Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Gedichts aufgefordert hatte. Nachdem der Dolmetsch es übersetzt hatte, schenkte der Emir ihm sein Tintenzeug, aus dem Frankl geschrieben hatte — der Araber trägt ein solches stets bei sich im Gürtel — mit den Worten: „Du, der Du mich besungen hast und Dich begeistern kannst ohne Wein, nimm dies, woraus Du Deine Gedanken geschöpft hast." Auch diese Reliquie ist noch im Besitze des Dr. Bruno v. Frankl. Mein Mann gab einmal ein Paar „Geistergeschichten" aus seinem Leben zum Vesten, die große Wirkung taten, und auch die anderen trugen dazu bei. diese Abende anregend und interessant zu machen. Frankl verdankte übrigens mit die schönsten seiner Gedichte seiner Fahrt ins gelobte Land. Das nachstehende Pflegte inein Mann mit besonderer Vorliebe zu zitieren: „Zwischen Meer und sand'gen Dünen Ich und mein Genoß' Reiten auf dem flüchtig kühnen Beduinenroß. Da und dort aus einem Hügel Ragen Palmen schön, Weh'n als grün und gold'ne Flügel Zu des Himmels Höh'n. Und Geschichten und Legenden, Längst schon tot geglaubt, Funkeln blitzend mir und blenden Kronenhaft das Haupt. Unter meines Rosses Füße Gießt das stolze Meer Silberteppiche als Grüße Huld'gend vor mir her. Und so zieh' ich, eh' ich sterbe, Wie ein Prinz mit Glanz, Als ein nachgeborner Erbe Dieses Wunderlands." Das Franklsche Haus selbst war durch Jahrzehnte ein Mittelpunkt für Künstler und Literaten und gleichzeitig einer für die aufstrebende Jugend. Diese versammelte sich wohl Sonntag nachmittags im Sitzuugssaale der Gemeinde, der an Frankls Wohnung stieß. Alois Brandt, der jetzige Anglist an der Berliner Universität, brachte die Frische seiner Tiroler Heimatsberge mit, Björn Björusou war, trotz aller lustigen Wiener, der amüsanteste aller Jünglinge, der junge Graf Auersperg, der einzige, so früh Heimgegangene Sohn Anastasius Grüns, saß da mit am langen Tisch und Rosa Welt, die einstige Schülerin meines Mannes, die er in seinen „Lateinischen Mädchen" damals bereits abgeschildert hatte. Während dessen gingen, ich darf wohl sagen durch unsere grasgrünen Salons, die Björnstierne Björnson, die Brandes, die Lazarus, die Steinthals, die Bauernselds, das heißt, von den drei Letztgenannten will ich nicht mit Sicherheit behaupten, daß sie auch bei Frankls gewesen sind. Hingegen bestimmt Julius von der Traun und die jetzt mehr als neunzigjährige Witwe Hebbels, die eillst so berühmte Schauspielerin. Wieder muß ich darail erinnern, daß es an dreißig Jahre her ist, wenn ich erzähle: Eines Nachmittags war Damenkaffee bei Frankls. Christine Hebbel deklamierte Gedichte ihres Gatten. Unter anderen die „Drei Schwestern". Bei der zweiten Schwester angelangt, wandte sie sich herum und sprach direkt zu mir: „Die andre lächelt zweifelnd vor sich hin, Ihr will der eigne Sieg nicht in den Sinn, O trau ihm nur, denn jedes Jünglings Blick, Du siehst es selbst, bestätigt dir dein Glück, Doch nutz' ihn, wie den Lenz in seiner Zier: Er selbst entschleicht, die Blumen läßt er dir." Uilser Patriarch, der es sich im braunen Sammtrock, gemütlich schmunzelnd, unter all der: Frauen wohl fein ließ, hatte seine väterlich-diabolische Freude an meiner grenzenlosen Beschämtheit. Wie oft haben wir in der Seitenstättengasse zu Mittag gegessen! Manchmal mit dem Musiker Door und seiner schöllen, rothaarigen Frau, manchmal mit dem hochverdienstvollen Publizisten Karl von Thaler und seiner Gattin, meistens aber alleill mit den Hausleuten. Den 70. Geburtstag haben wir mitgefeiert und jeglichen Sylvester; den letzten unseres Wiener Aufenthalts freilich um 11 Uhr. Vielleicht weil sich Ludwig August zu fast 77 Jahren nicht mehr ganz jung fühlte, ich glaube aber eigentlich nur aus Vorsorglichkeit seiner Frau. An jedeiil dieser Sylvester sprach Weilen — einer der liebenswürdigsten Menschen! — den Toast, immer mit demselben Beginn; bis ich, ein wenig flügge geworden, eininal im Angcnblick, wo er sich erhob, vorwegnehmend zitierte: „Wir stehen an! der Wiege . . ." Er setzte sich und hat nie niehr in ineiner I Gegenwart „gesprochen", wenn er mir auch bis zu seinem Tode noch viel Liebes und Freundschaftliches gesagt hat. 1877 zogen wir nach Berlin. Nie bin ich aber zll Besuch in Wien gewesen — als mein Mann wiederkam, hatte Ludwig August schon vollendet — ohne in Frankls llelies Heim hinaufzusteigen. Auch hat die schriftliche Verbindung zwischen lins Vieren nicht aufgehört. Die Korrespondenz zwischen Frankl und meinem Mann habe ich im Augenblick nicht zur Hand. Ein Brief des Zweiundachtzigjährigen au mich finde hier seinen Plak. Wien, 29. 1. 92. Verehrte liebe Frau! Wie dankbar bin ich Ihrem Wunsche, dem ich ein Lebenszeichen, hoch willkommen wie stets, zu danken habe, wenn ich, auch demselben nur halb nachkonunen kann. Ich sende Ihnen die Sonette Nappaports; meine Erwiderungsverse sind nicht gesammelt, und nur teilweise in meinem „Episches und Lyrisches" bei Bonz 1890 erschienen- Mir ist momentan das Buch nicht zur Verfügung. Sie schreiben Ihren Brief umMitternacht und „konnten nicht weiter!" Wie schade! hätten Sie ihren prächtigen Augen doch noch ein wenig Gewalt angetan, um uns zu schreiben, wie es Ihnen geht? Wir sind so lange ohne Nachricht von Ihnen. Wie es Emil geht, weiß ich, denn er besitzt ja Sie. Grüßen Sie ihn, wenn Sie ihm zufällig begegnen sollten und seien Sie so gütig, wenn Sie uns wieder schreiben, besser am Morgen, wo Sie noch nicht müde sind. Herzlichen Gruß! Ihnen verehrungsvoll huldigend L. A. Frankl. Die Schrift dieses Blattes' ist so wundervoll klar, -daß es eher gestochen, als geschrieben aussieht. Einmal waren Frankls auch bei uns in Berlin und die alten Freunde haben zu unserer großen Freude mit unseren lieben neuen, Ludwig Geiger und seiner Frau, an unserem Tisch gesessen. Auch in Dresden haben wir noch ein Paar Tage zusammen verbracht. Frankls waren aus der Durchreise nach Weimar dort; Ludwig August war Vorstand des Wiener Zweigvereins der Schillerstiftung. Ich habe es mir versagt, ausführlich von Frankls Frau zu sprechen, was unbedingt zur Schilderung seines Lebens und seines Heimes gehört hätte, weil ich hoffe, daß es mir vergönnt sein wird, einmal ihr Charakterbild besonders zu entwerfen. Ich Uebriggebliebene habe einen weiten Weg, wenn ich von einem Grab zum anderen wandern will. Mein Mann