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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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71 liegt in Weißensee unter seinem schlichten Stein mit der Inschrift, die er, freilich nicht für sein Epitaph, gedichtet hat: n „Wär' dein auch alle Erdenpracht Und aller Weisheit Blüte, Das, was dich erst zum Menschen macht. Ist doch allein die Güte." Frankl, mit seiner Frau vereint, auf dem Wieuer Zentralfricdhof. Sein Denkmal schmückt das Wappen, das ein Sinnbild seines ganzen Lebens ist, darunter stehen die schönen Ber.se von Ferdinand Saar: „Ein Dichter war es. der hier schied, Wie Harfenton erklang sein Lied, Ten Werken edler Menschlichkeit War seines Daseins Kraft geweiht, So lebt mit feines Namens Ruf, Was er in Geist und Herzen schuf." ilt vier. Von Ott omar Kein dl-Prag. ^->ür jüdische Dinge habe ich immer ein lebhaftes Interesse gehabt, ein so lebhaftes, daß ich vor 40 Jahren Hebräisch lernte, allerdings nicht lang, also auch nicht viel. Aber viel jüdische Philosophie habe ich gelernt, nicht von dem Sprachlehrer, sondern von einem alten, sehr alten Hausierjuden, der in den fünfziger Jahren manchmal zu uns kam, nicht eigentlich als „Handerle" (so nannte und nennt man heute noch in Prag die Hausjuden). Der Mann war alt, sehr alt; erbettelte nie, nahm aber eine freiwillige Gabe dankbar entgegen. Sein Wesen war im allgemeinen mehr schalkhaft als devot, seine Rede mitunter von tiefstem Ernst. Etwas eigenliebig klangen die von ihm gar oft wiederholten Worte: „Ich werde Ihnen was sagen." — Wie er hieß, wußte bei uns niemand; die! Dienstleute in der ganzen Nachbarschaft sagten nur: „Zweimalj zwei-ist-vier war da oder ist da". Auf welche Weise dieser! einen ganzen Satz bildende Spitzname entstand, habe ich nicht j herausfinden können. Mich, den kleinen „Gom", hatte er j liebgewonnen, so wie ich ihn. Zu unserem väterlichen Hause gehörte auch ein kleines Gärtchen, eigentlich ein Hof, in dem einige Bäume und Sträucher grünten. Dorthin brachte .Zweimal-zwei-ist-vier" ab und zu alte Bücher mit, aus >enen er uns Kindern und unserer Mutter, die mit dem Strickuäuel unter dem linken Arm dabei saß, einiges vorlas. Wir linder interessierten uns selbstverständlich nur für die „Erählungen", und erst viele Jahre später erkannte ich, daß die Kutter allein das richtige Verständnis für die Worte des üdischen Mannes hatte, der seine Lebensaufgabe von einem höheren ethischen Standpunkt aufgefaßt hat. Einige der uns oorgelesenen Sachen hatten der Mutter so sehr gefallen, daß ne sich das Buch zum Abschreiben ausbat; später besorgte der Vorleser die Abschriften selbst. Von den vergilbten Blättern sind nur noch wenige in meinem Besitz. Der Inhalt des einen davon wird nun hier wiedergegeben wie folgt. Auf dem Dschebel Musa (Mosesberg, Sinai) stand Moses, neben ihm der Engel Jturiel. Aus dem Felsen floß ein Heller Duell ins Tal hinab. Ein stattlicher Reiter kam herangesprengt und hielt am Quell. Er trocknete sich den Schweiß ^’om Gesicht und trank. Dabei verlor er seinen Gürtel, von Gold und Seide reich durchwirkt; er merkte es aber nicht und ritt davon. Zweimal?wei Bald darauf kam ein Knabe, trank auch und sah den schönen Gürtel; er hob ihn auf und ging damit von dannen. Nun kam ein Greis an seinem Stabe krumm und langsam dahergeschritten. Im Auge und Gesicht sah man die Not gelagert. Auch er löschte sich mit dem Wasser der Quelle den brennenden Durst. Da sprengt in Eil zurück der Reiter, sieht ihn und spricht: „Räuber, gib mir mein Geld!" Der Greis erschrickt und wendet rasch sich um: „Ach Herr! ich habe es nicht. Erst diesen Augenblick kam ich hierher und habe' nichts gesehen, nichts gefunden. Sollte ich lügen, lügen, ich alter Mann, so nahe dem Grabe!" Da ruft der Reiter im wilden Grimm: „Stirb, alter Schurke!" zückt sein Schwert und bohrt es dem Greis unbarmherzig in die Brust. Als Moses diesen Vorgang sah, verhüllte er sein Angesicht, und weinte und schluchzte laut. „Was weinst du?" sprach Jturiel. „Verzeih' dem Mann der Erde seine Träne! Ist das die Vorsehung, von der du mir so viel gesagt hast? Wie? Pflegt rnan solche Gerechtigkeit dort oben?" Und Jturiel sprach: „Du redest wie ein kurzsichtiger Mensch, der stets mit der Vorsehung rechten will! Lerne bescheidener richten! Denn siehe, dieser Greis, den hier das Schwert des Reiters traf, hat einst an eben diesem Quell den Vater des Knaben erschlagen, der den Gürtel fand." Dazu bemerkte Zweimal-zwei-ist-vier folgendes. „Ich werde Ihnen was sagen: Wir Menschen können ja liicht alles überschauen, darum bleiben uns die Ratschlüsse des Herrn immer dunkel und nnerklürbar. Hier ist nur Dämmerung, hier im Lande der Gräber; dort lvird der Tag anbrechen, dort, wo alles unsterblich ist." Literarische Rundschau. E. v. Handel» Mazzetti, die arme Margaret. Ein Volksroman aus dem alten Steyr. Kempten und München, 1910, Josef Hösel. Ich habe in dieser Zeitung (1909 Nr. 20) der Autorin Meisterwerk „Jesse und Maria" besprochen. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch gesagt, weshalb ich aus eine Dichtung dieser Art, die keine offenbaren Beziehungen zum Judentum hat, Hinweise. Auch über das neueste Werk der Handel-Mazzetti möchte ich hier einige Worte sagen. Es ist wiederuni eine Schöpfung religiöser Kunst im besten Sinne des Wortes. Wiederum ein Bild aus der Zeit wilden weltlichen Ringens der Konfessionen um die Vormacht in der Heimat der Dichterin. „Jesse und Maria" ist vielleicht reicher, in der Kleinmalerei anziehender, in den Konflikten packender — hier sind die Kontraste der Hauptpersonen gesteigert, das Tempo der Handlung ist stürmischer und fortreißender, die Komposition weitaus geschloffener, die Sprache woniöglich noch wurzelechter, so daß ich „Die arme Margaret" als Kunstwerk in keiner Hinsicht, „Jesse und Maria" nachstellen möchte. Die Dichterin steht als Mensch fest in ihrem katholischen Glauben, aber als Künstlerin wächst sie völlig aus der Enge der Konfession heraus. Sie steht auf höchster Warte. Sie mißt ihre Personen nicht nach dem Glauben, sondern aus einer großen abgeklärten Menschlichkeit. Eine bildnerische Kraft allerersten Ranges und ein in dieser Größe ganz seltenes Einfühlen in die Seele anders gearteter Menschen läßt sie Gestalten schaffen von lebensprühender und ergreifender Wahrhaftigkeit. Wie sie die arme Margaret, die Witwe eines Hingerichteten protestantischen Aufrührers, zu einer Art Heiligen sich entwickeln läßt, das ist mit einer erlesenen Kunst gegeben, die nur die höchsten Maßstäbe zuläßt. Es wird in der

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