Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
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84 Karten wieder mit.Verlust verkaufen, um die ganze Reise von hier bis nach Hamburg zu mödictt. Es ist geradezu ein Verbrechen, das nicht hart genug bestraft und gebrandmarkt werden kann, daß sich Agenten finden, die, um ihre Provision einzustecken, die Aermsten der Armen auspressen, sie falsch beraten, richtiger gesagt, verraten in die Welt hinausschicken, sie ihrer Barmittel berauben und sie dann der Wohltätigkeit überlassen. Die Leute kommen ja an den Grenzen an, versehen mit genügenden Reisespesen, aber die Irrfahrten bringen sie ins Elend. Wie oft kommen nun Leute zu mir mit der Frage — wohin sie überhaupt fahren sollen. Plan- und ziellos verlassen sie die Heimat, und es ist in den meisten Füllen ein Zufall, wenn sie wirklich in das „gewünschte Land" gelangen, außer wenn schon die in Amerika angesiedelten Verwandten ihten „Zurückgebliebenen" die vorgeschriebene Marschroute miteinsenden. Wir stehen da mitunter ganz ratlos und können auch nicht helfen. Wir zahlen unsere Beträge an die „Allianz", „Union" und andere Vereine, haben ganz Corfu aufdem Halse; dann ist natürlich Triest die erste „Nachbargemeinde" von Jerusalem, Jaffa, Kairo in Alexandrien. Ich mache also die ganze Tragweite der Planlosigkeit unserer Aermsten mit. Die Leute sind froh, mit heiler Haut endlich Rußland und Rumänien den Rücken gekehrt zu haben, fahren in die Welt hinaus mit dem Vertrauen: „Gott wird schon helfen." Von welch ungemein großem Nutzen wäre cs da. wenn Bureaus im Lande selbsteingerichtet wären — wo die Leute einen guten Rat und Belehrung empfangen? Wieviel Geld würde man da ersparen, wieviel Tränen trocknen, wieviel Elend verhüten! In den kurzen Zügen glaube ich einigermaßen erklärt zu haben, wie unbedingt notwendig da ein „Eingreifen" der maßgebenden Faktoren wäre. Ich will gar nicht davon sprechen, wie die Leute in den Stationen hier im Kontinent beherbergt, wie sie beim Geldwechseln übervorteilt werden, wie sie auf Schritt und Tritt den „Segen der freien Luft" kennen lernen. Und nun kommen erst die ärztliche Untersuchung, die Fahrt nach New Pork, die dort so hart angewendeten Maßregeln, die erwähnte Rückfahrt und das Suchen nach einem anderen Lande. Ich habe vor Jahren folgende Einrichtung getroffen. Jeder einzelne gibt eine Krone, mitunter fahren ja Hunderte von Auswanderern. Wenn also einige zurückgestellt werden, können sie ja mit dem assekurierten Gelds eine andere Fahrt versuchen. Wie man weiß — berichtet dies doch der im Jargon erscheinende „Emigrant" — ist man in London und New Pork speziell von den Ueberschwemmungen der jüdischen Auswanderer nicht gerade entzückt; auch kein Wunder, die Untergebote ruinieren die Heimischen. Wäre es da nicht die höchste Zeit, daß Männer, wie Simon, dessen Name für das Gelingen schon eine Garantie wäre, Nathan, Schiff/ Seligmann u. a. die ganze Emigrationsfrage einer genauen Prüfung unterwerfen sollten. Wieviel Kapital könnte man da ersparen, die Gemein den von Schnorrern befreien und die Auswanderung in richtige Bahnen lenken! Ich beanspruche nicht einmal eine eigene Schiffahrtsgesellschaft, die übrigens eine glänzende Zukunft hätte, worüber ich ein anderes Mal schreiben will — nur eigene Agenturen, eine Zentralisation, die nach einem vorgefaßten Plane alle Fäden in der Hand hätte! Als eine Körperschaft könnte sie ja spezielle Kontrakte mit den.Schifffahrtsgesellschaften haben. Was ließe sich da nicht erreichen!' Ich würde als Kongreßort nur Berlin Vorschlägen, weil da das Zentrum ist, der Kongreß müßte selbstredend von Vertrauensmännern — die aber auch Fachleute sind — beschickt werden, und zwar von Amerika. Australien in erster Reihe, ferner aus Rußland, Rumänien, Galizien usw. Ich würde mich sehr freuen, wenn meine nur hingeworfene Anregung die gewünschte und erhoffte Aufmerksamkeit finden möchte. Triest, 6. Februar 1910. Professor Brettholz. * VAoit amtlicher Seite wird uns folgendes mitgeteilt: „In einer öffentlichen Versammlung des „Neuen jüdischen Gemeindevereins" erwähnte Herr Rechtsanwalt Dr. Klee unter Berufung auf eine Mitteilung des Herrn Justizrats Dr. Lövinsohn, daß im Falk-Realgymnasium den jüdischen Schülern gedruckte Zettel an die Eltern mitgegeben werden, mit der Anfrage, ob die Eltern wünschen, daß ihr Kind am evangelischen oder am jüdischen Religionsunterricht teilnimmt. Eingezogene Erkundigungen haben ergeben, daß weder diese Gepflogenheit an der genannten Anstalt besteht, noch Herr Jnstizrat Dr. Lövinsohn jemals eine derartige Aeußerung getan hat." ist hygienisch verwerflich, wenn mehrere Kinder ans demselben Kidduschbecher trinkem In vielen Synagogen besteht an den Festtagen der Brauch, daß, nachdem der Vorbeter die übliche Benediktion über den Becher Wein gesprochen, mehrere Kinder hintereinander aus demselben trinken. Gegen einen solchen Brauch muß vom hygienisch - sanitären Standpunkt entschieden Stellung genommen werden. Denn abgesehen davon, daß es unästhetisch, unappetitlich ist, wenn mehrere Kinder aus demselben Becher trinken, liegt darin auch eine große Gefahr für die Gesundheit der betreffenden Kinder. Es ist nämlich erwiesen, daß ein Kind, noch bevor es selbst akut erkrankt ist oder auch nachdem es eine akute Krankheit überstanden, die Quelle der-Ansteckung von oft gefährlichen Krankheiten (Diphtherie, Scharlach, Influenza, Masern usw.) abgeben kann, welche gerade beim gleichzeitigen Trinken aus demselben Becher sehr leicht übertragen werden können. Ich will auch nicht unerwähnt lassen, daß gleichfalls auf diesem Wege die Ilebertragung tuberkulöser Lungenerkrankungen von einem Kinde auf das andere sehr leicht möglich ist. Kann also vom medizinischen Standpunkte vor der erwähnten Sitte nicht genug gewarnt werden, so verbietet ja auch das Religionsgesetz, einen Brauch zu üben, der nach dem Stande der Wissenschaft als gefahrvoll erkannt ist. Eine Abschaffung dieser Sitte wird um so leichter sein, als dem Religionsgesetze völlig Genüge getan ist. wenn nur ein einziges Kind aus dem Becher trinkt (Orach Chaim). Vom religiösen und medizinischen Gesichtspunkte kann auch kein Einwand erhoben werden, wenn der Wein nach dem Cegensspruche in verschiedene Becher verteilt wird, aus denen dann die Kinder — und zwar aus jedem Becher ein einziges Kind — trinken. In jedem Falle muß aber verlangt werden, daß die Reste des Weines, wie es oft üblich ist, nicht mehr in die Flasche zurückgegossen werden und" daß die Becher sowohl vor wie nach dem Gebrauche gut gesäubert werden. vr. meä. P. Münz, Bad Kissingen — Nürnberg. v at die Erklärung des Herrn Dr. Marcuse-Sulzbürg „Holekreisch" gleich ilSin auf den ersten Blick etwas Bestechendes an sich, so wird man derselben doch nicht ohne weiteres beipflichten können. Ganz äußerlicher Art sei die Bemerkung, daß man irgendwo in abgekürzt findet; dafür hat man stets nur die Abbreviatur tP"p, so daß der Buchstabe r keine Existenzberechtigung in dem betreffenden Worte hätte. Sachlich wird das ganze Zeremoniell bei der Holekreisch in das Zimmer der Wöchnerin verlegt, was ja in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Vielmehr findet dieser Akt nach dem ersten Ausgange der Wöchnerin statt, das Bettchen oder die Wiege des Kindes wird von den herbeigeeilten Kindern in die Höhe gehoben, wobei sie einander zurufen: „baut 1a ergehe“ d. h. „hoch die Wiege", und dieser französische Aufruf ist im Volksmunde zu Holekreisch oder auch Holekrasch geworden. Rabbiner Tr. Levy-Brumath i. Elsaß. Sruckkehlerbrrichtigung. S. 58 Sp. 2 Z. 3 von unten nach „Erzähler" ist „war" einzufügen. S. 59 Sp. 2 Z. 5 von unten, S. 60 Sp. 1 Z. 1 von oben „Mautner" statt „Mauthner" zu lesen. S. 60 Sp. 1 Z. 13 letztes Wort muß „vor" statt „von" heißen. S. 60 Sp. 1 Z. 38 „ein Kerzen" statt „mit". S. 60 Sp. 2 Z. 7 nach „Arbeitszimmer" einzufügen „das Schlafzimmer". S. 72 Sp. 1 Z. 12 statt „Seelenzustand" ist-„Seelenadel" zu lesen. Druck und Vertag vou Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.