Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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67 die im Kampfe um das Dasein gescheiterten Existenzen in den Abgrund, in die Nacht des Lichts. Es ist am Strande des Meeres, der Himmel erglüht in den Farben des sinkenden Tages, die Dämmerung webt die ersten grauen Schatten auf die allmählich verblassende Meeresfläche. Vom Lande her schreitet die Nacht heran, ein Häuflein Menschen hat sich vor dem Dunkel an das Gestade geflüchtet und schaut der untergegangenen Sonne nach. Schon aber packt die an den Abgrund Gedrängten, die alle das Todesurteil des Schicksals an -ich tragen, die Nacht, sie verwischt die Einzelheiten der äußeren Crscheinung mehr und mehr, nur noch die Silhouetten heben sich gegen den Horizont bestimmt ab, und man hat die Empfindung, die Nacht wird immer weiter und - weiter schreiten, und wenn das letzte Lichtfünktein am Horizont erloschen, wird auch das Häuflein Menschen auf immer hinweggetilgt sein. Eine Elegie auf Sterben. und Vergehen, wie sie in so packender Größe die deutsche Kunst seit langem nicht hervorgebracht. Jede der auf einer Holzbank zusammengedrängten Gestalten ist realistisch erfaßt. Der eine murmelt mechanisch seine alltäglichen Gebete, der andere schaut in dumpfer Ergebung in die Ferne, ein Weib neigt sich weinend zu ihrem wehmütig daknieuden Kindlem hernieder, ein anderer wieder verhüllt sein Haupt in bitterstem Leid, hinter ihm hockt einer, dem der Wahnsinn der Verzweiflung aus den Augen glüht, ein hochbetagtes Weib wendet sich, völlig gebrochen, von dem Lichte ab, während eine anscheinend noch jugendliche Gestalt, die von einem Tuch verhüllt ist, in statuarischer Unbeweglichkeit zu den Inseln der Seligen hinüberträumt. Aber der Schrecken der Erscheinungen mildert das nächtliche Dunkel. Auch rein malerisch genommen ist das Vild von hoher Bedeutung. Die -Tormen und Linien sind alle monumental ausgestattet, der Eindruck von dem Fortschreiten bn Nacht wird durch eine genial erdachte Abstufung der Lichttöne hervorgerufen, zwei straff aufragende Pinien unterbrechen höchst wirkungsvoll die weite Himurelsfläche. Auch ein malerisch sein empfundener Kontrast trügt zu der tiefen Wirkung des Bildes bei. Auf das menschliche Leid strahlt die herrlichste Lichtglorie des Abendhimmels hernieder, hier ein schnelles Vergehen, dort ewige endlose Jugend in der unsterblichen Natur." Von zwei der neuesten Werke unseres Künstlers heißt es in der Darlegung M. Bubers: „Aus der letzten Zeit.stammt „Das verlorene Paradies" und ein Karton zu einem „Moses". Das erstere ist ein eigentümliches Pendant zu „Adam und Eva", dieselben zwei Menschen sitzen zusammengekauert da. Sie hält ihr Kind im Schoße und beide schauen es an, sie mit der ewigen unbewußt wissenden Liebe des Weibes, er mit dem tiefen, unendlichen Staunen des ersten Mannes. Die Menschenwelt beginnt: alles ist Wunder und alles ist Notwendigkeit." Moses. (Nach einer Zeichnung von Leffer Ury.) „Vom Moses läßt sich heute fast nichts sagen, da Ihm ja die Farbe fehlt, die Urhs Macht ist, aber der gewählte Moment ist charakteristisch: Moses steht den starren, verderbten Volksmassen gegenüber, dieser in der Sklaverei ausgewachsenen Generation, welche die Worte auf Sinai vernehmen darf, aber das Land der Erfüllung niemals erblicken soll, bestimmt in der Wüste zu sterben und schleudert ihnen die ersten, heiligsten, von Gott selbst geschriebenen Gesetzestafeln entgegen." Aus dem Aufsatz des letzterwähnten Schriftstellers sei ein Teil der Schlußcharakteristik entnommen, die gerade für diese Blätter besonderes Interesse hat: „Leffer Urh ist ein Jude, er ist auch in Wahrheit ein jüdischer Künstler. Sehnsüchtiges Ringen nach der Schrankenlosigkeit; und das Gefühl der allein schrankenlosen Welteinheit; das waren zu allen Zeiten die Grundmächte des Judenvolkes. Unendlichkeit ohneRuhe. Ein Gottesreich, das weder die Persönlichkeit noch die Bewegung aufhebt." „Spinoza hat es zu früh in Formeln gebannt, unterirdisch glühte es weiter, von seinem System unberührt. In unseren Tagen erst kamen stürmische aber wahre Propheten, unter ihnen Lesser Ury. Sie haben keine Formel und wenig Klarheit. Sie sind Erste. Sie tasten. Sie stammeln. Aber sie sagen nicht nur, sie sind Bruchstücke dieser tiefsten Bolksmissiou, dieses kosmischen Evangeliums: nicht Natur schlechthin, natura naturans ist überall, in mir, in dir, von mir zu dir, von dir zu mir." Unter den Porträts Urys verdient das meines Vaters 1908 (Original in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums) eine kurze Erwähnung. Es muß mit um so größerer Anerkennung genannt werden, da es nicht nach dem Leben, sondern nur nach einigen Photographien gemalt ist und doch höchst charakteristisch >en Geschilderten wiedergibt. Ich schließe diese Auszüge aus den Aufsätzen berufener Kritiker, die nicht den Anspruch erheben dürfen, eine erschöpfende Darstellung zu sein, sondern nur die Aufmerksamkeit jüdischer Kreise auf den unermüdlich schaffenden Meister hinlenken sollen, mit einem Worte aus einem über Urh handelnden Essay: „Er steht heute in der Vollkraft seines Schaffens. Was er, der stille Wegbahner, uns bisher gegeben hat, war echte Kunst. Mehr aber noch können wir von ihm in Zukunft erwarten". Kirtslche und der Anttlemitismus. von Frau Förster im Jnfelverlage herausgegebenen Briese Nietzsches an seine Mutter und Schwester sind wohl geeignet, uns ein klares und großes Bild von seinem Wesen zu geben während der dreißig Jahre steigender Entwicklung und wachsender Tragik seines Lebens.