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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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Letter Äry. er bedeutende jüdische Künstler, dessen Bild wir bringen, begleitet von der Reproduktion zweier seiner Gemälde, hat sich leider nicht entschließen können, diesen künstlerischen Schmuck mit Notizen über sein Leben zu begleiten. Er hat aber in liebenswürdiger Weise mir Artikel von Rappsilber (aus Zeitungen und Zeitschriften), die über ihn handeln und den Aufsatz von Martin Buber (Aus dem Werke: Jüdische Künstler) zur Verfügung gestellt. Aus diesen Artikeln stelle ich, da ich mir die Kompetenz nicht zutraue, in Dingen der Kunst selbständig zu reden, in folgendem einige Notizen zusammen. „In Lesser Ury vereint sich eine eiserne Willenskraft mit einem schrankenlosen Opfermut. Er geht von der Anschauung aus, daß ein Künstler nichts erreichen werde, wenn er nicht den ganzen Inhalt seines Lebens der Kunst zum Opfer zu bringen imstande sei. Das Schicksal hat Urh beim Wort genommen, ilju aus eine Harte Probe gestellt. Es geht ein großer Zug durch das unerbittlich ernste und klare Arbeiten all die Jahre hindurch. Der Erfolg, der nun gekommen, ist so handgreiflich verständlich wie der Schlußsatz einer logischen Reihe. Der Künstler ist in dem Städtchen Birnbaum in der Provinz Posen aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, er ist 1862 geboren, 1875 kam er in Berlin, nach dem Tode des Vaters, auf eine Realschule, dann als Lehrling in ein Konfektionsgeschäft. 1879 ging er, ohne Mutter und Vormund zu fragen, nach Düsseldorf und widmete sich der Kunst. Tie Düsseldorfer Schule begeisterte ihn nicht. Da kam das Wunderbare plötzlich auf einem Ausflug in die Eifel im Jahre 1,880, ein grandioses Gewitter entlud sich über dem erloschenen Vulkangebiet. In diesem Schauspiel offenbarte sich dem Künstler die Natur in ihrer ganzen Größe, er erhielt einen für das ganze Leben entscheidenden Eindruck, er erkannte die Verlogenheit der Schulmalerei und begriff, daß die Natur von neuem zu erobern sei. Damit war der Faden seiner Entwicklung geknüpft, alles übrige ist die Konsequenz des ersten großen Erlebnisses. Lesser Urh ist fünf Jahre vor dem Einsetzen der modernen Bewegung in Deutschland bereits für die Schule der neuen Kunst im Klaren gewesen. Nun fand er einen günstigeren Boden für seine Entwicklung in Brüssel, indessen war er nicht der Mann, sich einer bestimmten Richtung oder einem Meister anzuschließen, seine Ziele gingen damals schon weit über die der Zeit hinaus. Zunächst kam es ihm darauf an, die ganze Erscheinungswelt der Natur zu meistern. Ury ging hier mit einer eigentümlichen, kühlen Objektivität, mit einer ruhigen Sachlichkeit zu Werke, die von einer erstaunlichen Arbeitskraft Zeugnis ablegt. Im Sommer 1883, wo Lesser Ury in der ländlichen Stille des belgischen Dorfes Volluvö den Grund zu seinen späteren Erfolgen legte, löst er schon die kühnsten Probleme der modernen Freilicht- und Tonmalerei. Die Treffsicherheit und die Wahrheit seiner Malweise, die herbe, rauhe Männlichkeit seiner Auffassung erregte in den folgenden Jahren in der Künstlerwelt in Paris und Müncheir ein nicht geringes Aufsehen. Bedeutende Künstler erkannten den Beruf Lesser Urys zur Malerei, verblüfft von dem Wagemut des jungen Mannes, der trotz aller Unkenrufe fest daraus vertraute, daß das von ihm vertretene moderne Prinzip einmal zum Siege gelangen müsse. Nun siedelte sich Ury 1886 dauernd in Berlin an, hier war er so gut wie vereinsamt. Es folgen lange, bange Jahre allmählichen, aber sicheren Fortschreitend, ein radikaler Jmpressionismns macht sich in den Landschaften, Straßenbildern, Genreszenen, Akten bemerkbar, hier und da ein Bildnis von großer Auffassung. Da solche Art dem Berliner Kunstwesen wider den Strich ging, lebte Lesser Ury eine geraunie Zeit gleichsam unter Acht und Bann. Er ging 1890 mit dem Michael Beer-Preis nach Italien, aber dort hatte er wenig zu suchen. Die Bilder aus Capri waren kein neues Moment seiner Laufbahn. Da endlich an der Wende des dreißigsten Lebensjahres machte der Künstler einen großen Sprung vorwärts. Zum drittenmal nahm ihn die Natur in die Lehre und offenbarte ihm neue Geheimnisse. Das war 1892 in Holstein. Jetzt verbinden sich zarte lyrische Motive rn seinen Landschaften, von der feierlichen Erhabenheit der Einsamkeit bis zu dem momentallen Aufblitzeu heiterer Lichteffekte, eine reiche Skala von Ausdrucksmitteln völlig neuer Art. 1893 auf Rügen erscheinen in den Studien Urys die ersten Anfänge einer Landschaftsmalerei, die in das Monumentale hinübergreift. 1894 und 1895 folgen die Ansichten aus Hamburg, die Schlag auf Schlag neue Eigenheiten an dem Wesen des Künstlers hervortreten lassen." Ueber eines der Bilder, die für die Leser unserer Zeitung vom höchstell Interesse ist, „Jerusalem!", das 1896 vollendet wurde, heißt es bei dem gleichen Gewährsmann (M. Rappsilber) : „Das Ausrufungszeichen deutet darauf hin, daß der Künstler von einer biblischen Vorstellung ausgegangen, von den Strafworten des Propheten Jeremias, der das Ende Jerusalems ankündigte. Aus dieser Anschallung wuchs das feierliche, erschreckend düstere Pathos des Bildes hervor, das wie ein Bußpsalm auf die heutige Zeit anmutet. Der symbolische Gehalt des Kunstwerkes wird im mittelbar klar. Es redet eine eindringliche Sprache von der Vergänglichkeit, von der Hinfälligkeit, von der Ohnmacht des menschlichen Daseins. Wie im Frühling nur wenige der zahllosen Blüten die Frucht ansetzen, so stößt auch die Menschheit fort und fort Professor Lesser Ary, Berlin. :T j i

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