Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 6 Berlin, II. Februar 1910 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint .wöchentlich. Abonnemen >s-preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin unv vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung de; Geheimen Regierungs Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgrm. Zeitung des Judentums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 40/49, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Die Idee der Versöhnung im Judentum. Von Rabbiner iM* ".****•• Dr. Guttmann. — Die Woche. — Zur Judensrage in Bayern. — Lesser Üry. — Nietzsche und der Antisemitismus. Von S. D. Steinberg.—Feuilleton: Ludwig August Frankl. Erinnerungen von Ottilie Franzos. — Zweimal zwei ist vier. Von Otto mar Keindl-Prag. — Literarische Rundschau. — Büch ereiulauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung.des Judentums") -. Berlin, Bosen. Görlitz, Hamburg, Köln, Schiras. — Von Nah und Fern. Sie Idee der Versöhnung im Judentum. Von Rabbiner Dr. Guttmann. I. er hier zum Abdruck gelangende Vortrag ist von mir in der dritten Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden am 17. Oktober 1909 in Breslau gehalten worden. Im engen Nahmen eines solchen Vortrages, bei dem ich mit Rücksicht auf die nachfolgenden Redner und auf die Erledigung der sonstigen Tagesordnung noch dazu an ein bestimmtes Zeitmaß gebunden war, habe ich selbstverständlich auf eine erschöpfende Behandlung des bedeutsamen Gegenstandes von vornherein verzichten und mich auf die Darlegung der wesentlichen in Betracht kommende Momente beschränken müssen. Daß ein apologetischer Vortrag, wie ihn die Verbandsleitung von mir gewünscht hatte, zumal wenn er der die Zentrallehre des Christentums bildenden Versöhnungsidee gewidmet ist, sich der Beleuchtung und Abwehr der dem Lehrinhalt des Judentums widersprechenden und ihm prinzipiell .entgegentretenden Anschauungen nicht entziehen kann, bedarf für den Kundigen keiner weiteren Begründung. Welche Bedeutung die Versöhnungsidee des Judentums für die fortschreitende Entwicklung des religiösen Bewußtseins auch noch in der Gegenwart besitzt, konnte dem Hörer nur auf diesem Wege erschlossen werden. Der bekannte Vorgang, der sich in der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden unmittelbar an meinen Vortrag angeschlossen hat, mag bei manchen das Bedenken wachgerufen haben, ob ich auf diesem Wege nickt doch zu weit gegangen sei und in meiner Polemik die gebührenden Grenzen überschritten habe. Es wird deshalb vielleicht auch weiteren Kreisen erwünscht, sein, meinen Vortrag in seinem durch den stenographischen Bericht über die Breslauer Versammlung festgelegten Wortlaut kennen zu lernen. Aus diesem Grunde bin ich dem Ersuchen der verehrlichen Redaktion dieses Blattes um Genehmigung zum Abdruck meines Vortrages gern uachgekommen. Breslau, den 19. Januar 1910. Rabbiner Dr. Guttmann. Hochgeehrte Versammlung! Es hat sich im Verbände der Deutschen Juden bereits als eine schöne Sitte herausgebildet, daß in jedem zweiten Jahre, unmittelbar nach dem Schluß dsr Feste, die der Erneuerung der heiligsten Ideale unserer religiösen Gemeinschaft gewidmet sind, auf seinen Ruf die hervorragendsten Vertreter der deutschen Judenheit aus allen kauen unseres Vaterlandes sich vereinigen, um sich mit einander über die Aufgaben zu verständigen, die wir nach außenhin zur Wahrung und Erweiterung unserer noch immer nicht in vollem Umfange anerkannten Rechtsgleichheit und nach innen zur Kräftigung des jüdischen Belvußtseins und zur Hebung des jüdischen Geistes in unseren Gemeinden in Angriff zu nehmen haben. Wie wir in dem Bekenntnis zu den das innerste Wesen des Judentums darstellenden Heilswahrheilen, welche die vorangegangenen Feste uns verkündet haben, uns alle zusammengefunden und in ihnen den Ausdruck der uns allen gemeinsamen Ueberzeugung anerkannt haben, so schließen wir uns heute, noch durchzittert von der nachklingenden Weihe dieser Feste, einmütig zusammen, um uns über alle Verschiedenheiten der Richtungen und Parteiungen hinweg zu einer gemeinsamen Beratung über die Gesamtinteressen des Judentums zu vereinigen. Die Vertreter unserer altehrwürdigen Gemeinde und ich mit ihnen empfinden es als eine hohe Genugtuung, daß Sie diesmal unsere in den Ostmarken des Reiches gelegene Gemeinde, die aber in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Judentums keinen unrühmlichen Platz einnimmt, zu Ihrem Beratungsort erwählt haben, und ich persönlich betrachte es als eine hohe Auszeichnung, der seitens Ihrer geehrten Verbandsleitung an mich ergangenen Aufforderung entsprechend, vor dieser erleuchteten Versammlung eine dem Lehrinhalte des Judentums angehörende Frage behandeln und Ihnen durch die Abwehr bewußter oder unbewußter Mißdeutungen einen bescheidenen Beitrag zur Aufklärung über das Wesen des Judentums darbieten zu dürfen. Ich habe zum Gegenstände meines Vortrages die Idee der Versöhnung im Judentum erwählt, an dasjenige' der vorangegangenen Feste anknüpfend, in dem der Lehrinhalt des Judentums seinen hehrsten und idealsten Ausdruck gefunden hat, an dem das religiöse Empfinden des Juden, das religiöse Leben in unseren Gemeinden gewissermaßen ihren Höhepunkt erreichen. Das Versöhnungsfest, das höchste und heiligste unserer Feste, erstreckt sich, losgelöst von allen nationalen Gedanken, wie sie mehr oder minder den anderen Festen zugrunde liegen, auf die eigentliche Lebensfrage der Religion, auf die Gestaltung des Verhältnisses zwischen dem Menschen und seinem Gott. Ist so das Versöhnungssest das universellste unter allen unseren Festen, so ist es doch zugleich und gerade deshalb auch dasjenige, in dem sich der Geist und der Genius des Judentums am schärfsten ausgeprägt haben. Denn was man auch von gewisser Seite über den angeblichen Partikularismus des Judentums sagen mag. das . Judentum ist seinen Grundgedanken und seinem, innersten Wesen nach die Religion des Universalismns, von dem Glauben an den einig-einzigen Gott als den Schöpfer des Alls ausgehend und auf die messianifche Verheißung einer in