (Galizien und Rumänien gehören gewiß dazu), in denen die Auswanderungslust infolge der traurigen Verhältniffe groß genug ist, die Lage der Juden immer trüber wird, geht es den Einwanderern in ihrer neuen Heimat nicht viel besser. Nach einer Mitteilung der „N. I. K:" soll in Buenos Aires und in ganz Brasilien eine wahrhafte Schreckensherrschaft gegen die Juden geübt werden. Das genannte Blatt schreibt: „Massenweise werden die Juden aus ihren Häusern nach den Polizeirevieren geschleppt, beschimpft, mißhandelt und nach ihrem Herkunftsland zurücktransportiert. Der gesamten aus Rußland stammenden jüdischen Bevölkerung hat sich eine ungeheure Panik bemächtigt." Freilich bleibt abzuwarten, ob diese Nachricht bestätigt wird. ■ Auch in Amerika sollen der Einwanderung immer stärkere Riegel vorgeschoben werden. Gleichfalls der „N. I. K." ist folgende Nachricht entnommen: Für die nächste Zeit stehen im Kongreß heiße Kämpfe um die Immigration in Amerika bevor. Von Anhängern und Gegnern einer freien Einwanderung sind dem Parlamente mehrere, ganz verschieden

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