Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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75 die Erlösung durch den Tod finden zu können. Wir Juden haben eine andere Vorstellung von dem Gotte der Liebe. Weil wir an einen Gott der Liebe glauben, der alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen hat, darum glauben wir an einen Fortschritt, der sich unaufhaltsam in der Geschichte der Menschheit vollzieht, und darum glauben wir an den Sieg des Versöhnungsgedankens im Leben der Völker. Jedes Kulturvolk als der Träger einer Idee, steht im Dienste der ganzen Menschheit. Sein Ideal aus gestaltend, die ihm übertragene Mission erfüllend, bereichert und erweitert es den Besitz der'gesamten Menschheit, trägt es dazu bei, die Menschheit ihrer letzten Bestimmung entgegenzusühren. Es kommt der Tag, wo diese Erkenntnis zu siegreichem Durchbruch gelangen und der Bruderbund der ganzen Menschheit erstehen wird. Dann wird der Versöhnungsgedanke des Judentums, die wahre Versöhnungsidee, den Sieg errungen haben. Nicht der Messias erlöst die Menschheit, von der Sünde, sondern wenn die Menschheit durch eigene Kraft von. der Macht der Sünde sich befreit hat und zu wahrer sittlicher Vollendung herangereist ist, dann ist der Messias für sie gekommen. Ein Bild der Versöhnung nach: innen stellt unser Verband der Deutschen Juden dar, alle idealen Kräfte der deutschen Judenheit zusammenfaffend zum Heil des Ganzen. Er will dem Judentum in unserem Vaterlande zur freien Entfaltung feiner Kräfte verhelfen, damit es seine Aufgabe im Dienste des Völkerlebens erfüllen, an den die ganze Menschheit erlösenden und versöhnenden Kulturausgaben in seiner Weise sich beteiligen könne. - - Die Woche. Berlin, 15. Februar, as große allgemeine Ereignis, das auch unser Interesse lebhaft in Anspruch nimmt, ist die preußische Wahlrechtsvorlage. Unsere vorletzte Nummer hat in einem Leitartikel den Standpunkt dargelegt^ von dem wir diese hochwichtige Angelegenheit zu betrachten haben. Seitdem ist die Vorlage vor das preußische Abgeordnetenhaus gekommen und in mehrtägigen Debatten nach ihren Grundzügen besprochen worden. In ihrer Verwerfung sind die liberalen Parteien einig. An dieser Stelle ist es nicht nötig, die Vorlage selbst im einzelnen zu besprechen und über die Reden Bericht zu erstatten. Hier mag es genügen, auf den am 9. d. M. stattgehabten Parteitag der freisinnigen Volkspartei für Groß-Berlin hinzuweisen, die Rede des Abgeordneten Cassel und die von ihm vorgeschlagene Resolution zu analysieren. In einem eingehenden Referat über die Wohlrechtsvorlcige hob Abgeordnete Cassel die schwerwiegenden Mangel hervor, an denen die Wahlrechtsvorschläge der Regierung sowohl in bezug auf das materielle Wahlrecht, wie das Wahlverfahren leiden, betonte die Notwendigkeit einer neuen Wahlkreiseinteilung und beleuchtete die Motive der Vorlage, die gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen kaum ernsthaft gewürdigt werden können und zum Teil wie Hohn klingen. Abgeordneter Cassel erklärte außer den sonstigen notwendigen Verbesserungen des Wahlrechts die Einführung der geheimen Wahl für eine Forderung der Gerechtigkeit und zum Schutze einer freien und ungeschmälerten Ausübung des Wahlrechts unbedingt gebotene Notwendigkeit. Nach einer vom einmütigen Geiste des Protestes gegen denvorliegenden Gesetzentwurf getragenen Aussprache wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Der Berliner Parteitag der Freisinnigen Volkspartei erhebt schärfsten Protest gegen die dem preußischen Landtag unterbreitete Wahlrechtsvorlage. Die im Entwurf vorgesehene ungerechte Priviegierung einzelner Berufskreise, die Beibehaltung der Dreiklassenwähl, die Aufrechterhaltung der völlig veralteten Wahlkreiseinteilung und besonders die Verweigerung der geheimen Stimmabgabe sind so schwerwiegende Mängel, daß dagegen die Einführung der direkten Wahl nicht ins Gewicht fällt. Die Negierungsvorschläge bedeuten keine zeitgemäße Reform, sondern sind Flickwerk und Stückwerk mit dem offensichtlichen Zweck, unter dem Anschein von Verbesserungen das durch und durch ungerechte Wahlsystem zu erhalten und damit die Herrschaft des agrarischen Junkertums in Preußen auch ferner zu sichern." •» Endlich ist auch im Deutschen Reichstag die Zurücksetzung der Juden im Heere energisch zur Sprache gekommen. In der Sitzung vom 10. Februar bemerkte Abgeordneter Gothein am Schluffe einer längeren Rede: Eine andere wichtige Frage ist die Zurücksetzung unserer jüdischen Mitbürger. Es wird ihnen unmöglich gemacht, auch nur Reserveoffizier zu werden, weil die Verordnung des Kriegsministers v. Einem nicht befolgt wird. Herr v. Einem hat ausdrücklich in einer Verfügung erklärt, daß es unstatthaft sei, Einjährig- Freiwillige lediglich wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft von der Beförderung zum Reserveoffizier auszuschließen. Er hat selbst die Hoffnung ausgesprochen, daß diese Erklärung eine gewisse Wirkung haben würde, daß man nur auf die Tüchtigkeit der Leute sehen würde. Dieselben Grundsätze sollen auch bei der Wahl zum Reserveoffizier gelten. Herr v. Einem hat selbst erklärt, er nehme an, daß man ihm diese Worte nicht verübeln werde. Das klang wie ein Stoßseufzer. Vielleicht hängt die Sache auch mit seiner Verabschiedung zusammen. Der Erlaß ist durchaus nicht befolgt worden. Der Redner führte eine Reihe von Fällen an, wobei jüdische Einjährige absichtlich vom Offizierdienst ausgeschlossen wurden, obwohl sie sonst durchaus befähigt waren. Der Kriegsminister sollte einmal energisch eingreifen, denn er ist dafür verantwortlich. Es wäre kein Wunder, wenn die jüdischen Einjährigen bei der absoluten Unmöglichkeit zu avancieren, sich weniger um den Dienst kümmern werden. Das Gegenteil aber ist richtig. Sie sind mit allem Eifer beim Dienst und mühen sich immer wieder, vorwärts zu kommen. Die Verfassung gibt allen Mitbürgern gleiches Recht. Beim Heer tritt aber, wie einst Herr v. Gneist sagte, die Umkehrung der Verfassung durch die Verwaltung ein. Das ist so seit 1880. 1871' gab es noch 120 jüdische Reserveoffiziere im preußischen Heere, viele mit dem Eisernen Kreuz. Seitdem gibt es keinen einzigen mehr, obgleich seitdem 25 000 jüdische Einjährige gedient haben. Die Sache wird aber sofort anders, wenn sie sich taufen lassen. Dann sind sie auf einmal geeignet. 12* bis 15 000 solcher Getauften sind, dann tatsächlich zum Reserveoffizier befördert worden. Hat denn die Heeresverwaltung die Mission, dafür zu sorgen, daß die Juden eine andere Konfession bekommen? Wir verlangen Gleichberechtigung für alle. Eher kann das Wort nicht Geltung haben: Deutschland in der Welt voran. (Beifall links.) An diese Rede schloß sich folgende Debatte: Preußischer Kriegsminister v. Heeringen: Die allgemeinen Bestimmungen über die Behandlung von Mitbürgern jüdischer Konfession sind dieselben geblieben wie früher. Aus ihre Ausführung wird streng geachtet. Herr Gothein hätte mir, wie Dr. Müller, sein Material, vorlegen sollen, dann würde es gründlich untersucht werden. An einzelnen Stellen mag eine durchaus nicht gerechtfertigte Abneigung gegen jüdische Einjährige vorhanden sein. Aber das ist nicht alles. Zum Offizier gehören nicht nur Können, Wissen und Charakter, wir müssen auch verlangen, daß die ganze Persönlichkeit die vor die Front tritt, Achtung gebietend ist. (Sehr richtig! rechts.) Der Mann Muß Autorität haben. Es liegt mir fern, etwa grundsätzlich behaupten, zu wollen, daß das bei den jüdischen Mitbürgern nicht der Fall wäre. Wir dürfen aber nicht in Abrede stellen,, daß bei unseren niederen Volksschichten hier und dort eine^andere Auffassung besteht. Dieser müssen wir Rechnung tragen. Darum müssen wir die ganze Frage vorsichtig behandeln. Trotz allpr Leistungen die ich vollkommen anerkenne, müssen wir uns auch bei den jüdischen Einjährigen fragen, ob ihre Persönlichkeit geeignet ist, die Autorität