Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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63 Weise ausgemalten Urzustand des Menschen tritt bekanntlich. uach der Lehre der Kirche der Sündenfall des Menschen ein. Die symbolische Einkleidung eines religiösen Gedankens, wie sie uns in der bekannten Erzählung von der Sünde des ersten Menschenpaares dargeboten wird, wird von der christlicken Theologie, die aber bereits mit dem Apostel Paulus beginnt, buchstäblich aufgefaßt und versteift; sie wird in eine dogmatische Form gepreßt, durch die etwas dem Judentum völlig Fremdartiges in sie hineingetragen wird. Ter Sündenfall bedeutet nach Augustin den völligen Verlust des Bildes und der. Ähnlichkeit Gottes, den Adam als Repräsentant des Menschengeschlechtes diesem zugezogen hat, eine völlige Unfähigkeit zum Guten, die. selbst bei anscheinend guten Handlungen gute Triebfedern ausschließt. Die Erbsünde schon an und für sich verdient ewige Verdammnis, der auch diejenigen Kinder unterstellt sind, die selber noch nicht willensfähig gesündigt haben, wenn sie nicht durch die Taufe Vergebung erlangt haben. Diese Lehre Augustins hat auf die gesamte Entwicklung der christlichen Theologie einen maßgebenden Einfluß ausgeübt und läßt sich von dieser nicht loslösen, wenn man sich von dem Boden der kirchlichen Ueberlieferung nicht ganz und gar entfernen und diese durch moderne Gedankenbildungen verflüchtigen will. Dafür legt auch ein Denker wie Kant Zeugnis ab, an dem diese Lehre, nachdem sie vom Nationalismus des 18. Jahrhunderts fallen gelassen worden war, merkwürdigerweise ihren Verteidiger gefunden hat. In seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der menschlichen Vernunft" tritt Kant für die Existenz eines radikalen Bösen in der Natur. des Menschen, für einen grundsätzlichen Hang zum Bösen ein, der in dem Willen wurzelt und allen empirischen Handlungen vorausgehtder Schuld in sich trägt und durch die Kraft des Menschen nicht zu überwinden ist. So , steht der Mensch schon von Natur aus in einem grundsätzlichen Gegensatz. zu seiner menschlichen Bestimmung. Die Menschheit, so formuliert Hoffmann diese Lehre, vom Satan verführt, ist der Gegenstand' des Zornes Gottes geworden. Dieser ist als ein bleibendes, in der nunmehrigen Gestaltung des Menschenlebens ausgeprägtes Verhältnis zu denken, das den Menschen in der Ausbreitung der Sünde selbst, in allerlei Nebeln und in der Machtübung des Satans erfaßt. Es bedurfte deshalb des Opfertodes Jesus, um den Zorn Gottes zu versöhnen. Also um die Schuld eines einzelnen willen soll die ganze Menschheit der Macht des Bösen, dem Fluch der Sünde unentrinnbar verfallen sein. Und da wagt man es, uns Juden den Glauben an einen Gott des Zornes und der Rache zum Vorwurf zu machen, Ausdrücke, für welche man übrigens schon bei Maimonides die genügende Aufklärung finden kann. Uns Juden soll der wahre Versöhnungsgedanke nicht aufgegangeu sein, weil es an einigeil Stellen der Heiligen -Schrift heißt, daß Gott die Schuld der Väter an den Kindern ahnde bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die ihn hassen. Der Versöhnungsgedanke des Christentums' aber wird nicht dadurch beeinträchtigt, daß Gott um der Schuld Adams willen -die ganze Menschheit verworfen habe! Und wobl gemerkt, istin unserer Heiligen Schrift von einer Ahndung der Schuld der Väter an den Kindern niemals bei sittlichen - Vergehungen die Rede, sondern nur immer beim Abfall zum Götzendienste, eine tiefernste, in unseren Tagen besonders beherzigenswerte Warnung vor den unheilvollen Wirkungen, welche die in der religiösen Erziehung begangenen Fehler über die kommenden Geschlechter heraufbeschwören. In jeder anderen Beziehung wird aber eine Vererbung des Bösen auf kommende Geschlechter auf das allerentschiedenste bestritten. . Es gibt, wie Hermann Cohen treffend bemerktkeine Geschlechter, für die Sünde; der Begriff der Sünde fordert den Begriff des einzelnen, der Person, der Individualität. „Es sollen," wie es in der Heiligen Schrift heißt (5 B. M. 24, 16), „die Väter nicht um der Kinder willen, und es sollen die Kinder nicht um der Väter willen getötet werden. Ein jeder soll nur um seiner Sünde willen sterben." Und der Prophet Ezechiel sagt in-seiner Rechtfertigungslehre: „Was kommt euch bei, daß ihr im Lande Israel dieses Spottlied singt, das da lautet: die Väter aßen saure Trauben, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden. So wahr ich lebe, ist der Spruch Gottes, niemand von euch soll mehr dieses Spottlied in Israel singen. Fürwahr, alle Seelen sind mein, wie die Seele des Vaters, so die Seele des Kindes ist mein. Nur die Seele, die sich vergeht, soll sterben." Und dann weiter in. demselben Kapitel: „Nur die Seele, die sich vergeht, soll sterben. Es soll der Sohn nicht die Schuld des Vaters und der Vater nicht die Schuld des Sohnes mittragen. Die Frömmigkeit des Frommen soll auf ihm und die Gottlosigkeit des Gottlosen soll auf ihm ruhen." Und dann endlich, gleichsam als Krönung dieser Lehre, bei demselben Propheten: „Und wenn der Gottlose sich abkehrt von den'Sünden, die er begangen, und alle meine Satzungen beobachtet und Recht und Gerechtigkeit übt, dann soll er leben bleiben und nicht sterben. Alle Abtrünnigkeiten, die er begangen, sollen ihm nicht angerechnet werden wegen der Frömmigkeit, die er geübt hat. Leben soll er! Habe ich Wohlgefallen an dem Tode des Sünders — ist der Spruch des Ewigen — und nicht vielmehr daran, daß er umkehrt von seinem Wandel und leben bleibt?" (Ezechiel Kap. 18.) So der Prophet, der von den Vertretern der modernen Theologie als der eigentliche Begründer der Gesetzlichkeit im Judentum und als Vorläufer des nachexilischen Pharisäismus bezeichnet wird. Die Woche. Berlin, 8. Februar, ie englischen Wahlen, von deren allgemeiner Bedeutung in einer früheren Uebersicht die Rede war, sind nun endlich zum Abschluß gelangt. Ihr Resultat ist nicht das von den Liberalen für sich erwartete, die Unionisten (Konservative) haben vielmehr gegen 100 Stimmen gewonnen. Trotzdem hat sich durch Verschiebung der übrigen Parteien das Resultat für das englische liberale Kabinett nicht, so ungünstig gestaltet, wie man nach diesem Siege der Gegner annehmen müßte. Obgleich noch einige Wahlen ausstehen, kann man das Endergebnis folgendermaßen festsetzen: 274 Unionisten, 274 Liberale, 40 Sozialisten, 73 irische Nationalisten, 9 unabhängige Iren unter O'Brien. In der verflossenen Kammer lagen die Parteiverhältnisse allerdings wesentlich anders. Es standen dort 373 Liberalen 168 Konservative, 47 Sozialisten und 83 irische Nationalisten gegenüber. Gewonnen haben also bei den Neuwahlen die Konservativen 106 Sitze, verloren haben die Liberalen davon 99, die Sozialisten 7. Die Lage ist nun für die Regierung diese: Hat das Kabinett die Arbeiter ans seiner Seite, so besitzt es eine Mehrheit von 40 Stimmen; hat es die Iren für sich, so beläuft sich diese Mehrheit ans 73 oder 82 Stimmen; sind alle volkstümlichen und liberalen Elemente einer Meinung, so steigt die Mehrheit auf 122 Stimmen. Hinzugefügt sei die Meldung, .daß von den insgesamt zweiunddreißig jüdischen Kandidaten folgende fünfzehn siegreich waren: Charles S. Henry in Shropshire, Rufus