Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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Natur und Sittlichkeit eine unüberbrückbare Kluft setzte die die Materie als absoluten Gegensatz des Geistes auffaßt und, in dem Fleische den Ausgangspunkt der Sünde erblickend, als Postulat der Religion die Abtötung des Fleisches, die feindliche Abkehr vön der Welt, den Verzicht aus jeden Genuß des Lebens fordert. Was aber wird dadurch erreicht? Eine Ueberspannung der Moral, die, weit sie keine Rücksicht aus die menschliche Natur nimmt, auch auf die Ausbildung des moralischen Charakters keinen Einfluß gewinnt, die, weil, sie sich mit den tatsächlichen Bedingungen des Lebens in Widerspruch setzt, auch, keine,Einwirkung auf das Leben ausübt. Das Judentum hat, Natur und Sittlichkeit zu einer idealen Einheit zusammenfassend, sich von solchen Uebertreibungen allezeit serngehalten. Darum hat innerhalb des Judentums auch niemals zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen den Forderungen der Religion und deren Betätigung im Leben ein so tiefer und unversöhnlicher Widerspruch bestanden, wie wir ihn, nicht zur Ehre der Religion, in mancher Beziehung in anderen Bekenntnissen wahrnehmen können. Die Ethik des Judentums — das wird keiner, der die innere Geschichte unserer Gemeinschaft kennt, bestreiten — ist tiefer in das Volksleben eingedrungen, weil das Judentum sich nicht mit der Aufstellung bloßer Ideale begnügt, sondern es auch verstanden hat, diese Ideale der menschlichen Natur anzupassen, weil sie sich die Aufgabe gestellt hat, den Menschen vor allem zum Menschen zu erziehen. Stellt die Heiligkeit das sittliche Ideal dar, das wir als Menschen zu erfüllen haben, so kann sie von uns keine Vergewaltigung und Verleugnung unserer menschlichen Natur fordern. Zur menschlichen Natur aber gehört doch uun einmal auch die sinnliche Seite seines Wesens, die ihm ebenso gut wie seine geistige Kraft von Gott zur Erfüllung seiner menschlichen Bestimmung eingepflanzt ist. Eine wahrhaft ideale Gestaltung des menschlichen Lebens kann sich auch in sittlicher Beziehung nur im Einklang mit den Forderungen der menschlichen Natur vollziehen; sie ist davon bedingt, daß alle Anlagen und Fähigkeiten, die Gott dem Menschen verliehen hat, zu gleichmäßiger und harmonischer Entwicklung gelangen. Nicht aus dem Munde des Höchsten stammt, so sagt der Dichter der Klagelieder, was die Menschen gut oder böse nennen. Keine Anlage der menschlichen Natur ist an sich gut oder böse. Gut oder böse wird sie erst durch den Gebrauch, den der Mensch von ihr macht. Innerhalb der ihr gesteckten Grenze ist jede Anlage heilig und gut, hat die sinnliche Seite des menschlichen Wesens ebenso viel Berechtigung wie seine geistige Kraft. Auch eine Auflehnung gegen die sinnliche Natur des Menschen ist nach der Lehre des Judentums als Sünde zu betrachten. Vom Nasiräer heißt es, wie der Talmud sagt: „Man sühne für ihn, was er gesündigt hat gegen die Person,, (4. B. M. 6,13) Gegen welche Person hat er gesündigt? Gegen seine eigene Person, weil er gelobt hat, dem Genuß des Weines zu ent-. sagen. Ist aber der schon ein Sünder zu nennen, um wie viel mehr derjenige, der gelobt, aus alle erlaubten Genüsse des Lebens zu verzichten! Versöhnung der Sinnlichkeit mit der Sittlichkeit, harmonische Ausgleichung des Fleisches mit dem Geiste, das ist die Aufgabe, die dem Menschen gestellt ist und die ihn zur Heiligkeit führt. „Die Thora," sagt Philo, „beginnt mit dem Bericht über die Weltschöpfung, um gleichsam anzudeuten, daß sowohl die Welt mit der Thora als die Thora mit der Welt durchaus im Einklang steht, und daß der gesetzestreue Mann ein Weltbürger ist, da er seine Handlungsweise nach dem Willen der Natur regelt, von dem auch die ganze Schöpfung regiert wird." Darum will, wie Jehuda Halevi sagt, das Judentum von seinen Bekennern xeine Augenverdrehung, keine Selbstkasteiung, keine mönchische Weltflucht; jeder Kraft des Körpers und der Seeke'soll das ihr gebührende Maß zukommen; die gleichmäßige Ausbildung aller Kräfte, die Harmonie des ganzen Menschen ist der Lehre Ziel. Auch in der Freude kann Gottesdienst liegen, wenn wir uns als Gäste Gottes fühlen, die er an seinen Tisch geladen, dankbar sind für jede Gabe, die uns seine Liebe dargeboten hat. Die Sinnlichkeit ist nun einmal eine Macht im Menschen, die sich nicht unterdrücken läßt. In ihren berechtigten Forderungen vergewaltigt, wird sie nur um so herrischer sich geltend machen. Darum müssen wir sie zu heiligen suchen durch die Anknüpfung des irdischen Lebens an das göttliche; indem wir der Sinnlichkeit die Richtung auf die heiligen Zwecke geben, müssen wir sie selber in den Dienst der sittlichen Aufgaben des Lebens stellen. Die Wiederherstellung des Friedens mit sich selbst, der Harmonie und Einheit in seinem Seelenleben führt den Menschen zum Frieden mit seinem Gott. Die Versöhnung des Menschen mit sich selbst ist die Vorbedingung seiner Versöhnung mit Gott. So vollzieht sich nach der Lehre des Judentums das Werk der Versöhnung unter dem Beistände der göttlichen Gnade in der Brust des Menschen selbst. Der Mensch steht in einem unmittelbaren Verhältnis zu Gott; er trennt sich von Gott durch seine sittliche Schuld, und er nähert sich ihm wieder durch seine eigene sittliche Tat. Jeder Mensch kann und muß sein eigener Erlöser fein. Es gehört zu den vielen Willkürlichkeiten, an denen Harnacks „Wesen des Christentums" leidet, und die bei diesem so großen und sonst so weitblickenden Kirchenhistoriker um so befremdlicher sind, wenn er behauptet, daß die unmittelbare Verbindung mit Gott, Wieste in der Erscheinung Jesu gegeben sei, ein über das Judentum hinauswcisendes Element, ein neues Erlebnis gewesen sei, durch welches der alte Kultus mit seinen Priestern und. Vermittlungen unnötig geworden sei. Das gerade Gegenteil trifft zu! Nicht aus dem Judentum, sondern aus dem. Christentum ist der Gedanke eines Mittlers zwischen Gott und, dem Menschen hervorgegangen. Wir bedürfen keines Mittlers, keines Irdischen und keines überirdischen, um zu einer Versöhnung mit Gott zu gelangen. Auch der Priester der alten Zeit galt als kein solcher Mittler. Man muß eben, wie. wiederum Hermann Cohen bemerkt, zwischen Sühne und Versöhnung zu unterscheiden wissen. Die Sühne vollzieht der Priester, und der sündige Mensch tritt dabei immer mehr zurück. Die Versöhnung aber fordert beide Parteien. Der Anteil des Menschen an der Versöhnung ist die Buße, und. die mit der Liebe Gottes verbundene Gerechtigkeit Gottes voll-, zieht das Werk der Versöhnung. - Darum ist das Judentum niemals eine Priesterreligion im gewöhnlichen Sinne des Wortes geworden. Von ihm ist vielmehr der Gedanke des allgemeinen Priestertums ausgegangen, nach dem jeder Mensch sein eigener Priester sein soll, das Werk des Priesters an sich, selbst vollziehen muß. Das Judentum macht deshalb auch, wie Jehuda Halevi sagt, das ewige Heil, die Seligkeit des Menschen, nicht abhängig von dem Aussprechen gewisser? Worte, von dem Ablegen eines gewissen Bekenntnisses, ohne das auch der Frömmste und Tugendhasteste der ewigen Verdammnis anheim gefallen wäre. Weil das Judentum in unbeugsamer Halsstarrigkeit, fvie sie es nannten, an seinem Glauben sesthielt und sich durch keine Macht der Welt dazu bewegen ließ, sich zu einem anderen Erlöser, als zu dem erlösenden Gotte seiner Väter zu bekennen, darum soll es nach der Lehre der Kirche dazu verurteilt sein, mit dem Kainszeichen ewiger Verworfenheit gebrandmarkt, als ein warnendes Beispiel göttlicher Strafgerechtigkeit unstät und ruhelos unter den Völkern einherzuwandeln und nicht einmal