Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 7 Berlin, 1$. Februar 1910 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den. Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps««. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger. Verlags » Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße Hk/qA, zu richten. Verlag von Rndolf Masse, Berlin. Die Idee der Versöhnung im Judentum. Von Rabbiner Dr. Guttmann. — Die Woche. — Galizien. Zur Abwehr. Vou Theodor Lessing-Hannover. — Bröutigamsbriefe von Berthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim.—Feuilleton: Salomon Dembitzer. — Literarische Rundschau. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemein-ebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen,' Dentsch-Krone, Breslau, Chemnitz', Magdeburg, Göttingcn, Augsburg, Straßburg, Krakau, Paris. — Von Näh und Fern. Die Idee der Verlöhnung im Judentum. Von Rabbiner Dr. Guttmann. II. - - as Judentum kennt keine Gebundenheit des Willens, wie sie sich aus der Lehre von der Erbsünde mit unentrinnbarer Konsequenz ergibt. Die Antinomie zwischen der menschlichen Willensfreiheit und dem göttlichen Vorherwissen ist allerdings nicht zu lösen, so wenig wie auf philosophischem Gebiete die Antinomie zwischen der Willensfreiheit des Menschen und dem Kausalgesetz. Wir müssen uns hier mit Maimonides bei dem Gedanken beruhigen, daß wir uns von dem Wissen Gottes, das mit dem des Menschen nur die Gleichheit des Namens gemein hat, keine Vorstellung machen können. Das Bewußtsein unserer Freiheit aber ist eine Tatsache, die sich nicht bestreiten läßt, und es ist zugleich die unbedingte Voraussetzung für alles sittliche Handeln des Menschen. Wir glauben an keine Erbsünde als eine Fortpflanzung des Bösen in der Menschheit, und wir glauben an keine Prädestination, welche alle sittliche Selbstbestimmung des Menschen aushebt, und das Gute nicht als sittliche Tat des Menschen, sondern nur alT eine Gnadenwirkung Gottes gelten läßt. Wir sind frei und können uns aus eigener Kraft zu sittlicher Vollkommenheit hindurchdringen, weil wir ein Gleichnis Gottes und in seiner» Ebenbilde erschaffen sind. Auch wenn wir gesündigt haben, haben wir dadurch unsere sittliche Freiheit noch nicht eingebüßt, sind wir noch immer imstande, uns der Macht der Sünde zu entwinden und das Ebenbild Gottes in uns wieder aufzurichten. Der Versöhnungsgedanke des Judentums ist der Glaube an die Macht der Liebe, der in dem Einheitsgedanken des Judentums wurzelt, in dem Gedanken des unveränderlich fortbestehenden harmonischen Einklanges Gottes und der Welt; er ist der Glaube an den Sieg des Guten in det Menschenbrust, der sich aus den Glauben an die Güte Gottes gründet. Gott ist unser Vater, und wir sind seine Kinder, die er nicht verwirft, auch wenn sie vom rechten Wege abgeirrt sind. „Kehrt zurück, abtrünnige Kinder!" (Jerem. 3,22). Dieses Prophetenwort wird von der Tradition gedeutet: ihr seid und bleibt Gottes Kinder, auch wenn ihr voller Sünde wäret. Der Versöhnungsgedanke des Judentums, in dem Glauben an die sittliche Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes begründet, vollzieht sich in uns durch die Erneuerung des sittlichen Ideals, das dieser menschlichen Bestimmung entspricht. „Heilig sollt ihr sein, wie Ich, der Ewige, euer Gott, heilig bin!" (3 L. M. 19,2). Wie weit tendenziöse Schriftauslegung sich verirren kann, das beweist Pfleiderer, wenn er von diesem Satze bemerkt: „Damit wurde die Erhabenheit Jahves über das unreine Weltwesen zum Muster und Vorbilde gemacht für die levitische Heiligkeit, das heißt die Absonderung Israels vom heidnischen Leben seiner Nachbarn". Es ist nicht schwer, das Judentum als eine bloße Gesetzesreligion darzuftellen, wenn man keine.Scheu trägt, die höchsten Offenbarungen des religiösen Geistes in solcher Weise zu entstellen, indem man sie von ihrer idealen Höhe in die Sphäre des formell Gesetzlichen hinabzieht. Wie der Begriff der Heiligkeit das sittliche Ideal des Judentums darstellt, so bezeichnet die Selbstheiligung die sittliche Aufgabe, die dem Menschen gestellt ist, und durch deren Erfüllung er sich dem sittlichen Ideale allmählich annähern soll. Heilig sein, das ist Gott allein Vorbehalten, weil er der Quell und Ursprung alles Guten ist, weil in ihm die absolute Idee des Guten zugleich die absolute Macht und Wirklichkeit des Guten ist, weil in der unendlichen Erhabenheit seines Wesens alle Widersprüche und Gegensätze, die im Bereiche der Endlichkeit uns entgegentreten, ausgeglichen und aufgehoben sind. Der Mensch dagegen als ein endliches und beschränktes Wesen kann nicht heilig sein, sondern nur heilig werden. Weil Gott heilig ist, darum soll der Mensch danach trachten, heilig zu werden, damit das Ebenbild Gottes in ihm zu immer höherer Entfaltung, zu immer vollkommenerer Verwirklichung gelange. Mit jedem Schritt, den der Mensch der Erfüllung dieser Aufgabe entgegentut, erneuert und erhöht sich für ihn diese Ausgabe; mit jeder Stufe der Selbstheiligung, die der Mensch erreicht, steigert sich die Forderung an die Kraft des Menschen und das Maß seiner Verantwortung. Immer Höheres soll der Mensch ergreifen, immer weiter im Umkreise und immer wirksamer in ihrer Betätigung soll die sittliche Kraft des Menschen sich bewähren, um sich fortschreitend dem Ziel der Heiligkeit zu nähern. Worin aber besteht nach der Lehre des Judentums die Heiligkeit? Müssen wir, um uns diesem Ideal zu nähern, jede Regung unseres Sinneslebens gewaltsam unterdrücken? Muß der Mensch, um seine sittliche Aufgabe nicht zu verfehlen, alle irdischen Neigungen und Triebe seines Herzens Niederkämpfen, jeder Berührung mit der Außenwelt, als die Reinheit seiner Seele gefährdend, soweit wie möglich aus dem Wege gehen? Das ist die aus Paulus zurückgehende Lehre, die im Widerspruch mit dem Einheitsgedanken des Judentums zwischen