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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 8 Allgemeine Berlin, 25. Februar 1910 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenls-ssreis: durch den .Buchhandel oder die Post- (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebzssellen) bezogen vierteljährlich 3 M. vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. . Unterteilung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Expedition: Serlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Sedaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/V, zu richten. Verlag non Rudolf Akofse, Berlin. Auf zur Tat! Von SanitLtsrat' Dr. Steinthal. 1I1UJUU. Woche. — Elsaß-Lothringen. — Emil Lehmann. Die DaS jüdische Fortbildungswesen. Von Dr. S. Grzhmisch. — Ein biblisches Epos. Von Victor Klemp er er-Oranienburg. — Briese aus Nizza. — Bräutigamsbriefe von Berthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettel- Heim. — Feuilleton: Dank vom Hause Romanow. - (Skizze aus dem russisch-japanischen'Kriege.) Von Albert Katz. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Spandau, Breslau, Hannover. — Von Nah und Fern. puf?ur Tat! Worte sind genug gewechselt, jetzt laßt uns endlich Taten seh'n! Seit Jahr und Tag wird soviel über liberales Judentum geschrieben, daß es uns endlich an der Zeit erscheint, positive Vorschläge für einige Reformen zu machen, deren baldige Durchführung wir im Interesse der Erhaltung des Judentums wünschen müssen. Ist doch die Erhaltung des Judentums das Ziel aller derer, welche ihren Jndifferentismus unserer Religionsgemeinschaft gegenüber abgestreist haben und in den Kampf dafür eingetreten sind, unser Zeremonialgesetz mit den Anschauungen eines modernen Menschen in Einklang zu bringen. Um aber endlich einen Schritt vorwärts zu kommen, wollen wir uns heute'auf Vorschläge beschränken, denen auch jeder gemäßigt Konservative, insbesondere die konservativen Rabbiner unserer Gemeinde, zustimmen können. Erstens halten wir eine Umgestaltung des Wochengott e s d i e n st e s . in den Orgelsynagogen für dringend notwendig. Dieser Gottesdienst wird außer von den Beamten von wenigen Leuten besucht, welche entweder Jahrzeit haben oder sich in der ersten Trauer um teure Verstorbene befinden. Unter diesen letzteren befinden sich viele junge Leute, welche im ganzen Jahr niemals die Synagoge besuchen, welche aber eine Pflicht der Pietät gegen die soeben verstorbenen Eltern dazu treibt, eine oder vier Wochen das Gotteshaus regelmäßig auszusuchen. Diese jungen Männer, welche in ihrer gegenwärtigen Stimmung für unsere Religion wiedergewonnen werden könnten, müssen durch die ganze Art des Gottesdienstes völlig abgestoßen werden und unserem Glauben verloren gehen. Dieser Gottesdienst besteht nämlich in einern Herunterleiern von Gebeten, wobei selbst ein geübter Hebräer nicht mehr folgen kann. Am Nachmittag werden das Mincha- und das Maariw-Gebet in 15 Minuten erledigt. Es widerspricht allem modernen Empfinden, däß in dieser kurzen Spanne'Zeit dasselbe Gebet — das 18-Gebet nämlich — zweimal gesagt/wird. Das Morgengebetwird in 20 bis 30 Minuten vollzogen, so daß die herrlichsten Psalmen, die darin enthalten sind, keinem einzigen Hörer zum Bewußtsein kommen. Diese Art von Lippendienst kommt einer Entweihung des göttlichen Namens sehr nahe; denn er muß diejenigen, welche selbst mit einer Durchschnittskenntnis der hebräischen Sprache die Synagoge besuchen, der Andacht berauben, diejenigen aber, welche diese Kenntnis nicht besitzen, jeder jüdisch-religiösen Betätigung abwendig machen. Wir schlagen deshalb vor, daß der Vorbeter beim Wochengottesdienst alle Gebete laut vorträgt, daß alle Psalmen deutsch gesprochen werden, daß nur das Schmäh und das 18-Gebet in hebräischer Sprache gebetet werden, daß das Schlußgebet (Olenu) mit demselben deutschen Text wie am Freitag AbeUd vorgeträgen wird und daß hieran ein vom Rabbinat zu verfassendes deutsches Gebet sich anschließt, welches zum Kaddisch überleitet, damit auch die ganz Unwissenden erfahren, um was es sich hierbei handelt. Auf solche Weise, glauben wir, geschieht etwas für die Erhaltung des Judentums. Es wird vielleicht der Einwand erhoben werden, daß eine derartige Reform manches mehr oder weniger konservative Mitglied unserer Gemeinde abschrecken wird, an ihren Jahrzeiten ihre Synagoge zu besuchen. Dieser Einwand ist dadurch hinfällig, daß schon jetzt viele in gewisser Beziehung konservative Mitglieder, welche an Feiertagen ihren Platz in der Orgelsynagoge einnehmen, die Jahrzeiten in der Synagoge irgendeines Religions- Vereins abhalten, weil sie hier nicht zweimal, sondern vier bis fünsmäl Kaddisch sagen können. Zweitens der wechselnde Beginn des Gottesdienstes am Freitagabend, das Schwanken von 4 bis 77a Uhr, ist ein Zopf/ der' unbedingt abgeschnitten werden muß. Wir haben aus desir Munde eines unserer älteren, nicht ganz links stehenden Rabbiner in einer Predigt einmal den Satz vernommen: „Ihr habt den Sabbat verloren, haltet nun den Freitagabend fest!" Wie sollen wir das denn machen, wenn der Gottesdienst so früh stattfindet, daß unsere berufliche Tätigkeit uns seinen Besuch nicht erlaubt, oder so spät, daß uns unsere jüngeren Kinder zu Hause nicht erwarten können, um den Kiddusch zu hören, weil für sie längst die Nacht hereingebrochen ist? Wir müssen aus unserem modernen Empfinden und Leben heraus fordern, daß an allen Freitagen des Jahres der Abendgottes- ' dienst um 7 Uhr beginnt.' Je mehr Menschen es ermöglicht wird, die Synagoge einmal in der Woche zu besuchen, um so sicherer wird die Anhänglichkeit an das Judentum erhalten. 3. Um die Würde des Gottesdienstes an Unseren Feiertagen zu erhöhen, ist es notwendig, daß die Zeitdäuier desselben — mit Ausnahme vom Versöhnungstag — abgekürzt wird. Das andauernde Kommen und Gehen muß äufhören, weil es unsere moderne Jugend vergiftetindem es sie aller

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