Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228915--66258-3278385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I; m Mein August*) macht mir große Freude, er ist jetzt vollkommen gesund und versucht zu plaudern, ich sehe ihn oft in dem Gedanken an, wie Du ihm Mutter sein wirst und küsse ihn auch für Dich, er wird es durch Dich nie fühlen, daß seine leibliche Mutter so früh diese Erde verlassen hat. Du übernimmst das heiligste erhabenste Amt. Du kannst Dir denken, gute Nina, wie glücklich michs Macht, daß Deine Eltern so freudig mich aufnahmen und doch offen gestanden, überraschte auch das mich nicht, alles gewann alsbald einen so notwendigen Akkord, das gar kein anderer Ton möglich ward. Ist das nicht herrlich und eine wahre Offenbarung des göttlichen Gesetzes? Liebe Nina, Du selbst, auch hinweg über schwere Kämpfe, Du kannst kaum ermessen, wie Herrliches, Gnadenreiches mir durch Dich wird. Ich weiß nicht, wie ich den Brief schließen soll, ich möchte immerfort so mit Dir reden. Es ist mir lieb, daß ich Eure Wohnung kenne und so mir denken kann, wo Du bist. Lebe wohl! Ich hauche Dir den innigsten Herzensgruß in Dein Herz, in dem wills Gott aus immer leben soll der Name Berthold. Am 26. d. M. ist mein Geburtstag, ich bin 1812 geboren. Ihr könnt da in Eurem Familienkreise meiner gedenken. Ich werde im Geiste bei Euch allen sein. (Fortsetzung folgt.) ggUUjgggg' s". mehr, da ich die Gesellschaft und die Lehrweise der Anstalt nicht mehr zu ertragen vermochte. Im zwölften Lebensjahre verließ ich das Heimatstädtchen und ging in die Welt, mußte aber, da ich an keinem Orte, wohin ich mich auch begab, eine Möglichkeit fand, mich dürchzubringen, immer wieder zum Wohnort meiner Mutter zurückkehren. Trotz aller Vorwürfe, die fie wegen meines Entweichens und meiner unstäten Lebensweise von ihren Bekannten empfing, und trotz des Schmerzes, mich zu entbehren, empfing sie mich stets von neuem mit wahrhast mütterlicher Liebe. Während dieser ganzen Zeit habe ich weder eine Schule besucht, noch privaten Unterricht empfangen, sondern war eifrigst bemüht, durch Lektüre mich selbst heranzubilden und mir ohne Führer Kenntnisse im Jüdischen und Deutschen zu verschaffen. In den letzten fünf Jahren, lebte ich in Deutschland und zwar in Kassel und Frankfurt a. M., seit einigen Wochen in Berlin. Seit meiner frühesten Jugend machte ich dichterische Versuche, unzählige Verse habe ich verbrannt. Von meinen Poesien ist das oben erwähnte Büchlein erschienen; viele jüdische und einzelne deutsche Zeitungen haben sonstige Proben meiner Tätigkeit veröffentlicht." Dieser schlichten Schilderung will ich nur hinzusetzen, daß der junge Poet ein eifriges Bildungsstreben besitzt, aber keine Selbstüberschätzung. Er will nicht als Dichter leben, sondern möchte am liebsten ein kaufmännisches Gewerbe treiben, in dem er sich bisher schon manchmal freilich ohne Erfolg versucht hat. Die nachfolgenden Verse mögen für sich sprechen; ich will das Urteil des Lesers nicht kaptivieren, sie legen Zeugnis ab von einem ernsten Bemühen und haben mir durch ihr ehrliches Bekennen der inneren Stimmung Achtung eingeflößt und durch die traurige Resignation, die in ihnen herrscht. Rührung erregt. L. G: Mein Stüd. Sslsnwn Drmdiyer. ^^or einigen Wochen erschien ein junger Mann bei mir, der mir schon durch sein bescheidenes Wesen und durch seine jugendliche Schüchternheit einen sehr guten Eindruck machte. Er legte mir einige Proben seiner poetischen Versuche vor, auch ein Büchlein, das unter dem Titel: „Lebens-Klangen, Jargon-Gedichte" von Salamon Dembitzer LDruck und Verlag von Eckert & Jesnitzer, Kassel) erschienen ist. Die Gedichte, sowohl die handschriftlichen als die gedruckten, machten mir einen so günstigen Eindruck, daß ich den jungen Mann bat, mir einige Daten über sein Leben zu geben. Ich lasse diese nach seinen Mitteilungen hier folgen und bringe einige seiner Poesien zum Abdruck. . „Ich bin Ende des Monats Dezember 1888 in Krakau geboren. Mein Vater starb gleich nach meiner Geburt. Bis zu meinem vierten Lebensjahre lebten meine Mutter und ich beim Großvater, der Rabbiner in Krakau war. Dieser hieß Chajim Nathan Dembitzer und war ein geistreicher Schriftsteller, ein bedeutender jüdischer Historiker, der infolge seines Auftretens gegen die Chassidim ein unglückliches Leben geführt hat. Zu seinen intimen Freunden gehörten H. Graetz, David Kauffmann und manche andere. Mit seinem historischen Werke „Klilat jofi" erregte er großes Aufsehen, leider raffte ihn 1892 inmitten seines besten Schaffens der Tod fort. Das Andenken an diesen würdigen Mann wurde von meiner Mutter aufs treueste gepflegt. Als ich vier Jahr alt war, übersiedelte meine Mutter nach Lanzut und verheiratete sich dort auf den Rat guter Freunde mit Rubin Verständig, der mir Zeit seines Lebens ein treuer Berater war. der mich wahrhaft väterlich pflegte und in jeder Weise für mich sorgte. Ich betraure seinen vor wenigen Tagen eingetretenen Tod aufs tiefste und schmerzlichste. Ich besuchte in Lanzut das Cheder, denn meine Mutter träumte beständig, daß ich eiy großer Gelehrter werden solle, freilich war der Besuch dieser Schule ein ziemlich unregelmäßiger. Ich hielt es dort nur bis zu meinem elften Lebensjahre aus. Seitdem betrat ich, entgegen dem dringenden Wunsche meiner Mutter, das Cheder nicht *) Der Sohn aus Auerbachs erster Ehe (mit Auguste Schreiber). Mein Stübel is traurig im finster un mies. Mir leben schoin Johren asoi: Sei Winter, sei Summer, sei Frühling, sei Herbst, Do heert men dem eibigen „Oi"! Mein Stübel is schmutzig un kleinlech un naß, . Ohn Liebe, ohn Glück und ohn Freid — Zu kenn denn die Liebe dort herrschen, wo^s is Nor eibige Zores un Leid?! Bei Tog geht die Mamme hausieren arum, Un kummt erst aheim bei der Nacht; Mein Mamme is launisch — dos Leben, es Hot Sie launisch verdrüssig gemacht. Sie heibt bald zu schelten, zu schreien aus alls. Vergiftet sie meine poor Johr — Ich nehm dir nit übel, oi Mamme, ich weiß Wer schuldig in allem is nor... Die Kinder sei schlogen, sei schelten anand". Sei weinen die Oigen sich roit; In Stüb werd a Tuimnel, a Raasch, a Geschrei — Oi, oreme Kinder vun Noit! Mir will sich entloifen vun dannen aweg, Nor wo soll ich fohren, sogt wo?! — Un führt mich dos Schicksal arein in mein Grieb, Doch besser wet sein als wie do ... prbrit. Morgen, Obend. früh un spät, ’d) steh aus Arbeit, % kummt die Nacht, Geh ich zurück in Bett arein: . . Wos Hot mir der Tog gebracht?