Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228915--66256-3278383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

78 gebliebener Druckfehler. Es sollte Mincha heißen, nicht Mischna. Wenn man im übrigen meine Erzählungen in ihrer Glaubwürdigkeit anzweifelt, so bin ich machtlos. — Wer fremde Länder als Reisender schildert, färbt immer anders als der sieht, der im Lande selber wohnt. — Der Ton macht die Musik; das versteht sich durchaus von selbst. Gesetzt, ich schreibe eine provokatorische Schilderung vom Elend der Heimarbeit im Osten Berlins, glaubt man dann, der Beweis für Unwahrheit meiner Schilderung sei erbracht, wenn man eine Million Menschen als Zeugen vorführt, die allesamt neben diesem Elend herleben, ohne doch je es zu sehen? — Ich bereiste Galizien mit der Absicht, die physische und moralische Not der Juden kennen zu lernen. Wäre ich nach Lemberg gefahren, um Vorlesungen zu hören, oder nach Krakau, uni Museen zu besichtigen, so hätte ich allerdings weder etwas von Menschen bemerkt, die um ein Paar Kreuzer falsche Zeugenschaft stellen, noch von einem Vater, der seine minderjährige Tochter verkuppelt. Dergleichen gibt es überall! Für mich aber war im Interesse sozialer Hilfe von speziellem Wert, festzustellen, wie weit es das unter Juden gibt. Endlich sollte sich auch die Weisheit des alten Sprichwortes von selber verstehen: Ter Narr weiß besser Bescheid im eignen Hause als der Weise im fremden. Daß ich mich in Dingen des Rituals, der Lebenssitte/ der'hebräischen Sprache dilettantisch irre, das ist — ich sage es mit Bedauern — ein Defizit, welches ich heute mit wenigstens der Hälfte aller in Deutschland lebenden Juden -teile, die vom Hebräischen soviel wissen wie ich und vom jüdischen Ritual beträchtlich weniger. Ein Adelsvolk, in Abhängigkeit, Defensive und Niedrigkeit als Träger der höchsten ethischen Forderung — das ist die Tragödie des Judengolus. In diesem Notstand des Schlechtwerdens aber besaß der Jude eine originale Waffe, die das jüdische Genie zur höchsten Feinheit schliff. Eine Tendenz innererSelbstschau, eine Fähigkeit zur kritischen Selbstbetrachtung, ja zur lächelnden Ironie über sich selbst, die die eigentliche Stärke jüdischer Geistigkeit ist. Irgendwer hat gesagt, aus dem Judentum werde niemals ein naiver Heros, ein Cäsar oder Napoleon hervorgehen. — Die klassische Heroengeste sei beim Juden darum unmöglich, weil er in jedem Augenblick geneigt sei, die Skepsis starker Bewußtheit gegen das eigene Ich zu kehren und die leise Lächerlichkeit zu durchschauen, die überall wohnt, wo Menschenkinder hochpathetisch auf dem Kothurne stelzen. Dürfen wir als Juden eine Ueberlegenheit des Blutes uns zusprechen, dann scheint es mir die zu sein, daß unser Los Innerlichkeit und Selbstbescheidung uns gelehrt hat. Frohere, beglücktere Menschen, die auf eigener Scholle wachsen, mögen Selbstgerechtigkeit und - Selbstvergötterung lieben. Wir aber haben unter dieser naiven Selbstgerechtigkeit, die die eigene Spezies Mensch für Sinn der Erde hält, so furchtbar gelitten, daß wir davor gesichert sein sollten in die gleiche Art Selbstschmeichelei zu fallen. Wir sollten uns abgewöhnen, als Juden verletzt zusammenzuzucken, wenn irgendwer ein objektiv hartes, verdammendes Urteil über Jüdisches fällt und in falschem Solidaritätsgefühl zu glauben, daß unsere. Art verunglimpft werde, wenn irgendwo auf dem Erdenrund einem jüdischen Menschen Makel anhaftet^ Diese jüdische Reizbarkeit ist ein Stück sozialer Neurasthenie, eine Pathologik der Volksseele. Sie entspringt dem Zweifel und der Unsicherheit. Aber im selben Maße, als wir reif und sicher sind, legen wir alle pathetischen Sentimentalitäten ab und lernen, über uns selber die Wahrheit sagen und Wahrheit hören. Wir lernen auch den Ton des Schmerzes und tragischen Konfliktes verstehen, wenn ein Jude gegen Juden spricht. Wir zetern nicht sofort über Verrat und Abfall: Denn damit haben wir die stärksten und besten unseres Blutes stets von uns abgestoßen und an jener ungeheuerlichen Vergeudung und Versplitterung jüdischer Energien des Geistes gearbeitet, die den Juden zum Ferment aller Nationen werden ließ, statt zu würdevoller Größe in sich selbst. lörsutigsmsbrieke von Lerthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim, erthold Auerbach stand in der Mitte der Dreißig, als er in Breslau seine erste Frau, Auguste Schreiber, fand. Sein Lebensfreund Abraham Geiger traute das Paar, dessen „Zeuge" Gustav Freytag war. Der junge Hausstand wurde in Heidelberg aufgeschlagen. Im ersten Wochenbett starb Auguste, nach längerem, in die ersten Tage der achtnndvierziger Revolution fallenden Krankenlager. Im sechsten Abschnitt meiner 1907 bei Cotta veröffentlichten Biographie des Dichters (Berthold Auerbach, der Mann, sein Werk, sein Nachlaß): „Erste und zweite Ehe" wurde eingehend erzählt, wie der durch diesen jähen Verlust Tiefgetroffene zunächst mit seinem Söhnchen zum Schwiegervater Schreiber nach Breslau sich begab; dann aus düsteren Stimmungen sich durch einen Ausflug nach Wien aufzuraffen bemühte und dort die ersten Fäden zu seinem neuen Lebensbund mit Nina Landesmann spann. Die Bedeutung des Briefwechsels, in dem Auerbach der überraschend schnell gewonnenen zweiten Braut seine Stimmungen und Erlebnisse fast tagebuchartig schildert, habe ich in meiner Biographie (S. 224/225) zu charakterisieren gesucht. Die Beweggründe seiner neuen Ehe, die Absicht, seinem verwaisten Kinde eine Mutter zu geben, die dauernde Pietät für seine erste Frau, sein überfließendes Empfinden, seine den großen politischen Um- Wälzungen und dem unscheinbarsten Naturleben gleichzeitig gleicherweise offene Aufnahmefähigkeit, seine Herzenshöflichkeit, die dem unbekanntesten Bäuerlein und der Königin von Württemberg, die in Kissingen seine Bekanntschaft wünscht, mit derselben Wärme zugutekommt: Großes und Kleines, das seine Briefe an Jacob Auerbach zu einem dauernden Denkmal seiner einzigen Persönlichkeit macht, zeichnet mit derselben erfrischenden Naturgewalt diese (vorläufig nur in Proben mitgeteilten) Bräutigamsbriefe aus. Wenn früher oder später die von Auerbach testamentarisch gewünschte, in seinem Abschiedsbries an Spielhagen als selbstverständlich vorausgesetzte Gesamtausgabe seiner »Opera omnia“ zustande kommen sollte — ein Monument, das Deutschland dem Gedächtnis des Schöpfers der Schwarzwälder Dorfgeschichten schuldet — dann darf auch eine Sammlung seiner Hauptkorrespondenzen nicht fehlen als treuer Naturselbstdruck seiner Art. Nicht die letzte Stelle in einer solchen Ausgabe der Briefwechsel Berthold Auerbachs werden dann seine Bräutigamsbriefe einnehmen, die den Mann in seiner ganzen Treuherzigkeit, Gutmütigkeit und Vaterlandsliebe zeigen. Breslau, den 24. Februar 1849. Viel tausend Dank Du liebe gute Nina für Deinen getreuen herzoffenen Brief. Du hast mich damit wahrhaft im Tiefsten erquickt und daß dem so ist und daß ich Dirs sage, das ist eigentlich der beste, der einzige Dank. Unser Verhältnis ist ein so seltsames und doch wieder ein so naturnotwendiges, daß ich mit innerster Zuversicht weiß, Du hast ohne eigentliche Bedrückung, frei und wohlgemut an mich geschrieben. Ich weiß, was ich durch solche Anmutung von Dir erheischte und weiß, was Du damit erfüllest.*) Sieh da kannst Du schon eine Eigenheit meines Naturells entnehmen, ich empfange alles, das Gewöhnliche und Notwendige wie das Ungewöhnliche und Freientschloffene als ein Neues mir erst sich auftuend, und Du wirst mich oft über großes wie über tausend Kleinigkeiten und Einzelheiten je nachdem erfreut oder schmerzlich berührt finden, Du wirst jenes mit mir teilen und dieses geduldig tragen und. mildern. Ich habe dir so viel, so viel ■*) Das Trauerjahr nach dem Tode der ersten Frau war noch nicht um und die Verlobung sollte zunächst geheimgehalten bleiben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.