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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Mittagessens, bei dem auch besagter Mauthner anwesend war und während dessen Franzos von den unsäglichen Mühen erzählte,. die die Entzifferung der Manuskripte Georg Büchners verursachte, mit dessen Herausgabe er eben betraut worden war. Mitte September löste sich das Gmundener Zusammensein auf. An einem der letzten Tage des Monats kam Franzos zu seiner Freundin Paula gestürzt, sie müsse ihn sofort in mein elterliches Haus begleiten. Er ließ ihr nicht einmal Zeit, zwei Schuhe anzuziehen — in einem solchen und einem Pantoffel ist sie mit ihm durch die Stadt Wien zur Brautwerbung gehumpelt. Von da ab waren wir beide wie Kinder im Hause Frankl. Noch während unserer Verlobungszeit, am IO. November 1876, wurde das Schillerdenkmal von Johannes Schilling von der Wiener Akademie der bildenden Künste enthüllt, das seine Entstehung ebenfalls Frankls Initiative verdankt. Später wurden unter seiner Mitwirkung noch die Hermen von Grün und Lenau auf demselben Platze errichtet. Kurze Zeit darauf erhielt er den Orden der Eisernen Krone und wurde in den Ritterstand erhoben. Er wählte das Prädikat Hochwart — seine Schöpfung, das Blindeninstitut steht auf der „Hohen Warte". Hohenwart als Prädikat war nicht mehr frei. Sein Wappen veranschaulicht die Verdienste und Eigenschaften, um derentwillen ihm der Adel zuteil wurde: Ein blindes Kind -- das Institut. Ein Einhorn (aus Schillers Wappen) -- das Schillerdenkmal. Eine Harfe der Dichter. Eine Palme die Schule, die er im Aufträge von Elise Herz geb. Lämel in Jerusalem gegründet hatte. Die Umschrift des Wappens lautete: „Durch Wort und Tat". Nebenbei gesagt, war sein Großonkel Israel Hönig der erste in Oesterreich geadelte Jude; mit deiy Prädikat von Hönigsberg. Eine Schlange befindet sich auch noch in Frankls Wappen. Er war Doktor der Medizin, ohne sie je ausgeübt zu haben. Warum er, der von je schriftstellerische Neigungen hatte — seine erste „Veröffentlichung" mag das Transparent gewesen sein, das er in Chrast, seinem Geburtsort, als Knabe anläßlich des Einzugs eines neuen Bischofs angesertigt hat: „Ein Fenster und mit'Kerzen, Aber Alles von Herzen," — warum also er Medizin studiert hat? In der Audienz, die ihm 1832 der damalige Kronprinz, nachmalige Kaiser Ferdinand, dem er sein erstes Buch „Das Habsburglied" gewidmet hatte, gewährte, fragte ihn dieser: „Warum studieren >S nit lieber Geschichte als Medizin? Da hätten Sie mehr Zeit und könnten einmal Professor werden." Ungeniert erwiderte Frankl: „Das hätte ich wohl gemacht, aber in Oesterreich kann ein Jude nicht Professor werden." Das Ehepaar Frankl führte Karl Emil Franzos am 28. Januar 1877 zum Trauhimmel in der alten Wiener Synagoge. Dieser Tag ist 27 Jahre später der Todestag meines Mannes geworden. Ich sehe Ludwig August noch mit liebenswürdig ernstem Lächeln ordengeschmückt neben Adolf Jellineck, der uns traute, und dem berühmten Oberkantor Sulzer stehen. Er besaß die österreichische und die preußische Medaille für Kunst und Wissenschaft, den Franz Josephs-Orden, die Eiserne Krone, den preußischen Kronenorden, den Wasaorden, den Danebrog, den griechischen Erlöser- und den brasilianischen Rosenorden. In seinen allerletzten Lebensjahren ist dann noch der Comthur des Weimaranischen Falkenordens dazu gekommen. Auch war er Ehrenbürger von vier oder fünf Städten. Offen bekannte er stets seine Freude an dieser äußeren Anerkennung seiner Verdienste. Frankl war durch 42 Jahre Sekretär der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde und hatte im alten Tempelgebäude eine Amtswohnung inne. Man gelangt noch heute durch die enge ,)Judengasse^ dahin, in der sich Trödekladen an Trödelladen reiht; und noch heute fährt der sich vornehm dünkende, hochzeitmachende Teil der Wiener Judenschäft durch diese Gaffe zum Tempel in der SeitenstMengasse. Wer sich im 2. Bezirk, in der Leopoldstadt trauen läßt, wird nicht als voll angesehen. Im 2. Stock des düsteren, nicht allzu sauberen Hauses war Frankls Heim. Ein paar Stuben nur: Eß- und Wohnzimmer, Frankls Arbeitszimmer^ und das Hofzimmer der Söhne. Grasgrün waren die Bezüge des Fränkischen „Salons", aus demselben Stück verfertigt wie die des unseren — eine Gelegenheitsentdeckung Paulas. Aber die Fußböden belegt mit orientalischen Teppichen, und die Wände so von oben bis unten bedeckt mit Kunstwerken und Erinnerungen, daß ich nicht weiß, wo ich beginnen soll, um davon zu erzählen. Erzählen, das konnte er! Der konnte plaudern, liebenswürdig, anmutig, schalkhaft und ernst. Ich glaube, er hat mir wohl im Lause der elf Jahre, die wir noch in Wien verbracht haben, bevor wir 1887 nach Berlin sind, die Geschichte eines jeden einzelnen dieser Stücke erzählt. Zuletzt freilich waren Frankls nicht mehr in der Seitenftättengasse — er hatte sein Amt niedergelegt — sondern bezogen eine Wohnung im schönsten der neuen Teile Wiens, hoch oben im vierten Stock, mit dem Blick über den Kaisergarten und. die Museen und all die anderen Prachtbauten, bis hinüber zum Kahlen- und Leopoldsberg. Aber mir gehört Frankl zum alten Wien, zum Wien, das schon im Jahre 1848 gestanden, da sein berühmt gewordenes Gedicht „Die Universität" das erste war, was in Oesterreich gedruckt wurde, ohne die Zensur passiert zu haben. Sein Bild als Legionär, die Fahne in der Hand, den grauen Kalabreser auf dem Kops, die breite Schärpe um die Brust war mir - immer das liebste von den vielen Porträts von ihm, die an den Wänden hingen, von Dannhausen, von Pollak, von Amerling und anderen. In seinen letzten Jahren ist noch eines dazu gekommen, aber so greisenhaft teilnahmslos hat er nie ausgesehen. Er ist frisch und arbeitsfreudig geblieben bis ganz zuletzt. Am 12. März 1894 ist er beim Mittagessen tot umgesunken, eine Stunde vorher hatte er einen Brief an seine sehr geliebte Schwiegertochter selbst in den Kasten gesteckt, tags zuvor einen Artikel zum 13. März, wie seit vielen Jahren zu diesem Haüpterinnerungstage der Wiener Revolution, an die „Neue Freie Presse" geschickt. Sein Legionärbild ■£- er war damals übrigens seit Jahren Redakteur der „Sonntagsblätter" und durchaus kein Jüngling mehr, aber himmelstürmend wie ein solcher, hat als Gegenstück einen knabenhaften Trommelschläger; der ist auch in die „Höhe" gekommen; er hat einige Jahre später, siebzehnjährig, am Galgen geendet! (Schluß folgt.) _*samz Sruckfrhlrr-Lrrichtigung. n dem Aufsatz der vorigen Nummer: „Glossen zu den Eindrücken aus Galizien" finden sich bedauerlicherweise mehrere Druckfehler, die hiermit berichtigt werden. Dem Verfasser war aus Versehen der Druckerei eine Korrektur nicht zugegangen. S. 45, 1, Abs. 1, Z. 11 lies holten statt hatten, S. 45, 1, Abs. % Z. 2 lies Mischne statt Misch na, S. 45. 1, Abs. 2, Z. 15 lies kamen statt kommen; dahinter ist doch ausgefallen,. S. 45, 1, Abs. 2, vorletzte Zeile ist gepriesen vor sein fortgeblieben, S. 45, 2, Abs. 1, Z. 10 lies Herabgedrückt statt hinabgedrückt, S. 45, 2, Abs. 1, Z. 23—25 fehlen vor da und hinter konnte die Anführungsstriche. S. 46, 1, Z. 11 fehlen vor w o die Anführungsstriche. S. 46, 1, Z. 12 lies an statt von, S. 46, Abs. 2. Z. 10 fehlen vor halbwüchsigen und hinter vi erzehnjährigen die Anführungsstriche. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Üer«mtwortlich für die Redaktion: Max «auchwi» in verü».

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