Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Neben Briefen, die uns nur ein allgemeines Interesse bieten können, sind solche, die uns, wie in einem Brennpunkt vereinigt, alle die unzähligen nervösen Züge seiner Psyche weisen und uns die Größe und die Tragik seines Lebens verstehen lassen. Verfolgt von einem Schicksal, das in seiner Herbheit und Tragik so übermenschlich ist. wie das Fatum einer antiken Schicksalstragödie steht Friedrich Nietzsche vor uns, wie ein leidender Heros, groß in seiner geistigen Kraft, noch größer in seiner Ehrlichkeit. Er kennt wohl Rücksichten, die ihm der Anstand und die Höflichkeit gebieten, nicht aber solche, die nicht mit der letzten Wahrheit seiner Ueberzeugung übereinstimmen. Er haßt das Schwache, Unmännliche, das Unpersönliche, „die Schwäche der Selbstzucht", wie er selbst es nennt. . Und so stellt er sich auch, seinem innersten Triebe folgend, entschieden und männlich gegen die Bewegung des Antisemitismus. Die Bewegung, die im Anfang der 70 er Jahre als eine Folgeerscheinung des übergroßen Nationalgesühls der Deutschen einsetzt und 1890 zur Gründung einer politischen Partei führt, ist ihm in ihrer Unfeinheit und fanatischen Brutalität im Innersten zuwider. Er,- der erfüllt ist von dem Glauben an Größe, haßt alles Kleine und Dumpfe und^ Unterdrückende. Offen und ehrlich nimmt er Stellung gegen seinen eigenen Schwager Bernhard Förster. Er schreibt einmal an seine Schwester: „Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus, die mich immer von neuem mit Groll oder Melancholie füllt." Im Jahre 1883 schreibt er einen Brief an seine Schwester, empört über die Machenschaften einer Partei, die sich einen Tisza-Prozeß inszenierte. Sein ganzer Aristokratismus und die ganze Feinheit seiner Seele bäumen sich gegen die dunkle und fanatische Handlungsweise der Antisemiten auf. „Die Atmosphäre, in der ihr lebt, die „guten Christen" mit ihren einseitigen, oft anmaßenden Urteilen — das alles ist meinen Empfindungen, meinen fernsten Zielen so entgegengesetzt wie möglich. Ich spreche nicht davon, aber ich weiß, daß Leute dieser Art, wenn sie mein Ziel ahnten, selbst meine Mutter und Schwester, meine natürlichen Feinde sein müssen. Das ist nicht zu ändern. Der Grund liegt im Wesen." Aber nicht nur den Haß gegen die Antisemiten trägt Nietzsche in sich, sondern auch eine große Verehrung für die Juden und ihre geistigen Fähigkeiten. Er weiß, was die Juden der deutschen Kultur bedeuten und weiß auch, was die jüdische Intelligenz Deutschland in dem letzten Jahrhundert war. Er nennt Heine den letzten Großen, mit dem Deutschland beschenkt ward. Er schreibt auch einmal in einem Briefe, in welchem er von einer gescheiten jüdischen Literatin Miß Helen Zimmern spricht: „Der Himmel erbarme sich des europäischen Verstandes, wenn man den jüdischen Verstand davon abziehen wollte. Man erzählte mir von einem jungen Mathematiker in Pontresina, der vor. Aufregung und Entzücken über mein letztes Werk ganz die Nachtruhe verloren habe; als ich genauer nachfragte, siehe, da war es wieder ein Jude." Und später einmal sagt er: »Ich habe au zuständiger Stelle den Vorschlag gemacht, ein sorgfältiges Verzeichnis der Gelehrten, Künstler, Schriftsteller und Virtuosen Deutschlands von ganz oder halbjüdischer Abstammung herzustellen. Das gäbe einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur, vor allem zur Kritik derselben." So hat Nietzsche über das Judentum und über den Antisemitismus gedacht, er, in dessen Innern eine Welt lag, in dessen Herz es nach Verständnis schrie, er hat die Sehnsucht, die Trauer und die Schönheit unseres Volkes erkannt. Und es war ihm keine Laune, den Protektor der Juden zu spielen, leine Spielerei. Er hätte materiell große Vorteile gehabt, wenn er die Vorschläge, die ihm von der antisemitischen Partei gemacht wurden, angenommen hätte, und wenn er dem antisemitischen Organ den. Klang seines Namens geliehen hätte, den sie auch ohne seine Einwilligung mißbrauchten, indem sie den Zarathustra als das Werk eines der Ihrigen bezeichueten und ihm sogar eine antisemitische Auslegung gaben, „was ihn beinahe mehrere Male krank machte". Aber es war, wie er in einem Briefe schreibt, für ihn „eine Ehrensache^ nach Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend". Nietzsche wußte, was das Judentum bedeutet, und obgleich er ein Germane, ein ehemaliger Korpsbruder der Franconia und ein Mitglied des Gustav Adolph-Vereins wap, sah er in ihm nicht einen Kultur- und Nationalschaden, sondern etwas Großes, in dem eine zweitausendjährige Tradition lebt und ein Gefühl nach oben. Wir müssen Frau Förster danken, daß sie uns dieses Werk schenkte. Sie tat damit ein Großes. Sie gab uns die Stärke und Schönheit und geistige Kraft ihres Bruders, wie er sie uns nur in seinen eigenen Werken gab, und zeigte ihn uns als einen ehrlichen Kämpfer für das Recht. Nietzsche, der letzte große Kulturfaktor Deutschlands, war uns ein Freund, und das soll uns Stolz und Stärke geben. 8. D. Steinberg. Figur aus „Jeremias". (Nach einer Zeichnung von Lefser Ury.) V *vf$