Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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verdiente, auch außerhalb Oesterreichs bekannter zu sein, Kompert und Wurzbach. Auch mit Stifter hatte es eine kurze Begegnung gegeben. Moriz Hartmann war ihr Lehrer gewesen, und hat ihr in einer seiner reizvollsten Novellen ein Denkmal gesetzt. Alfred Meißner ging in ihrem elterlichen Hause in Prag aus und ein, der Schriftsteller. Kulte besang sie. Aber 1866 waren diese Zeiten für meine Eltern schon vorbei. Allzu reicher Kindersegen, widrige, pekuniäre Verhältnisse, durch den unglücklichen Krieg mitverschuldet, und mancherlei anderes Schwere, ließen sie sich von jedem Verkehr zurückziehen. Frankl genas damals völlig. Seine Krankheit hat aber reiche Früchte getragen. Seine Phantasie hatte ihm, während der schweren Wochen, die er durchgemacht, alle Schrecken des Blindseins vorgemalt und sein leidenschaftliches Mitleid für die Unglücklichen erweckt, die im Dunkeln sind. So hat er, wiederhergestellt, seine Kraft, seinen Einfluß, seine Verbindungen daran gesetzt, um das Los der Blinden durch Hebung ihrer Bildung und Erwerbstätigkeit und damit ihrer sozialen Stellung zu mildern. Das herrliche Gebäude auf einer der sanften Erhebungen Wiens, inmitten seines großen Gartens, in dem schon Hunderte von Kindern zu tüchtigen Menschen herangebildet worden sind, verdankt ihm seine Entstehung. Zehn Jahre später, 1876, hatten meine Eltern auf luftiger Höhe ob Gmunden Sommerwohnung gemietet. In der Villa neben uns aber wohnte Dr. Ludwig August Frankl mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Natürlich wurde der Verkehr mit dem Nachbarhanse sofort angeknüpft. Für meine neunzehn Jahre gab es dort freilich nicht viel zu suchen. Dagobert Bruno und Lothar Amadäus waren noch Jungens und die Eltern hinwiederum ein wenig zu alt, wenn auch Paula, Frankls zweite Frau, schier dreißig Jahre jünger war als ihr Mann und obwohl beide ungeheuer viel Wohlwollen für die Jugend hatten, der alte Herr — er war damals 66 — noch besonders, wenn diese in einer halbwegs annehmbaren irdischen Gestalt wandelte. Aber ein anderes tat mir die Pforten dieses gastlichen Hauses auf, um sie nie wieder vor mir zu verschließen, denn noch heute darf ich zwischen all den gehäuften Schätzen, die der Dichter während eines reichen Lebens gesammelt hat, im Heim des Sohnes umhergehen. Frankl hatte nicht nur für die Jugend im allgemeinen Interesse, sondern noch ein ganz besonderes für das junge Talent. Und damals hatte einer auch in Gmunden seinen Erholungsaufenthalt genommen, dessen erstes Buch, was ja den Zeitgenossen noch in Erinnerung sein wird, wenige Wochen vorher ungeheures Aufsehen gemacht hatte. Das Buch hieß: „Aus Halbasien", der Verfasser, Karl Emil Franzos. Frankl zog den jungen Autor mit der Wärme eines alten Freundes zu sich heran, und seine Frau schloß ihn in ihrer stürmischen Art wie einen Sohn an ihr Herz. Aus jenem Sommer stammt der nachfolgende Brief an die Mutter von Franzos: Gmunden am Traunsee, 8. Septbr. 1876. Sehr geehrte Frau! Es dürfte dieses Schreiben, das ich an Sie zu richten mir erlaube. Sie befremden, da ich Ihnen persönlich unbekannt bin; jedoch nicht völlig fremd, wie mir Ihr Herr Sohn, mit dem ich hier seit zwei Monaten täglich und stundenlang verkehre, zu meiner großen Freude versichert. Es ist für einen Schriftsteller nichts befriedigender als zu erfahren, daß er da und dort und häufig, wo er es gar nicht vermutet, Teilnahme findet, und Ihnen hierüber meinen berechtigten Stolz auszusprechen ist der eigentliche Zweck dieser Zeiten; zumgl Ihr Sohn nicht, müde wird, mit der wärmsten Zärtlichkeit von seiner ebenso geistigen, edlen, frommen und charakterinnigen Mutter mir und meiner Gattin zu erzählen. Wenn auch gleiches Streben und Denken mich auf dem Gebiet der Kunst, Betrachtung des Lebens und feiner sittlichen und sozialen Erscheinungen uns rascher einander innerlich nahe gebracht haben, so ist es zumeist sein tiefes Gefühl für die Mutter, das eine stark verwandte Saite in mir erklingen machte und eine herzliche Sympathie für ihn in mir wachrief. Er ist so glücklich, noch die Mutter zu besitzen, und möge ihm dieses kostbarste Glück des Lebens noch lange erhalten werden! Ich entbehre dieses Glückes schon seit 30 Jahren, und noch jetzt hängt nrein Herz und meine Phantasie gleich stark an dem geliebten Schatten. Immer wieder bewahrheitet fich's, daß geistig produktive und phantafiebegabte Naturen — und Ihr Sohn ist ein Dichter — diese Eigenschaft, wie Goethe sagte: „die Kunst zu fabulieren", ihren Müttern zu danken haben. Mit welcher Teilnahme, ja mit welchem Stolze betrachtete und verfolgte meine Mutter die Anfänge und von ihr, wie ich wohl erkenne, weit überschätzten Erfolge meiner kleinen literarischen Laufbahn. Lange ehe diese vollendet war, entriß sie mir der Tod. Wie glücklich dagegen ist Ihr trefflicher Sohn! Welche Freude muß Sie erfüllen, bei Betrachtung seines morgenroten, jungen Ruhmes, dem ein sonnenheller Tag folgen wird. Und das ist ein seliger Teil und unsterblicher Besitz Ihres eigenen Lebens! Ich weiß es nicht, was mich abhält, Ihrem Sohne zu sagen, daß ich diese Zeilen und Betrachtungen an Sie zu senden wage; es kommt mir wie ein Verrat gegen ihn vor, und doch konnte ich nicht widerstehen. Ihnen meine warmen Glückwünsche auszusprechen, wohl auch aus Egoismus: einer edlen, selbst ideal gestimmten Frau, einer „Mutter" bekannter zu werden, als dies durch meine poetischen Versuche möglich ist. Sie werden die Andränglichkeit dieser Zuschrift, die immerhin keine bescheidene ist, gütig, wie Sie sind, entschuldigen. Weil wir aber vor dem Beginne der hohen Festtage stehen, so gestatten Sie freundlich den althergebrachten, treuguten Zuruf, wogegen ich mir den für einen Schriftsteller besten Glückwunsch von Ihnen erbitte: „Kessiwe tairwe!“ Freundlichste Grüße, voll Teilnahme, von meiner Frau und von mir den Ausdruck verehrungsvoller Ergebenheit, mit der ich zu zeichnen die Ehre habe Dr. L. A. Frankl. Schon am 2. August hatte Frankl an Anastasius Grün, in seinem letzten Brief vor Grüns Tode, mit dem ihn eine mehr als vierzigjährige Freundschaft verband, geschrieben: „Ich will diesen Brief nicht schließen, ohne Sie auf ein sehr interessantes Buch: „Aus Halbasien" von K. E. Franzos aufmerksam zu machen, das, vor wenigen Monaten erschienen, schon die zweite Auflage und eine Uebersetzung in's Englische und Französische erlebte. Es gewährt in schöner geistvoller Darstellung einen Einblick in uns genug naheliegende — zu nahe! — fast völlig neue Zustände und macht mit Psychologisch höchst merkwürdigen Persönlichkeiten bekannt. Zugleich ist das Buch sehr amüsant." Franzos lernte mich am 17. August auf der Gmundener Esplanade, wahrend Kaisers morgigen Geburtstag zu Ehren die Raketen stiegen und sich zahllos beleuchtete Schiffe aus dem See wiegten, durch Eduard Mauthner, den „Dichter der Eglantine", wie er sich selbst zu nennen pflegte, einem am Burgtheater aufgeführten Stück, kennen. Ihm zuliebe wurde ich dann wohl öfters eingeladen und zu Wasser und zu Lande mitgenommen. Besonders lebhaft erinnere ich mich eines