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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 unter allen Umständen vor der Front zu sichern. Die vielen Anzapfungen, die. in Bezug auf die Parteilichkeit unserer niederen Vorgesetzten gemacht werden, haben schon dazu geführt, daß bei den Truppen Führungslisten über die Wochenleistungen der Einjährigen angelegt sind. Sie geben manchmal ganz andere Urteile, als die jungen Herren für sich in Anspruch nehmen. Die Wahl zum Reserveosfizier liegt durchaus im freien Ermessen der Offizierkorps. Der Kaiser lehnt es ganz ab. und ich stimme ihm durchaus bei, in diese freie Bestimmung einzugreifen. Gerade die Linke sollte doch mit diesem geradezu demokratischen Grundzug im Heere einverstanden sein. Diese freie Wahl hat eine weitgehende Bedeutung, die Sie vielleicht nicht ganz schätzen. Ich kann in voller Uebereinstimmung mit meinem Vorgänger erklären, daß, wenn ein jüdischer Vizefeldwebel oder Wachtmeister von einem Osfizierkorps vorgeschlagen würde, der Kaiser ihn auch ohne weiteres befördern würde. Das ist kein Stoßseufzer. Auch die Anspielung auf den Grund des Scheidens meines Vorgängers war verfehlt. Wenn man sechs Jahre Kriegsminister gewesen ist, hat man wohl die Berechtigung, von diesem Posten abzutreten. (Heiterkeit.) Abg. Gothein (frs. Vgg.): Die heutige Antwort des Kriegsministers bedauere ich lebhaft; sie ist ein wesentlicher Rückschritt gegen die seines Vorgängers. (Sehr richtig! links.) Er hat es fertig gebracht. Entschuldigungsgründe und Gründe dafür vorzubringen, daß Juden nicht avancieren. Wird etwa durch die Läufe die achtunggebietende Erscheinung herbeigeführt? Damit also lassen wir uns nicht abspeisen. Der Kriegsminister hat den antisemitischen Tendenzen Vorschub geleistet. (Unruhe rechts! Sehr wahr! links.) Kriegsminister v. Heerin gen: Ich will mich nur ganz kurz verwahren, als ob meine Worte in irgendeiner Weise in antisemitischem Sinne aufgesaßt werden könnten; das hat mir ganz ferngelegen. Herr Gothein wird sich aus meinem Stenogramm davon überzeugen. Zweitens verwahre ich mich dagegen, irgend etwas anderes gesagt zu haben als mein Amtsvorgänger. (Der Kriegsminister verliest die Stelle aus der Rede des Kriegsmininisters v. Einem). Abg. Mugd an (Freis. Vp.): Alles, was der Kriegsminister sagt, wird durch die einzige Tatsache widerlegt, daß seit 1880 überhaupt kein einziger jüdischer Einjähriger Osfizier geworden ist. Da werden auch der Kriegsminister oder die Herren dort aus der letzten Seite nicht etwa behaupten wollen, daß in diesen 28 Jahren nicht ein einziger jüdischer Einjähriger gedient haben sollte, der nicht die Befähigung gehabt hätte. Vorgesetzter zu werden. Die Herren dort, die Korpsstudenten waren, haben eine Anzahl jüdischer Korpsbrüder aus diesem Jahre. Es ist also einfach nicht wahr, daß es eine Eigenschaft der Juden wäre, nicht Vorgesetzte sein zu können. Wie kann der Kriegsminister das behaupten in einer Zeit, wo die Juden in alle Verwaltungsstellen zugelassen sind? (Sehr wahr! links.) Glaubt der Kriegsminister wirklich, daß es mehr ist, Leutnant zu sein als Landgerichtsrat oder Amtsgerichtsrat? Darin liegt eine ungeheure Ueberhebnng des Offizierkorps. (Zustimmung links.) Und vergessen Sie doch nicht den Eid, den Se. Majestät der Kaiser aus die Verfassung geleistet hat. In der Verfassung steht, daß alle Deutschen vor dem Gesetze gleich sind. In dem Augenblicke, wo Sie die Juden widerrechtlich anders behandeln als die anderen, machen Sie das Wort, das Se. Majestät auf die Verfassung gesprochen hat, unwahr. Davor hüten Sie sich, oder wundern Sie sich nicht, wenn dann auch von anderer Seite die Verfassung nicht so beachtet wird, wie Sie es wünschen. (Lebhafte Zustimmung links.) Sie sind schuld daran, wenn in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung tatsächlich mehr und mehr der Glaube erweckt wird, daß sie Bürger zweiter Klasse sind. Auch Sie von der Rechten sind doch der Ueberzeugung, daß diese Bevölkerung für Handel und Industrie eine Notwendigkeit ist. Und wenn Sie vorhin lachten und Ihre antisemitische Vergangenheit bekundeten, so erinnere ich Sie daran, daß Sie jahrelang geführt worden sind von einem Manne, der jüdisches Blut in seinen Adern hatte, dem Grafen Limburg-Stirum. Also die Geschichten sollten Sie lieber weglassen. (Lebhafter Beifall.) Die Aussprache schließt damit. * . Wir erhalten folgende Mitteilung: Der „Verband derDeutschenJuden" hat am 23. Januar d.J. eine Sitzung seines Gesamtausschusses abgehalten, an der 40 Mitglieder aus allen Teilen des Reichs teilnahmen, unter ihnen zum erstenmal eine Dame, die Vertreterin des Jüdischen Frauenbundes. Aus der Tagesordnung sei folgendes hervorgehoben: In der Angelegenheit der Sonntagsruhe ist durch Eingaben des Verbandes und anderer jüdischer Körperschaften erreicht worden, daß in dem Entwurf eines Reichsgesetzes über diesen Gegenstand den am Sonnabend und an den jüdischen Feiertagen geschlossenen Geschäftsbetrieben eine Sonntagsarbeit in beschränktem Umfange ermöglicht wird. Es wurde die Einreichung einer erneuten Eingabe an das Reichsamt des Innern beschlossen, um die Berücksichtigung aller berechtigten Wünsche der strenggläubigen Glaubensgenossen in den Entwurf herbeizuführen. Eingehend wurde die vom Verbände einzunehmende Stellung gegenüber den Zurücksetzungen der Juden bei der Beförderung im Heere erörtert. Alljährlich ergibt sich aus einer Anzahl von Fällen der systematische Ausschluß der Juden von der Beförderung zu Neserveosfizieren in den dem Preußischen Kriegsministerium unterstellten Kontingenten. Die Angelegenheit ist im Reichstage zur Sprache gebracht und das vom Verbände gesammelte Material dem Kriegsminister überreicht worden. Es wurde beschlossen, eine Eingabe an den Kriegsminister zu richten, in der unter Hinweis aus das umfangreiche Material hervorgehoben wird, wie die tatsächliche Uebung in gleicher Weise mit der Verfassung wie mit den vorjährigen Erklärungen des Kriegsministers im Reichstage im Widerspruch steht, und um ein wirksames Eingreifen der verfassungsmäßig zuständigen obersten preußischen Militärbehörde ersucht wird. (Die Eingabe ist vor der zweiten Lesung des Militärctats im Reichstage dem Kriegsminister eingereicht worden). — Ferner wurde beschlossen, geeignete Maßnahmen zu treffen, um bei Gelegenheit des erwarteten neuen Reichsgesetzes über Erwerb und Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit auf eine Beseitigung der du.ch zuverlässiges Material belegte und bereits auf den Hauptversammlungen des Verbandes erörterten. Ausnahmebehandlung der Juden bei Naturalisationen und Ausweisungen durch gesetzliche Bestimmungen hinzuwirken. * Ueber die siebente Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Iraelite Universelle erhalten wir folgenden Bericht: Am Dienstag 8. Februar, hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Ira61ite Universelle, die aus den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees der Alliance besteht, ihre siebente Jahrestagung in Berlin im großen Sitzungssaal im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde gehalten. Aus allen Teilen Deutschlands waren die zur Teilnahme Berechtigten mit den Mitgliedern des Berliner Lokalkomitees erschienen oder hatten legitimierte Vertreter entsandt. Das Zentralkomitee hatte seinen Geschäftsführer delegiert. Den Vorsitz führte der Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Geheimer Kommerzienrat Goldberger, der den ausführlichen Rechenschafts. und Arbeitsbericht für 1909 erstatteteund den Arbeitsplan für 1910 darlegte. Nicht weniger als 27 neue Lokalkomitees sind 1909 geschaffen worden. Die Mitgliedschaft der Alliance in Deutschland hat sich seit der Reorganisation der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, das ist seit vier Jahren, um 46 Prozent, die Beitragsleistungen haben sich um 73 Prozent gesteigert. Wie im vergangenen Jahr, hat auch 1909 die Alliance Israelite Universelle in mehr als 140 Schulen etwa 45 000 Zöglinge unterrichtet, zum Teil gekleidet und gespeist. Die Alliance hat dafür im vorigen Jahr 1V2 Millionen Franken im ordentlichen Etat ausgegeben, sie hat etwas mehr für das laufende Jahr ausgeworfen. Für Schulneubauten sind außerdem 380000 Franken bewilligt, nämlich 80 000 Franken für Neubauten in Tripolis, 60000Franken in Liberias, 100000 Franken in Haskeuy-Konstantinopel, 60 000 Franken in Teheran, 50 000 Franken in Jspahan und 30 000 Franken in Senneh (Persien). Die landwirtschaftlichen uni die Hankwerkerschulen, sowie die Institute für Lehrlinge aller Art haben an Umfang gewonnen, die glücklichen Ergebnisse der

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