Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228915--66255-3278382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

77 Erziehung zeigen sich allerorten. Beliebtheit und Ansehen der Allianceschulen werden nicht zum wenigsten dadurch offensichtlich, daß namentlich die vornehmen und wohlhabenden Mohammedaner, die höchsten Beamten voran, ihre Kinder den Unterrichtsanstalten der Alliance anvertrauen. Erst jüngst hat sogar die türkische Regierung die Zulassung von sechs muselmanischen Zöglingen in die Ecole Normale Orientale, die Lehrerschule der Alliance in Auteuil bei Paris, beantragt, und das Zentralkomitee hat die Aufnahme bewilligt. Der Bericht konstatierte ferner zur allgemeinen Befriedigung, daß es der Alliance Israelite Universelle in Marokko gelungen ist, den Versuchen ein Ende zu machen, die früheren landesüblichen Bedrückungen der jüdischen Bevölkerung wieder aufleben zu lassen. Sobald sich die Ordnung der inneren Verhältnisse in Marokko gefestigt haben wird, soll auch die Einführung des deutschen Unterrichts in den marokkanischen Allianceschulen erfolgen. Die besondere Tätigkeit der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft gehörte unverändert auch im abgelaufenen Jahr der Fürsorge für die durchwandernden russischen Israeliten, sowie für diejenigen unter ihnen, die von der Behörde ausgewiesen werden und demgemäß anderwärts eine Zuflucht suchen müssen. Daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance an allen jüdischen Hilfswerken in Deutschland hervorragend iiiitgewirkt hat, ist selbstverständlich. — Die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Alliance wird Anfang Mai vom Zentralkomitee festlich begangen werden. Das Programm, das die Beteiligung aller Länder, in denen die Alliance vertreten ist, vorsieht, wird rechtzeitig veröffentlicht werden. — Am Schluß der Tagung gab Geheimrat Goldberger unter herzlichstem Bedauern der Versammlungsteilnehmer bekannt, daß er einen längst gefaßten Entschluß jetzt verwirkliche, indem er aus dem Zentralkomitee ausscheide und damit nach ungefähr fünfjähriger Amtierung das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft niederlege. Ans dringendes und wiederholtes Ersuchen der Versammlung erklärte sich Geheimrat Goldberger bereit, die Geschäfte bis längstens nach der Jubiläumsfeier weiterzuführen. Das Zentralkomitee wird inzwischen eine Anzahl deutscher Mitglieder kooptieren. Alsdann soll die Neukonstruierung des Vorstandes der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft erfolgen, in den Herr Justizrat Max Fuchs-Berlin als einer der beiden stellvertretenden Präsidenten in der Versammlung gewählt worden ist." Gsli?ikn. Zur Abwehr. Von Theodor Lessing-Hannover. ^n den Nr. 49 und 51 bis 53 der Allgem. Ztg. habe ich Reiseeindrücke erzählt, wie ich sie vor fünf Jahren empfangen habe, in dunkelsten Quartieren polnischen Judenlebens. Einige Zeitungen mit judengegnerischen Gefühlen druckten daraus Stellen ab, die ihnen für Wesensart und Leben der östlichen Juden belastend schienen: Die Tägliche Rundschau, die Post, die Staatsbürgerzeitung, das Deutsche Volksblatt und andere. Aber auch einige jüdische Zeitungen orthodoxer Richtung brachten Gegenartikel: Der Israelit und die Wahrheit. Endlich glaubte auch an dieser Stelle Herr Prof. Dr. S. Kalischer, meine subjektive und objektive Wahrhaftigkeit in Frage stellen zu sollen. Bevor ich auf diese verschiedenen Angriffe eingehe, sei mir erlaubt, einige der unliebenswürdigsten Sätze aus Nr. 4 der „Wahrheit" vom 21. Januar hier anzuführen: „Wenn man keine Meineidige sucht, findet man keine. Wenn man keine halbwüchsigen Mädchen sucht, findet man keine Angebote .. . Die Absicht liegt klar zutage. Es soll die Kerntruppe des Judentums, die galizischen Juden, in ihrem innersten Wesen getroffen werden, wenn man sie als eine Horde verkommener kulturloser Barbaren hinstellt. Was kümmert es Herrn Professor Geiger, ob die Schilderungen wahr sind; was schert es ihn, daß die schändliche Mache auf den ersten Blick zu erkennen ist." (Notabene: die betreffenden Aufsätze wurden noch von Dr. Gustav Karpeles ausgenommen; Herr Prof. Geiger fand sie nach Dr. Karpeles Tode als angenommen vor.) ... „Herr Lessing, der sich als Jude und Privatdozent bezeichnet und einer Professur dringend benötigt, haUs behauptet, also hepp, hepp! Galizische Juden, ihr seid das Aschenbrödel der Welt, euch darf jeder Servusbruder ungeniert begeifern.. . Aber die Zeiten sind vorüber ... Damit lockt man in Deutschland keine Professur vom Ministerium herunter." Ahnungslose arme Worte! sie kennen mich nicht, und ich bin nicht dagegen empfindlich; peinlich berührte mich nur ein Passus der „Täglichen Rundschau", der die Worte gebraucht: „Herr Dr. Lessing bezeichnet sich mit anerkennenswerter Offenheit als Jude." Welch ein Mensch wäre wohl der, dem das Wort „ich bin ein Jude" nicht aus sicherem Stolze flösse? Bon Notständen der Seele war die Rede. Bon Aberglauben, Inzucht und Schacher, vom physischen und moralischen Elend gebundener Menschen. An drei Orten habe ich das gesehen: im Ostviertel von London, im alten Amsterdamer Ghetto und in Galizien; aber in Galizien ergriff mich unseres Stammes Elend am tiefsten. Nicht um gebildete Oberschicht, um Juden großstädtischer Zivilisation handelte es sich — die sind im Osten genau wie überall in Westeuropa; Ich habe von Ghettoexistenzen gesprochen. Geschah es, um verächtlich zu machen? Es gibt genug deutsche Mannesseelen, die jedes harte Urteil gleich dem meinen aus dem Zusammenhang gerissen frohlockend weitertragen. Verstünden sie, was hinter solchen Urteilen steht, sie möchten erzittern. Schamrot möchten sie werden im Anblick der Erniedrigung eines mit endlosen Energien der Seele begabten altadligen Menschheitstyps. Wenn ich dartue, daß ein Körper Wunden hat, tat ich dann dar, daß er Schandmale aufweist? Statt daß Quäler und Verächter der jüdischen Volksseele sich selber prüfen und befragen, ob nicht etwa das Häßliche, was sie an uns zu sehen glauben, ihr eigen Werk sei — Werke ihres Mißtrauens, ihres Demütigen — ihres Unterdrückenwollens, Mensch gegen Mensch, statt daß sie unsere Narben als ihre Schuld gegen uns durchschauen, ziehen sie vor, auf Wunden, die uns geschlagen sind, öffentlich hinzuweisen als aus Beweise für Minderwertigkeit unserer Art. Das ist, die alte Schmach tausendmal erlitten. Was soll unsereins da tun? Größer sein als unser Los! Niemals Striemen und Narben leugnen! Sie belasten niemanden als Hände, die sie schlagen, oder die gern hindern möchten, in Sonne und Luft uns auszuheilen. Ich habe den Typ des Ghettojuden als moralisch depraviert hingestellt, aber habe zugleich auch gesagt, daß seine moralische Größe ihn bis heute trägt. Es gibt kaum ein zweites Volk, das im Kettenleben mancher östlichen Juden nicht ethisch zugrunde gegangen wäre. Die östlichen Juden aber bestanden die letzte Probe, die in rabbinischen Schriften heißt: Der Notstand des Schlechtwerdens. Dies wäre Wesentliches. Ganz unwesentlich aber ist, ob z. B. in dem kleinen Gebetraum einer frommen Sekte in Krakau, bei der ich vor fünf Jahren einen Freitagabend verbrachte, sich Teffilim befanden oder nicht (ich habe übrigens nicht, wie mir unterstellt wird, gesagt, daß Teffilim angelegt wurden am Sabbath; ich habe nur erwähnt, sie dort gesehen zu haben). Es hieß dabei von den Allerfrömmsten, daß sie in einem verfallenen Hause Mischna abhielten. Was das ist, fragt mich Herr Professor Kalischer. Ein leider stehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.