Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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69 Ludwig flugult Lrsnkl. Erinnerungen von Ottilie Franzos. II. mit Friedrich v. Amerling, der um sieben Jahre sein Senior war, war Frankl eng besreundet. Wir sind ihm mit seiner jungen, vierten Frau auch noch oft dort begegnet . . . Amerling war durch lange Zeit der erste Wiener Porträtmaler. Ein Geschichtchen aus seinem Leben pflegte Frankl in köstlicher Weise und mit besonderer Vorliebe zu erzählen. In den dreißiger Jahren hielt der Maler ein Schüleratelier, in dem sich auch ein junges Mädchen in Begleitung der Mutter einsand. Amerling ließ sie eine zeitlang gewähren, ohne nach ihrem Namen zu fragen. Eines Tages endlich sagte er zur Mutter: „Ich hab> noch gar nicht gefragt, mit wem ich die Ehre Hab'. Sind Sie verheiratet?" — „Ich bin Witwe!" — „Habews Söhne?" — „Nur einen!" — „Is er a Kaufmann oder a Handwerker?" — „Nein!" — „A Beamter?" — „Wie maws nimmt". — „ Also a Militär?" — „Nicht immer". — „Ja, wenn er kein Kaufmann, kein Beamter, kein Handwerker und kein Soldat is, was is er dann?" — „König." — Amerling glaubte eine Wahnsinnige vor sich zu haben, dem war aber nicht so, denn cs war wirklich die Mutter Carlo Albertos von Italien. In Frankls Raritütenkabinett befand sich übrigens auch — neben einer Locke Schillers und einer Handschrift Andreas Hofers, beides von dankbaren Familien gespendet — eine Tabatiere mit Carlo Albertos Initialen in Diamanten mit der Inschrift: „Dem berühmten Dichter des Christophoro Colombo". Frankls Erzählungen waren nicht immer so harmlos. Seine Söhne und ich wurden auf Spaziergängen oft ein wenig vorausgeschickt, wenn er den Alten — mein Mann, obwohl 38 jünger als Frankl, wurde doch zu diesen gezählt — Dinge erzählte, die wir mit „Geschichten vom Professor Mayer", das war einer seiner Universitätslehrer gewesen, zu bezeichnen pflegten. Lebhaft in Erinnerung ist mir ein abendlicher Heimweg nach Velden am Wörthersee, wo wir zum gemeinsamen Sommeraufenthalt waren, und wir Jungen wieder einmal voraustrotteu mußten. Es war 1879, Frankl damals im 70. Jahr, und es sind über 30 Jahre her, da darf ich alte Frau wohl den Vers hersetzen, den mir dieses Vorihmhergehen eintrug — mitgeteilt hat er mir ihn erst viele Jahre später: „Um dieser Glieder schlanke, Melodische Musik, Schwebt träumend der Gedanke Und sehnsuchtsvoll der Blick." Hier möge sich gleich die wehmütig-humoristische Strophe auschließen, die der mehr als Achtzigjährige meiner Schwester in ein ihr zum Geburtstag geschenktes Buch schrieb: Wie lange noch kann ich Dir huldigen? Ich bin schon alt. Du mußt mich halt, Wenn ich gestorben bin, entschuldigen." Während dieses Veldener Aufenthalts waren wir täglich stundenlang beisammen. Wir machten gemeinsame Ausflüge, und der alte Herr war auch keinem Ulk abhold. So gaben wir z. B. eininal bei Frankls ein Maskenfest, dem Geburtstag einer befreundeten Dame zu Ehren, die mit ihrem Manne ebenfalls in Bälden weilte. Auch der Professor, jetzige Hofrat und Herrenhausmitglied Pfaff, gehörte mit seiner Familie zum engsten Veldener Freundeskreise. Bademäntel, alte Zeitungen und derartiges bestritten die Kostüme; für die Laune sorgten die Herren und Paula, die auch, sowie Ludwig August selbst, vorzüglich Toaste zu sprechen verstand. Auch in Unterach am Attersee haben wir einen Sommer zusammen verbracht. Am schönsten war es aber doch in Wien im Franklschen Hause. Durch Jahre sind wir an jedem Freitag Abend hingewandert, dann las einer der Herren etwas vor. Die Dritten im Bunde waren Josef Ritter von Weilen, der Dramatiker, und seine Frau. Wir saßen gemütlich um einen Tisch herum, und von den Wänden blickten auf uns nieder Grün und Thorwaldsen, Oehlenfchläger und Hebbel, Castelli, Bauernfeld, Zedlitz, Mayerbeer, Halm, Raimund und wie sie alle hießen, mit denen Frankls Lebensweg ihn zusammengesührt hatte. Zwei Bilder waren in dieser Sammlung, die mich aus den entgegengesetztesten Gründen immer wieder anzogen: das schauerliche Nikolaus Lenaus, den Frankl im Döblinger Irrenhaus von Aigner hatte abkonterfeien lassen und ein köstliches Hundebild des berühmten Tiermalers Ranftl: Ein Köter, der Saphirs Züge trug, dem ein kleiner, feiner Spitz den Eintritt in die vormärzliche Konkordia verwehrte, einen journalistischen Gesettigkeitsverein, mit dem die jetzige Wiener Konkordia keinerlei Zusammenhang hat. Beethovens Büste, der einzige, nachweisbar noch erhaltene Abguß, von 12 unmittelbar nach Abnahme der Totenmaske, angefertigten, grüßte von einem Postamente, ebenso eine wunderschöne Verkleinerung des Schillerdenkmals. Frankl selbst las eben entstandene Gedichte. In einem hatte er, über alle Jahrzehnte hinweg, die Aussprache des Deutschböhmen bewahrt, in der Silbe an, die stets klang, als ob sie ein „h" in ihrer Mitte hätte. Solche Anklänge erhalten sich ja zuweilen merkwürdig, so gab es einen Buchstaben in einenr einzigen Worte, aus dem ein kundiges Ohr erkennen konnte, daß meines Mannes erste Wärterin eine Polin gewesen ist: das „L" im Worte Lemberg. Weilen las aus dem Drama, das er eben schrieb und mein Mann, was er eben hatte, einmal z. B. seine „Hexe". Und dann gingen wir zusammen „nachtmahlen" zu „Streitberger", einem bewährten Restaurant in einer der engsten alten Gassen, gemütlich-schäbig, mit niedrigovalem Zimmer und einem Sofa hinter unserm Stammtisch. Oder in den „Stefanskeller", in dem man unentgeltlich das gruselige Gefühl mit draufbekommt, direkt neben den Katakomben, die einen großen Teil der inneren Stadt Wien unterwühlen, vorzüglich zu essen. Zu diesen Abendbroten fanden sich verschiedene andere abwechselnd ein: die Veldener Freunde, der berühmte Psychiater Maquarts, Ferdinand von Saaro, Murad Effendi, der den Weg vom niederösterreichischen Kleinbürgerssohn zum Gesandten im Haag gemacht hatte. In späteren Jahren wurden dann auch zuweilen die Frankl'schen und Weilewschen Söhne „mitgenommen". Ich fühlte mich anfangs, aus einer stillen Mädchen-, ich hätte fast gesagt „Kinderstube" in diesen Kreis geraten, sehr verschüchtert. Und der alte Herr, der das Necken liebte, erleichterte es mir eben nicht dadurch, daß er nie zu sagen unterließ: „Das Frauchen saß so blöde, Als fehlte ihm die Rede." Zu hören gab es genug. Frankl erzählte mit Vorliebe aus dem Orient — seinerzeit war ja eine Fahrt nach Jerusalem eine ganz andere Unternehmung, als sie es heute ist — z. B. daß sich Ab-del-Kader, der berühmte Araberhäuptling, der 1856 in Damaskus in der Verbannung lebte, von ihm einen Zahn ziehen lassen und ihn dann zur Improvisation eine