Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228915--66257-3278384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zu sagen, und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin doch kein kaum flügge gewordener Bursche mehr, aber ich muß mich selbst oft über mich wundern, wie mich das Leben stets neu findet. Jeder Tag ist für mich eine neue Offenbarung. UndDu liebes gutes Kind gibst und bist mir eineneueOffenbarung des Daseins, wie ich hoffe und strebe, die mein ganzes Leben erfüllende. Ich verstehe Dich ganz und vollkommen, ich glaube das und Du wirst mich auch gewiß ganz verstehen. Es ist ein kristallener Grund, - auf den wir bauen, und der ist 1)ie Wahrhaftigkeit/ das sein und tun und reden, was wirklich aus uns kommt und eines dem andern hilfreich sein, sich zu vervollkommen, seine Fehler und Mängel zu verbessern, das ist der heilige feste Grund auf den wir ein ehrliches rechtschaffenes Leben für die ganze Dauer unseres Hierseins bauen wollen. Mache Dir ja kein Ideal aus mir. Ich habe der Fehler und Mängel gar viele, ich bin oft heftigen Temperamentes, . brauchst aber davor nicht erschrecken, dabei ist auch so ein Poet ein wunderlicher Stimmungsheiliger, doch wozu soll ich Dir jetzt alles so sagen? Du weißt und wirst täglich erfahren, ich habe den aufrichtigen Willen, Dir zur Freude zu leben, und wir werden uns schon gegenseitig fassen ' und richten lernen. Und gute ... Nina, auf eines bin ich fast * stolz, ich habe die Kraft und die unermüdliche Lust, das mir ungehörige Leben außer mir in jeder Minute mit aller Seligkeit des Seines zu erfüllen. Wenn Du mein bist — ich verstehe das „Wenn" kaum mehr — so mußt Du auch mein bester Kamerad sein, ich weiß nicht, wie ich Dir das erklären soll. Du mußt mit mir gehen und bei mir sein auf allen Gedankenwegen und ich halte Deine Hand und Du folgst mir gerne. Ach gute Nina! Ich glaubte nicht, daß dies Leben noch einmal in mir aufjauchzen könnte, mir ist's in diesem Augenblicke als tönten alle die verklungenen Klänge der überfprudelnden Freudigkeit, die ich gar nicht mehr kannte, jetzt wahrhaft und frisch und hell vor meiner Seele. Du hast ein Wunder an mir getan, ich weiß jetzt in diesem Momente kaum mehr, was ich bin und war. Ich habe eine Pause gemacht und möchte gern in ruhigem Geleise sortfahren. Du hast recht, das Schreiben ist ein böses Ding, die wahre wirkliche Erregung des Moments bekommt durch das Geschriebenwerden eine Ausdehnung und eine Seßhaftigkeit, die nicht entsprechend ist. Ich verstehe Dein Verfahren und billige es vollkommen, daß Du mir bis zum Wiedersehen nicht mehr schreiben willst. Freilich bin ich dadurch zu Monologen verdammt, aber es ist doch gut. Ich will es auch nicht mehr versuchen, mich in einem Briese zu schildern. es Hilst doch zu nichts, und bei allem Streben nach Wahrhaftigkeit greift man zu hoch oder zu tief. Kein Mensch ist wahrhaft gerecht gegen sich, entweder beurteilt er sich zu hart oder zu weich und nachsichtig. Wie ich Dir sagte, daß Du Dir aus mir kein Ideal machen sollst, so sage ich Dir auch offen, daß ich mir aus Dir auch keins bilde. Das eine weiß ich unerschütterlich, und das ist eine Grundlage unseres Verhältnisses: Du bist allem Edlen zugewendet und das Unedle, Herbe und Scharfe hat keine Stätte in Dir, im übrigen wirst Du auch Deine Mängel und Eigenheiten haben so gut wie ich und Du wirst mich bereit finden, sie zu tragen und zu berichtigen, wie ich Dich um Gleiches bitte. Wir sind Menschen und wollen zur besten Reinheit streben, und wir beide kennen das Leben genug, um durch Anhängsel den inneren Kern nicht zu verkennen. Ich erhielt Deinen Brief schon vorgestern und schreibe Dir erst heute. Es ist jetzt abends 7 Uhr, ich sitze still bei der Lampe, und mir ist's manchmal fast, als wärest . Du nebenan im anderen Zimmer. Ich wurde seit vorgestern vielfach beansprucht, daß ich erst jetzt zum Schreiben auf dem Papier komme. Das ist brav und ganz wie ichs von Dir erwartete, daß Du mir selbst offen Dein vergangenes Leben erzählst. Ich wußte etwas Allgemeines davon, aber ich fragte niemanden darüber, ich wollte es von Dir erfahren, und es überraschte mich nicht, sondern kam mir als ganz natürlich vor, daß Du freiwillig und unverhohlen mir davon sprichst. Du hast das Leben von anderer Seite als ich kennen gelernt und das hat Dich reifer gemacht als Du vielleicht sonst wärst. *) Dringend muß ich Dich bitten, die Tage unseres Getrenntseins harmlos und teilnahmsvoll für die unmittelbare Gegenwart und Umgebung zu verleben, gib Dir Mühe hierzu und es wird Dir gelingen. Du hast ja die Deinigen um Dich, mit denen Du über mich reden kannst, die andere Welt braucht nichts davon zu wissen. Noch eins, zage und gräme Dich nicht, wenn nicht immer alsbald wieder Brief von mir kommt. Wir müssen einstweilen unsere selige Hoffnung still in uns hegen. Dann kannst Du Dir auch kaum vorstellen, wie vielerlei öffentliche und private Verhältnisse an mir hängen und zerren, so daß ich nicht immer, wenn ich will, mit Worten zu Dir kommen kann. h Nina Landesmann war einige Zeit vor ihrer Verlobung mit Auerbach dicht daran gewesen, die Braut eines Bekannten ihres in Berlin ansässigen Bruders zu werden. Beginn und jähen Abschluß dieses Romans, den sie selbst als Uebereilung bezeichnet, berichtete sie Berthold. (S. meine Biographie des Dichters. S. 223.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.