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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 diesem Glauben sich zusammeuschließenden, alle nationalen Schranken überwindenden einigen Menschheit als auf das letzte Ideal menschlicher Entwicklung hinzielend. Es ist von den christlichen Theologen vielfach die Frage aufgeworfen worden, wie sich der Versöhnungsgedanke im nachexilischen Judentum eigentlich rechtfertigen lasse. Mit der Zerstörung des Tempels und der Einstellung des Opferdienstes sei ja das Versöhnuugsopfer des Alten Testaments aufgehoben worden, das Äersöhnungsopfer des Neuen Testaments aber, der Glaube an den Erlösertöd Jesus, werde vom Judentum verworfen. Und jüngst habe ich bei einem der neueren Theologen die uns wahrhaft skurril anmutende Bemerkung gefunden, das populäre Bewußtsein, unbefriedigt durch die Unterschiebung bloßer Gebete anstatt konkreter Handlungen, habe sich ein Surrogat für das alte Sühnopfer zu schaffen gesucht, und zwar — Sie werden kaum auf die Vermutung kommen — in dem Gebrauche der sogenannten Kapporot (Heiterkeit), der wahrscheinlich sehr vielen unter Ihnen auch nicht einmal dem Namen nach mehr bekannt ist, der aber auch schon von manchen der alten Kodifikatoren als unjüdische Sitte verworfen wird. Sie brauchen sich jedoch um unser Seelenheil keine Sorge zu machen. Wir sind für unser Erlösungsbedürfnis auf kein Opfer, weder .auf ein Tiernoch auf ein Menschenopfer angewiesen, denn wir wissen, daß unser Erlöser lebt., und halten uns an das Wort des Psalmisten: „Das wahre Opfer ist ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerknirschtes Gemüt wirst Du, o Gott, nicht verschmähen." (Ps. 51, 19.) Wir möchten sie einladen, sich einmal am Vorabende des Versöhnungssestes an die Pforten eines jüdischen Gotteshauses zu begeben und Zu sehen, wie hier die Gläubigen zusammenströmen, wie sie, ergriffen von der Weihe dieser Stunde, einander zum Zeichen der Versöhnung brüderlich die Hände reichen, und wie sie zwar bangen Herzens, aber doch ihres Heiles gewiß, in wahrhafter Festtagsstimmung zum Werke dieses Tages schreiten. Und. dann am Ausgange dieses gottgeheiligten Tages, wenn das Werk der Buße vollbracht ist, wenn zum letztenmal das Schema Jisroel, dieser uralte Fahnenschwur Israels, ertönt ist und des Schofars Posaunenton die Gläubigen aus dem Heiligtum entlassen hat, mit welch einem Gefühl innerer Erhobenheit, weihevoller Verklärung, trostreicher. Zuversicht begeben sie sich dann wieder in ihr Haus, um sich nach der weltfernen Abgeschiedenheit dieses Tages wieder ein jeder mit den Seinigen zu vereinigen! Die Feier des Versöhnungsfestes, der keine andere Gemeinschaft etwas Aehnliches an die Seite stellen kann, ist ein Zeugnis für die Macht, die, der Versöhnungsgedanke des Judentums noch immer aus die Herzen und Gemüter ausübt. So viele Wandlungen auch im Laufe der Jahrtausende in unseren: religiösen Leben sich vollzogen haben, auch heute noch gilt, was der Alexandriner Philo von den Juden seiner Zeit sagt: „Den Festtag am 10. des Monats befleißigen sich nicht nur diejenigen zu begehen, die sich eifrig um Heiligkeit und Frömmigkeit bemühen, sondern auch die, welche sich sonst im Leben nichts aus religiösen Handlungen machen. Alle sind von seiner heiligen Weihe überwältigt und betroffen, und die minder Frommen wetteifern mit den Ernsteren mindestens zu dieser Zeit an Enthaltsamkeit und Tugend." Worauf aber gründet sich der Versöhnungsgedanke des Judentums, der in der Feier des Versöhnungssestes zu so weihevoller Ausprägung gelangt ist? Auf den Glauben an Gottes Liebe, an seine Gnade und sein Erbarmen," Weil Gott ein Gott der Liebe ist, darum hat er den Menschen in seinem Ebenbild erschaffen; das will sagen, er hat ihn mit der Anlage und Fähigkeit ausgestattet, das Gleichnis Gottes fortschreitend immer mehr und mehr in sich herauszubilden, sich zu immer höherer sittlicher Vollkommenheit emporzuringen. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist nach der Lehre des Judentums gleichsam ein Character inckeledilis, ein unauslöschliches Merkmal seiner menschlichen Bestimmung, in jedem einzelnen Menschen sich erneuernd und ihm als eine Gnadengabe Gottes mit auf den Lebensweg gegeben. Wir treten in . das Leben ein in der vollen Reinheit und Ursprünglichkeit unseres gottentsprungenen Wesens, als ob die Welt gleichsam eigens für uns geschaffen wäre, als ob. wir das erste Menschengebilde wären, das aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Ja, jeder Morgen, zu dem wir erwachen, läßt uns zu neuer Gottebenbildlichkeit erstehen und kann für uns zum Ausgangspunkt eines neuen, alle Irrungen der Vergangenheit überwindenden und.auf das Ideal der Gottesebenbildlichkeit gerichteten Lebens und Strebens werden. Diese Anschauung prägt sich bekanntlich auch in dem Gebete aus, das nach der Vorschrift des Talmud der Israelit jeden Morgen beim Erwachen sprechen soll: „Mein Gott! Die Seele, die Du mir gegeben, ist rein. " Du hast sie geschaffen, hast sie gebildet, hast sie mir eingehaucht, Du bewahrst sie in mir und wirst sie einst von mir nehmen und mir wiedergeben in ferner Zukunft. Solange die Seele in mir ist, lege ich. Dank vor Dich nieder, Ewiger, . mein Gott und Gott meiner Väter, Meister aller Geschöpfe und Herr aller Seelen. Gelobt seist Du, Ewiger, der Du wiedergibst die Seelen den toten Leibern." Was lehrt dagegen das Christentum, das bekanntlich dem Judentum gegenüber den Anspruch erhebt, der Welt die wahre Botschaft von dem Gott der Liebe zuerst gekündet zu haben? Uns Inden liegt wahrlich nichts ferner, als die Neigung, das widerwärtige Schauspiel mittelalterlicher ReligiorPgespräche zu erneuern, wie sie uns nur zu oft von unseren Gegnern ausgezwungen wurden, und unter denen wir am meisten zu leiden hatten. Religion ist keine Sache des bloßen Verstandes, sondern ein inneres Erlebnis, eine Sache des Herzens und Gemüts. Wie will der außerhalb eines Bekenntnisses Stehende in die Gemütsstimmung des Bekenners sich versetzen? Wie will er dem Gläubigen nachempfinden, was seinem eigenen Empfindungsleben naturgemäß, so ganz ungewohnt und fremdartig ist? Darum ist das, schlichte, fromme Bekenntnis des Gläubigen für uns kein Gegenstand der Prüfung, muß jede aufrichtige religiöse Ueberzeugung. uns ein unantastbares Heiligtum sein, solange sie sich innerhalb ihrer Grenzen hält und die Ueberzeugung des anderen unangefochten läßt. Allein der Kamps gegen das Judentum hat in unseren Tagen eine Gestalt angenommen und wird in einer Weise geführt, die eine Abwehr der gegen uns gerichteten Angriffe unbedingt notwendig macht, wenn wir an unserem Selbstbewußtsein nicht schweren Schaden nehmen sollen. Im Namen der Wissenschaft wird heute von: einer bestimmten Richtung innerhalb der modernen Theologie . dem Judentum seine Existenzberechtigung bestritten, geht man darauf aus, den Lehrinhalt des Judentums zu verdunkeln-: um dann von hier aus allen Fortschritt im Kulturleben der Menschheit unter Ausschaltung des Judentums ausschließlich auf das Christentum zurückzuführen: Demgegenüber dürfen wir uns der Aufgabe nicht entziehen, zur Rechtfertigung des Judentums seinen Lehrinhalt dem des Christentums in seiner geschichtlichen, durch die Kirchenlehrer überlieferten Gestalt prüfend gegenüberznstellen. Was also lehrt das Christentum über die Gottesebenbildlichkeit des Menschen? Nach einem kurzen, in phantastischer

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