Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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- 4 - bisherige erste Vorsitzende Herr Max Grünberg sowie die Herren Lehrer Nathan und Adolf Werth eimer als Schriftführer bezw. Kassierer durch Zuruf wiedergewählt. Als Beisitzer wählte man durch Stimmzettel Herrn Julius Steinberg, Frau Blumenfeld. Frau Traubermann und Fräulein Martha Schreiber, die alle die Wahl dankend annahmen. Als Preisträger für daS Jahr 1909 wurden vier Damen und ein Herr mit schönen Büchern bedacht. Zum Schluß gedachte der Vorsitzende der unermüdlichen, ernsten Arbeiten des Herrn Dirigenten Kantor Goldberg zur Bereicherung und Vertiefung der synagogengesanglichen Leistungen des Chorvereins und sprach ihm den Dank der Versammlung aus. 8. Magdeburg, 6. Februar. Der Vorstand der Synagogengemeinde Magdeburg hat für das Jahr 1905 bis einschließlich 1908 seinen Verwaltungsbericht veröffentlicht, aus dem wir die erfreuliche Tatsache entnehmen können, daß die Gemeinde in fortschrittlicher, gedeihlicher Entwicklung ist. Als ganz besonders erfreulich ist wohl zu verzeichnen, daß die Zahl der Schüler und Schülerinnen der jüdischen Religionsschule andauernd gestiegen ist; während sie sich im Jahre 1907 auf 163 bezifferte, stieg sie bis zum Jahre 1909. auf 228, so daß die Religionsschule jetzt fast von allen schulpflichtigen Schülern und Schülerinnen besucht wird. Mit berechtigter Genugtuung wird auch in dem Bericht hervorgehoben, daß von allen jüdischen Schülern und Schülerinnen über 10 Jahre nur 4 Knaben und 4 Mädchen bisher keinen hebräischen Unterricht gehabt haben. In gleich erfreulicher Weise ist auch das religiöse Bedürfnis der Erwachsenen stärker geworden, wie aus der gesteigerten Vermietung der Synagogen Plätze geschlossen werden kann. In dem Bericht über das Schächtwesen wird der ausfallende Rückgang der rituell ausgeführten Schlachtungen, beklagt, obwohl die Kommission eifrig darauf bedacht ist, daß das Koscherfleisch nicht teurer verkauft wird als das andere, und auch für die Güte des Fleische3 Gewähr gegeben ist. Den zahlreichen Wohltätigkeitsvereinen und Stiftungen sind während der Berichtszeit größere Spenden zugesührt worden. Der Etat der Gemeinde balanciert für das Jahr 1908 bei. 530 beitragspflichtigen Mitgliedern in Einnahme und Ausgabe mit 49 397 Mark. Der Gemeindevorstand setzt sich aus sieben Mitgliedern zusammen, während der Repräsentantenversammlnng einschließlich der drei Stellvertreter fünfzehn Ehrenbeamte angehören. y. Göttingen, 14. Februar. Der bisherige Schulverband in dem in unserem Landkreise gelegenen Flecken Bovenden, der eine jüdische Volksschule unterhielt, ist dieser Tage von der Regierung in Hildesheim aufgelöst worden. Es ist dies die Folge der sich leider ja vielfach bemerkbar machenden „Landflucht", wodurch die Frequenz der jüdischen Volksschule auf eine ganz minimale Anzahl Kinder gesunken ist. *** Augsburg- 9. Februar. Ein imposantes Trauergefolge, erwies am 2. d. M. den sterblichen Ueberresten des Distriktsrabbiners Dr. Heinrich Groß die letzte Ehre. Alle Gesellschaftskreise und Bevölkerungsschichten hatten Vertreter entsendet,, von nah und fern waren Amtskollegen, Freunde, ehemalige Schüler und Glaubensgenossen erschienen, um dem. Verewigten einen letzten Beweis ihrer Liebe und Verehrung zu geben. Seitens der Stadtverwaltung nahmen Oberbürgermeister Hofrat Wolfram, Bürgermeister Hofrat G entner, sowie viele Mitglieder der beiden Kollegien an der Beerdigung teil. Besonders zahlleich war die Geistlichkeit beider Konfessionen vertreten. So schritten u. a. im Trauerznge Monsignore Friesenegger und Kirchenrat Hans. Auch die Rektoren mit den Lehrerkollegien der Mittelschulen waren fast vollständig anwesend. Die Beerdigungsfeierlichkeiten wurden vorgenommen durch Herrn Rabbiner Dr. Werner-München. Derselbe gab, in ungemein herzenswarmer geistreicher. Rede, eine ergreifende Schilderung der Persönlichkeit des Entschlafenen. Er war treu und frei, er war gläubig und duldsam. Mit dem Gemüte eines Kindes vereinigte er den Scharfsinn des rastlos tätigen Forschers. Trotzdem sein Denken in der Antike wurzelte, war er ein moderner Mensch, der nicht achtlos an den Tagessragen vorbeiging. Für die Kultusgemeinde widmete Herr Justizrat Bauer dem Verschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf. Herr Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen sprach namens..der Fr. Konferenz der bayerischen Rabbiner herzliche Abschiedsworte. Nachdem der Sarg in die Gruft hinabgesenkt ward, ergriff ein Neffe des Entschlafenen, Rabbiner Dr. Thieberger-Budweis, das Wort, um namens des Verwandtenkreises dem unvergeßlichen Toten Dank zu sagen für all die unbegrenzte, nie versiegene Liebe und Güte, womit er während seines langen, segensreichen Lebens alle seine Angehörigen umfaßte. Den Schluß der erhebenden Trauerfeier bildete ein herzlich gehaltener Nachruf, den dev Rektor von St. Anna, Oberstudienrat Dr. Preuß, im Namen der Augsburger Mittelschulen dem treuen, unermüdlichen und erfolgreichen Mitarbeiter widmete. Dem edlen Verklärten bleibt innerhalb unserer Gemeinde ein treues Gedenken für alle Zukunft gesichert. Stratzburg, 12. Februar. Die Frage der so dringenden Reform unserer Kultusverfassung, welche die Gemüter der einheimischen jüdischen Bevölkerung ungemein lebhaft beschäftigt, scheint noch so bald nicht ihrer Lösung oder auch nur Inangriffnahme entgegenzugehen. Zwar steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß die Reorganisation der Kultusverfassung eine dringliche Angelegenheit sei, und die Wünsche nach einer solchen durchaus berechtigt seien, allein sie will an die Erfüllung dieser jüdischen Wünsche erst herantreten, nachdem die Neuordnung des evangelisch, lutherischen Kultus, mit der sie sich zurzeit beschäftigt, erfolgt sein wird. Wie der „Straßburger Israelitischen Wochenschrift" jetzt mitgeteilt wird, hat die Regierung erklärt, daß sie aus dem angegebenen Grunde den Landesausschuß mit der Neuregelung des jüdischen Kultuswesens vor dem Jahre 1912 nicht befassen könne. Es ist also noch sehr reichliche Zeit für die Austragung der Meinungsverschiedenheiten über die Neugestaltung innerhalb der eigenen jüdischen Kreise vorhanden. * Gesterretch-Ansarn. z. Krakau, 8. Februar. Durch das Ableben des hervorragenden Hebraisten Dr. Salomon Rubin hat unsere Gemeinde und mit ihr die gesamte Judenheit einen unersetzlichen Verlust erlitten. Als Pfadfinder auf den verschlungenen Wegen der Kabbala, als Beherrscher der jüdischen Religionsphilosophie und der semitischen Sprachwissenschaft war er zugleich der ^Repräsentant der. alten, gediegenen Hebraisten, die leider immer seltener werden. Der Verblichene hat ein Alter von 88 Jahren erreicht; über 60 Jahre hindurch wirkte er in seinen zirka 70 Werken und in Hunderten von Aufsätzen, von denen eine große Anzahl auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erschienen ist, für die . Verbreitung von Wissen und Kenntnis, ins besondere des Hebräischen, unter seinen Glaubensgenossen. In seiner Vertrautheit mit der Kabbala, dem Sohar und dem Talmud wurde er kaum von irgendeinem übertroffen. Für sein 1869 veröffentlichtes Werk „Spinoza und Maimonides" wurde er von der Universität Göttingen zum vr. phil. promoviert. Seine berühmteste Arbeit führt den Titel „Die Mysterien des Heidentums und das Geheimnis der Kabbala". In diesem Werke bringt er alle Systeme der jüdischen Geheimlehre in Zusammenhang mit der griechischen Philosophie eines Plato und Aristoteles. Obwohl er sieben oder . acht Sprachen beherrschte, . bediente er sich in den meisten seiner. Arbeiten des Hebräischen; denn sein Hauptstreben war, die Sprache und Wissenschaft des jüdischen Stammes zur Geltung zu bringen und die Dunkelheit des Ghetto zu erhellen. So war er ein fleißiger Mitarbeiter sämtlicher hebräischer Zeitschriften, insbesondere des seinerzeit von Smolenski in Wien herausgegebenen „Haschachar", in dem er seine besten Essays wie auch ganze Werke zum Abdruck brachte. Noch kurz vor seinem Tode veröffentlichte er eine sehr interessante Schrift über die Unsterblichkeit der Seele, wert in eine der lebenden Sprachen übertragen zu werden. 1823 in Dolina in Galizien als Sohn sehr orthodoxer Eltern geboren, wurde er zum Rabbiner bestimmt; er besuchte bis zum 18.Jahre verschiedene „Jeschiboth" und begab sich, nach dem er das Rabbinerdiplom erworben hatte, nach Lemberg. Dort studierte er auf der Universität vorzüglich Sprachen. Da ihm der Beruf eines Rabbiners nicht zusagte, wurde er Schriftsteller, denn auf diese Weise konnte er gänzlich unabhängig und frei, wie er es für richtig hielt, Licht, und Wissen unter seine Glaubensgenossen bringen. Obwohl selbst ein großer Freidenker, wurde er von allen Parteien der Inden hochgeehrt, wegen seiner redlichen Gesinnung und der wahren Liebe zum angestammten Judentum. Er war ein